Auf Schatzsuche nach Bordeaux

Eine Weinreise der besonderen Art

Hamburg, Sonntagmorgen, 5 Uhr. Ein wenig müde, aber voller Vorfreude steht unsere kleine Gruppe am Check-in. Größere Ausschweifungen am Abend haben wir uns versagt, aber ohne ein, zwei Gläser zur Einstimmung – so asketisch wollten wir dann doch nicht sein. Denn es geht nach Bordeaux, wo eine Weinreise, organisiert von Romeo Pavlovic, Weintresor, und von Rolf Alterauge, Inhaber der RSJ Weinfachagentur Hamburg, auf uns wartet. Die nächsten zwei Tage sind perfekt für eine Stippvisite, eine willkommene kleine Auszeit mit lieben Freunden und Bekannten, die man viel zu selten sieht, und mit denen man die Liebe zu französischem Wein teilt.
Als wir in Bordeaux-Mérignac eintreffen, begrüßen uns ein leicht bewölkter Himmel und noch angenehme 20 Grad – doch sofort spürt man das feuchtwarme Klima mit den Einflüssen des Atlantiks.
In unserer Unterkunft, dem Mercure in Libourne, reicht die Zeit, sich zu erfrischen und für ein Gläschen Champagner, um den Kreislauf ein wenig in Schwung zu bringen. Ein Blick auf das Programm lässt vermuten: Es muss nicht, aber es könnte sportlich werden: acht Besichtigungen mit Verkostung sind für uns gebucht. Um halb elf werden wir von unserem Guide Michelle, Bordeaux Export Manager, abgeholt, und es geht los durch die Straßen der kleinen Stadt am Dordogne.

Jeder Zwischenstopp ein Highlight

Auf dem Weg nach Clos du Clocher ist jeder Zwischenstopp ein Highlight: Das Château Angélus mit traumhafter Hanglage, dann das Château L’Evangile – von dem Baron de Rothschild sagt, es sei einzigartig und unwiderstehlich. Wie recht er hat. Und dann kommt das Château Cheval Blanc. Dieses 50 Millionen Euro schwere Bauwerk haut uns um. Von hier stammen Weine mit der höchsten Einstufung in der Appellation, Premier Grand Cru Classé A. Eine Flasche bringt bei Aktionen bis zu 3000 Euro. Mehr Klasse kann ein Zwischenstopp nicht haben, denken wir und werden bei der nächsten Station eines Besseren belehrt. Château Pétrus mag zwar etwas unscheinbar sein, aber der Wein zählt zu den angesehensten und meistgesuchten der Welt – eine Offenbarung für Weinliebhaber. Die Keller all dieser Weingüter kommen Altären gleich, und zum Niederknien sind ihre Weine.
Zum Lunch geht es nach Pomerol, vor den östlichen Toren von Libourne, wo fast 80 Prozent des angebauten Weines auf den 800 Hektar aus Merlot-Trauben besteht. Der Clos du Clocher von Winzer Pierre Bourotte ist hervorragend zum Lagern geeignet – zu schade, dass wir nur mit kleinem Gepäck reisen. Doch der Merlot begleitet unser Essen hervorragend. Wir genießen die ausgedehnte Mittagspause und plaudern an einem schattigen Plätzchen – inzwischen ist die Temperatur auf 30 Grad geklettert. Savoir vivre – so lässt es sich aushalten.
Um drei sind wir zur Verkostung bei Jean Baptiste Audy, wo all die höchstklassigen Weine ihren Platz in den Regalen finden: Château du Courlat, La Cabanne, Clinet, La Croix du Casse, Bonalgue, Brondeau, Hauts-Conseillants, Monregard La Croix ... um nur einige zu nennen. JB Audy gehört Pierre Bourotte, er ist nicht nur Winzer, sondern auch Négociant. Als Händler hat er sich auf „Petits Châteaux“ spezialisiert, also kleine, aber feine Güter, die ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten. Wie auch das Château Bisan eines ist. Wir werden persönlich vom Winzer empfangen. Ein Mann mit Herz, der geballte Leidenschaft ausstrahlt. Mit einem Funkeln in den Augen stellt er uns seine Weine vor. Beim Château Margaux sind wir dagegen nur Zaungäste, nur einen Blick können wir riskieren, aber der allein ist beeindruckend genug.
Als wir am Abend zum Diner am La Dominique eintreffen, verschlägt es uns ein wenig die Sprache, so beeindruckend ist die Kombination von altem Schloss und der modernen Architektur der „Terras- se Rouge“, die sich zudem perfekt in die Umgebung einfügt. Spätestens hier wird klar: Saint Émilion ist längst nicht mehr die verschlafene Region Frankreichs. Die Küche ist so exzellent wie die Aussicht. Ein atemberaubender Anblick: Die Terrasse verlegt mit roten Glassteinen, die beim Sonnenuntergang wie rote Trauben leuchten. Faszinierend und unvergesslich. Und endlich darf nicht nur verkostet, sondern auch getrunken werden. Wenn Arnold Schwarzenegger, der hier nebenan eine Hütte hat, jetzt noch auf ein Gläschen rüberkäme: perfekt.

Herzlichkeit, Können und Leidenschaft

Nach dem Aufwachen ist der erste Wunsch ein petit-déjeuner, Croissant, Milchkaffee, und der zweite ein vertrödelter Montag ... doch nur der erste geht in Erfüllung, denn um halb zehn sind wir zu einer kleinen Besichtigung des Château Semonlon verabredet, diesmal links der Gironde, dem Zusammenfluss von Garonne und Dordogne. Eine Verkostung ist natürlich inklusive – zum Ankurbeln des Kreislaufs gewissermaßen. Das Haut-Médoc, die zweitgrößte Appellation der Region, hat einen erstklassigen Ruf. Weltweit bekannt ist auch das Château Marquis de Terme, Margaux Cru, wohin wir als Nächstes fahren. Ein traumhaftes Gut mit Spitzenweinen, Eleganz ist gar kein Ausdruck! Das anschließende Mittagessen nehmen wir unter den Eichen im Innenhof ein und könnten nicht zufriedener sein.
Wir bewegen uns am frühen Nachmittag entlang der Weinstraße langsam Richtung Atlantik zum Château du Glana, Saint Julien, mit einer modernen, vornehmen Anlage. Die Burgenstraße, die durch das Médoc verläuft, ist sicher einer der schönsten; hier gibt es nicht nur die prestigeträchtigsten Weine, sondern auch zahlreiche Schlösser von außergewöhnlicher Architektur.

A votre santé!

So begrüßen uns in Saint Estèphe die zwei Türme des Château Lilian Ladouys, die geradezu aus den Weinbergen emporragen. Die tolle Atmosphäre auf dem Anwesen hängt auch mit dem guten Arbeitsklima zusammen, das im Team herrscht. So viele sympathische Menschen – von den Eigentümern bis zu den Mitarbeitern am Sortiertisch – tragen dazu bei, dass sich die Gäste wohlfühlen.
Zum Abschluss unseres Trips erwartet uns noch das Château Beauvillage, Médoc. Die Region im Norden wirkt eher karg, die weite Ebene wird nur durch flache Hügel und einige Dörfer unterbrochen, dennoch gibt es hier beste Voraussetzungen für hervorragenden Wein. Für uns genau das Richtige, um ein wenig runterzukommen und sich danach möglichst unsentimental auf den Heimweg zu machen.
FAZIT: Ein Kurztrip nach Bordeaux und zu den Weinstraßen – zwei im besten Sinne des Wortes volle, aber erfüllende Tage! Man möchte in jedem Fall länger bleiben, und man möchte wiederkommen. Eine unvergessliche Reise mit bleibenden Eindrücken.
Kategorie: Reisen
Chapeau - Das Magazin für kultivierte Lebensart - Logo