Veröffentlich am 7. August 2017 von Contentley

Bettnässer
02. Lebensart


Bettnässer
Text: Klaus von Due | Illustration: Detlef Krause

Gerne zugebend, dass Eitelkeit mir nicht fremd ist, erläutere ich hier, aus wiederkehrendem Anlass, eine von mir geprägte Begrifflichkeit: die des „Bettnässers“. Womit ich nicht die insbesondere Eltern bekannten, sich unwillkürlich einnässenden Kinder nach dem dritten oder vierten Lebensjahr meine, sondern eine Spezies, die zunehmend Gastronomen und beisitzenden Gästen den letzten Nerv raubt. Den allerletzten.

DEFINITION

Unterscheidet man bei Kindern zwischen primär und sekundär einnässenden, gibt es den hier besprochenen Typus nur „primär“ (also: war nie dauerhaft trocken). Der Bettnässer ist immer über achtzehn Jahre alt, bleibt aber im schlimmsten Falle bis ins hohe Alter aktiv.

Fast ausnahmslos männlich.

Bildungsnah, besserverdienend.

In der Regel (Ausnahmen bestätigen diese bloß) ist er konservativ gekleidet, aber stets mit einem besonderen „Twist“: einer roten Baumwollhose zu Hemd und Blazer (hey!), Ringelsocken zu einem an sich untadeligen Outfit aus gutsitzendem Anzug und handgemachten, betont klassischen Schuhen (witzig!) oder mit der sogenannten „Hamburger Nackenwelle“ (denken Sie jetzt an Michel Friedmann) bei ansonsten untadeligem Antritt.

Kein ausgesprochener Einzelgänger, ist er aber überwiegend „Anführer“ einer ohne ihn unverdächtigen und mutmaßlich angenehmen Gruppe von Menschen. Seltener tritt er in kleinen Gruppen Gleichgesinnter auf; dann wird die Situation vollkommen unerträglich.

VERBREITUNG

Urban. Mit Vorlieben für kleinere bis mittelgroße Städte – wobei er als Reisender natürlich die Metropolen der Welt kennt und auch dort mitunter störend wirkt. Eigentlich „lernt“ er aber dort; worauf ich später noch eingehe.

Mit Sicherheit dort anzutreffen, wo „man“ hingeht. Wo das gastronomische Angebot breit und tief gestaffelt ist. Wo genug „los“ ist, dass auch Aushilfen beiderlei Geschlechts beschäftigt werden. Wo das Geräuschniveau niedrig genug ist, um seine Ein-(oder Aus-)lassungen weithin hörbar zu machen.

URSACHEN

Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Naheliegende Vermutung: ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex. Chronische Verstopfungen. Eine Hyperaktivitätsstörung. Noch einmal: keine Ahnung.

SYMPTOMATIK UND DIAGNOSTIK

Ich stehe hinter einem Tresen (und vor einem Rückbuffet) mit 72 Sorten Gin. Sie sitzen davor. Sie haben einen Gin and Tonic bestellt und sind mit sich und der Welt zufrieden. Da kommt ein Gast mit roten Hosen zum blauen Blazer, ohne Krawatte und Strümpfe, aber mit gut geputzten Tasselloafers britischer Provenienz an den Tresen. Grußlos; klar. Mustert minutenlang die 72 Sorten Gin, um dann den zu verlangen, der nicht da ist. Nach einigem Hin und Her darf es dann (missbilligend) eine Alternative sein. Dann darf ich sämtliche Sorten Tonic Water aufzählen, wissend, dass ich scheitern werde. Eines darf es dann, muss es ja sein.

Sie denken jetzt, von Ihrem Smartphone aufsehend, das sei es gewesen, aber, nein, nein, da geht noch was. Wie kalt mein Eis sei. -28 °C seien zwingend notwendig, weil der Drink sonst verwässere. Der handgesägte Block sei den Würfeln vorzuziehen. Die Kugel kühle gleichmäßiger und langsamer. Auch das geht vorüber, bleibt die Frage: Mit oder ohne Gemüse?

Nehmen wir an, gewünscht würde Gurke. Ich schneide drei dünne Scheiben und fächere sie auf, fixiere sie mit einem Stirrer, da erfahre ich schon, dass sie (die Gurken) im „Dorchester“ (London) in Sticks gereicht würden. Hätte ich nun einen gleichmäßig schönen Stick geschnitten, wüsste ich im selben Moment, dass das „Raffles“ in Singapur Slices reicht ...

Seltener geht es um das Glas. Greife ich zum Highball-Becher– heißt es: Bitte im Weinglas. Und umgekehrt. Und das rund vierzehnmal am Abend.

In siebenundzwanzig Jahren brachen Wellen über mir zusammen, die mich sicherlich stählten, aber die unbeschwerte Freude an manchem Getränk nahmen: am Whisky (dem schottischen). Anfang der Neunziger. Single Malt. Speyside, Barrel proof, mit weichem Wasser aus der Pipette. Wodka. Kohlegefiltert. Goldgefiltert. In Schweden. Der Schweiz. Am Hindukusch. Am Kaffee. Gefiltert, kaltgefiltert, heiß gepresst, kaltgepresst. Siebträger. Am Gin. Am Rum. Am Wermut. Am Bourbon. Für mich die – gefühlt – letzte Bastion. Fragte ich bisher arglos, was man habe, um Jim Beam klaglos, Knob Creek begeistert zu akzeptieren, löst heute die Frage mitunter schon namenloses Entsetzen aus. Zum Heulen, einfach zum Heulen.

THERAPIE

Unmöglich. Mir, wenigstens. Aber: Prophylaxe! Das geht. Aber auch nur bei sich selbst. Gehen Sie in irgendeine gut gehende, gerne auch angesagte Bar. Bestellen Sie sich einen Gin and Tonic. Genießen Sie (bitte nur ganz kurz!) die Andeutung von Fassungslosigkeit im Gesicht des Bartenders. Und schieben dann rasch nach: am liebsten Gordon’s, viel Eis, kein Gemüse. Und Schweppes. An dem erleichterten, gelösten Blick dürfen Sie sich den Rest des Abends erfreuen. Wenigstens dann, wenn er Ihnen gilt – und nicht dem, für den schon wieder Zimt zerstoßen, Orangenzesten flambiert und Salbei frittiert wird.

Was Sie davon haben? Unbeschwerten Genuss.

FAZIT

Genießen Sie Ihren „Alten Hullmann“ (oder welchen Korn auch immer), solange es noch geht. Oder ein Glas Milch. Eine Tasse heiße Schokolade. Sherry, Portwein. Selbst Whisky (den schottischen) kann man wieder bestellen, ohne sich verdächtig zu machen. Hörte davon, dass sogar Wodka wieder ginge ... Ich halte Sie, bei Interesse, gerne auf dem Laufenden. Denn noch habe ich da, hinter meinem Tresen, nicht aufgegeben.


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