Kultur HAUPTSACHE, ES IST LEBENDIG.

HAUPTSACHE, ES IST LEBENDIG.

Interview mit Armin Völckers

Der Berliner Maler Armin Völckers ist ein gern gesehener Gast ist Oldenburg. Anlässlich seiner letzten Ausstellung in der Galerie Lake sprach CHAPEAU mit dem Künstler über das Wesen von Kunst.

INFO
Der Maler und Filmemacher Armin Völckers ist 1963 in Berlin geboren und verlebte seine Kindheit in Brasilien und in Hamburg. Nach einem Kunststudium in West-Berlin lebte und arbeitete er einige Jahre in München, wo er unter anderem den Jugendfilm „Leroy“ drehte, der 2008 als bester Jugendfilm mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Seither widmet sich Völckers wieder ausschließlich der Malerei.

CHAPEAU: Deine Ausstellung in Oldenburg heißt „In Betweens“. Sind Zwischenstände und Übergänge ein wichtiges Motiv deiner Malerei?

ARMIN VÖLCKERS:
Ja und nein. Im Prinzip ist jedes Bild ein Zwischenzustand. Picasso hat einmal gesagt dass er nie fertig wird, weder mit Sachen noch mit Bildern. In der Kunst ist das etwas ganz Natürliches. Das Leben ist ja auch in ständiger Bewegung und wird nie fertig. Wenn man es schafft, in eine endgültige Form diesen Zwischenstand zu bringen, ist das Kunst. Und wie Josef Beuys gesagt hat, ist dann auch egal, ob das ein Amateur oder ein Profi macht. Hauptsache, es ist lebendig.

Es gibt Maler, die ich nicht so mag wie andere, aber grundsätzlich finde ich jedes künstlerische Bestreben gut.

 

CHAPEAU: Ist Picasso eines deiner Vorbilder?

ARMIN VÖLCKERS:
Es gibt kaum einen Künstler unserer Zeit, für den Picasso kein Vorbild ist. Er hat eine eigene künstlerische Welt erschaffen, eine eigene Sichtweise, eine eigene Visualität – und auch eine eigene Art, seine Persönlichkeit zu kommunizieren. Er verkörpert die Freiheit und die Verantwortung der Kunst. Das schließt ein, dass man sich um das Leben auf diesem Planeten Gedanken macht. Ich glaube, als Künstler kann man nicht in völliger Zurückgezogenheit von der Gesellschaft und politischen Prozessen leben. Viele Künstler werden politisch aktiv, gerade weil sie sich über das Leben Gedanken machen.

CHAPEAU: Steht Kunst nicht über der Tagespolitik?

ARMIN VÖLCKERS:
Picasso war die Verantwortung klar. Er hat gewusst, dass eine Stellungnahme von ihm mehr Leute hören als von irgendeinem Maler aus der Nachbarschaft. Gleichzeitig war er frei, alles zu machen was er wollte. Für neue geometrische Ausdrucksformen hat er die Form des Menschen zerhackt. Mit „Les Demoiselles d’Avignon“ hat er schon 1906 angefangen. So etwas gab es vorher nicht, und das ist auch ein Statement. Leuten, die solche Bilder nicht gewöhnt sind, kommt es gewalttätig vor. Wenn es dann aber ein Jahrhundert lang gemacht wird, und es gibt Massenmedien, Fotos und Ausstellungen, dann gewöhnen sich die Menschen daran. Das Neue verbraucht sich, und Revolutionär der Kunst zu sein, ist langweilig geworden ist. Der Tabubruch ist heute das Normale. Mein Papa hat schon 1978 gesagt, in der Kunst kannst am meisten provozieren, wenn du bürgerlich bist.

CHAPEAU: Muss Malerei denn provozieren?

ARMIN VÖLCKERS:
Die Malerei ist eine Körpersprache. Ein Sportler, der sich andere Athleten bei Olympischen Spielen anschaut, versteht genau, was die da machen. Er kann es innerlich nachvollziehen. Er kennt jede Bewegung, sieht jedes Detail und bewundert vielleicht, wenn da noch ein kleiner Schlenker eingefügt wird. Genauso geht es mir bei der Malerei. Wenn ich ein Bild sehe, spüre ich in meiner Hand, in meinem Bauch und in meinem Kopf, was der Maler macht. Ich sehe ihn malen. Das Tolle beim Malen ist dieser Moment, wenn das Bild etwas zu machen anfängt, was du nicht gewollt hast. So neu und so schön, dass du merkst, da mehr am Werk ist als nur du. Du machst einen Strich, und es ist plötzlich ein Blatt. Oder du machst blaue Farbe, ein bisschen Ocker und ein bisschen Weiß irgendwohin, und plötzlich ist es ein Abendhimmel mit Wolken. Selbst wenn du nur Farben und Formen malst und versuchst, ein abstraktes Bild zu machen, kommt plötzlich ein Gleichgewicht, eine Harmonie zustande. Plötzlich schwingt dieses Rot oder dieses Rosa in genauem Gleichgewicht mit dem Hintergrund. Ellsworth Kelly macht einen Kreisbogen und stellt den auf die Spitze. Das hängt dann da, und du spürst, das ist genau der richtige Winkel, genau so ist es in Balance.

Eine Überdosis von Schönem, Gutem und Tollem ist schon wieder schrecklich.

CHAPEAU: Ein Gefühl von Perfektion?

ARMIN VÖLCKERS:
Es gibt Momente im Leben, die sind besser als andere. Da macht das Leben mit uns etwas Schönes, etwas Gutes, etwas Wahres. Es vertieft den Moment zu etwas Besserem. Meistens ist es etwas Neues, machmal ist es auch etwas Altes. Kunst ist, das Leben nicht nur zu affirmieren, sondern es auch aus dem Normalen zu erhöhen.

CHAPEAU: Die Erhöhung zu einer Idee von Schönheit?

ARMIN VÖLCKERS:
Es gibt heute eine Tendenz in der Kunst, besonders hässlich zu sein. Der Gesellschaft einen Zerrspiegel ins Gesicht zu halten. Als Abwechslung kann aber auch das schön sein. Stell dir einen Raum mit ausschließlich gut aussehenden Menschen vor. Alle schön, reich, gebildet und auch noch nett. Das ist doch wie in einer Geisterbahn, da fühlt man sich total unwohl. Und dann kommt einer, der ist hässlich und steht vor den anderen Gästen da als der dumme Larry das ist dann eine schöne Abwechslung. Wenn du den in der U-Bahn triffst, magst ihn vielleicht gar nicht, aber in dem Moment ist er dein Rettungsboot.

CHAPEAU: Da schaut man hin.

ARMIN VÖLCKERS:
Genau. So ist es auch mit der Kunst. Eine Überdosis von Schönem, Gutem und Tollem ist schon wieder schrecklich. Das ist im 19. Jahrhundert mit der Salon-Malerei passiert. Da waren so viele Frauen in Tunikas, so viele hehre Gestalten mit Schildern und Helmen, so viele tolle Landschaften und verlassene Gehöfte im Sonnenuntergang – irgendwann möchtest du mal etwas ganz anderes sehen. Das ist lebendig. Kunst versucht, diesen Moment herzustellen, und jeder Künstler spezialisiert sich auf etwas, das er besonders gut kann. Bei Renoir ist es dieses fein Getupfte, das Flirrende, Strahlende, Glänzende. Glänzend ist das Wort, das für Renoir am meisten zutrifft. Er war ja ursprünglich Porzellanmaler und ist auf all seinen Bildern irgendwie drauf. Auf dem Bild von dem Mittagessen zündet er sich mit zufrieden zusammengekniffenen Augen die Zigarette an. Anders das fröhliche Gesicht der Frau auf dem Bild. Frauen sind ja nie satt, wenn sie gegessen haben. Entschuldigung für dieses blöde Vorurteil, aber sie guckt anders als er. Er guckt, als ob er den Magen voll hat, und sie guckt, als würde sie die Situation genießen, da zu sein, mit diesem Menschen. Das gibt diesem Bild so etwas Echtes, Tolles. Jeder Maler erzeugt auf seine Art etwas Lebendiges und auch etwas Besonderes. Das kann mich faszinieren. Es gibt Maler, die ich nicht so mag wie andere, aber grundsätzlich finde ich jedes künstlerische Bestreben gut.

CHAPEAU: Auf den Bildern, die ich bisher von dir gesehen habe, sind Landschaften und Porträts farbenfroher als Straßenszenen in der Stadt. Hängt das damit zusammen, dass du in der Großstadt lebst?

ARMIN VÖLCKERS:
Da müssten wir jetzt gucken, welche Bilder das waren. Ich male viel aus der Erinnerung, und Menschen sind schwer zu malen. Du merkst sofort, wenn das Gesicht so schief ist und anatomisch nicht richtig funktioniert. Ich male gerade eine Frauenfigur von hinten, und ich frage mich, soll ich jetzt ein Kind oder eine Frau malen. Ich habe mich noch nicht entschieden und spiele mit der Größe des Gesamtbildes. Wie ist die Körpersprache? Kinder reagieren unmittelbar auf ihre Umwelt, sie packen die Hundeleine und rennen los. Eine Frau würde erst einmal viele Dinge nacheinander in Bewegung setzen. Diesen Ausdruck muss ich reinbringen, sonst sieht es schnell misslungen aus. Das Bild vom Menschen ist aufgrund der langen Kunstgeschichte, der Fotografie schon relativ weit abgegrast. Da ist es schwer, noch fruchtbares Land zu finden und nicht peinlich zu sein. Aber einige Leute finden noch ihre Nischen. Stephan Balkenhol malt diese gelangweilten Kleinstadtgesichter. Die kommen irgendwie alle aus Detmold, Paderborn oder Lüdenscheid. Allein die Namen stehen schon für eine taube Zone deutschen Gefühlslebens. Von der Anmutung her sind das total langweilige Menschen, aber so wie er die macht, zieht er einen damit in den Bann. Sie erinnern an ägyptische Wandmalereien oder an den griechischen Wagenlenker. Balkenhol hat da ein Geheimnis gefunden, das ganz außerordentlich ist. Deswegen ist er ja auch so hoch geschätzt als Künstler. Aber es ist schwer, so eine Nische noch zu finden.

CHAPEAU: Malst du deswegen auch so gern Stillleben?

ARMIN VÖLCKERS:
Entscheidend ist, dass ich einen Raum und eine Lichtsituation gestalte. Ich bin kein abstrakter Maler und habe anfangs immer eine sehr konkrete Idee, was ich machen möchte. Aber zu dieser Idee habe ich noch keinen Plan. Ich mache eine Blumenvase und lege ich ein bisschen Obst daneben. Ich muss mir angucken, wie das aussieht. Dann male ich daran herum und merke, das Ursprüngliche, der Stoff meiner Gedanken, gibt kein Bild her. Weil Gedanken aus einem anderen Stoff bestehen als Bilder. Eine Situation aus meiner Kindheit verwandelt sich in der Erinnerung in ein Märchenland. Etwas traumhaft Schönes, das dir wie ein Traum entgleitet. Du möchtest dich nochmal herumdrehen und an der Stelle weiterträumen. Du versuchst das in ein Bild umzusetzen. Ein Freund von mir ist Fotograf und versucht das. Eine Firma in Hamburg baut ihm am Computer tatsächlich seinen Traum zusammen. Aber wenn es fertig ist, ist es nur ein Bild, kein Traum. Auch noch das Bild von jemand anderem, man selbst kommt nicht darin vor. Man fängt mit der Idee an und muss die schmerzhafte Erfahrung machen, dass man von dem Bild nicht das kriegt, was man von ihm wollte. Von einem Bild kann man nicht erwarten, was es nicht geben kann. Was vor allem kein Bild von jemand anderem.

CHAPEAU: Was geben dir deine eigenen Bilder?

ARMIN VÖLCKERS:
Ich hänge meine Bilder nicht selbst auf. Wenn ich sie fertig habe, möchte ich sie loswerden und neue malen. Deswegen will ich auf dem Bild einen Raum oder eine Lichtsituation, eine momentane Situation für den Betrachter herstellen. In der Kunst versuche ich, Leute für den Moment glücklich zu machen. Ich habe mal Arnold Böcklins „Toteninsel“ nachgemalt, weil ich mich immer gewundert habe, warum dieses Bild die Leute so glücklich macht. Es ist die Insel. Die ist so geheimnisvoll, dass man da gerne hinmöchte. Über Generationen hat dieses Bild immer fasziniert. Es hat die Leute nicht einmal gestört, dass es bei Hitler im Büro hing. Mich würde das normalerweise tierisch stören. Aber es hat eine Ausstrahlungskraft. Kunst will dich für den Moment aus der Erdensphäre herausholen und in einen Raum in deinem Inneren oder in der metaphysischen Welt entführen, wo du etwas Höheres erleben kannst.

CHAPEAU: Du warst auch schon als Filmemacher aktiv. Wie bist du dazu gekommen?

ARMIN VÖLCKERS:
Ich habe in Berlin Kunst studiert und dann in München bei zwei Zeichentrickstudios gearbeitet. Dort habe ich ein bisschen vom Mediengeschäft mitgekriegt, und mein Freund Oliver Stoltz hat sich drei Beine ausgerissen, damit ich meinen ersten Film machen konnte. Auch Christian Cloos vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF hat mich gefördert. Die beiden haben es hingekriegt, dass ich den Film so machen konnte, wie ich ihn wollte. Viele Sachen würde ich heute anders machen, aber für ein Debüt war „Leroy“ wunderbar erfolgreich. Wir haben den Deutschen Filmpreis gewonnen. Ich habe den Film geschrieben und inszeniert, aber das geht zu 75 Prozent auf Ollis und Christians Konto.

CHAPEAU: Ist die Episode Film für dich abgeschlossen?

ARMIN VÖLCKERS:
Ja, vorerst einmal. Filmemachen ist anstrengend, und das Outcome ist so gering. Das Gute an der Malerei ist, dass du eine Welt erfinden kannst. Es geht nicht um das einzelne Bild, sondern um das Bild in einer langen Reihe. Wenn du von jedem Maler nur ein Bild hättest, nur einen Van Gogh, einen Renoir, einen Cezanne ich glaube, damit könnte man überhaupt nichts anfangen. Man braucht fünf oder sechs Cezannes, um zu verstehen, in welcher inneren Welt er gelebt hat. Bei guten Filmemachern wie Christopher Nolan ist es dann eben die Christopher-Nolan-Welt, in die du eintauchst. Das ist nicht nur „Batman“ oder „Inception“, sondern seine Art, die Welt zu sehen. Es gibt es nicht allzu viele Leute, die das können. Ich schaffe das nicht, eine solche Welt aufzubauen.

CHAPEAU: Du hast deine Kunst ja bereits mehrere Male in Oldenburg ausgestellt. Ist das für dich eine Erfolgsgeschichte?

ARMIN VÖLCKERS:
Ja, ich komme gern nach Oldenburg. Auch weil ich den Kreis der Galeriebesucher als ausgesprochen freundlich empfunden habe. Und Ralf Lake ist ein Traumgalerist. Er ist in erster Linie auch Künstler, hat bei Lüpertz studiert. Ralf denkt wie ein Künstler, oder er denkt für seine Künstler. Man arbeitet einfach gern mit ihm zusammen. Wir sind auch auf Anhieb miteinander befreundet gewesen. Wir sind ebenso Freunde wie Galerist und Künstler.

CHAPEAU: Das gibt es in der Szene wahrscheinlich nicht so oft?

ARMIN VÖLCKERS:
Das gibt es äußerst selten. Die meisten Beziehungen zwischen Künstler und Galerist sind okay. Du kannst nicht so etwas emotional Schwankendes wie Kunst zusammen machen, wenn du dich überhaupt nicht verstehst. Aber mit Ralf ist es besonders einfach. Besonders nett.

Das Gute an der Malerei ist, dass du eine Welt erfinden kannst.

CHAPEAU: Vielen Dank für das Gespräch.

Galerie Lake
Herbartgang 17
26122 Oldenburg
Tel. 0441 99878 20

www.galerielake.de

Kategorie: Kultur
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