Veröffentlich am 6. Oktober 2017 von Contentley

Chateau Schembs: Wo der wilde Winzer wohnt
02.03. Genuss


Chateau Schembs: Wo der wilde Winzer wohnt
Auf ein persönliches Gespräch mit Arno Schembs im Weintresor, Oldenburg

CHAPEAU: Für einen ersten Eindruck von dir, zwei kurze Fragen: Mosel oder Rheinhessen?
ARNO SCHEMBS: Rheinhessen! Natürlich.

Bordeaux oder Barolo? Barolo.

Chateau Schembs: Was ist das Konzept? Was steckt dahinter?
Chateau Schembs ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Ich beschäftige mich seit Anfang der 90er Jahre, neben dem Weingut, mit denkmalgeschützten Häusern. Und habe in unserem Dorf im Laufe der Zeit fünf Häuser gekauft und renoviert. Am Ende der Hauptstraße, an der diese Häuser, neben vielen anderen stehen, steht ein wunderschönes Schloss. Seit fast tausend Jahren, damals weitestgehend leerstehend. Irgendwann bin ich dann von den zuständigen Leuten in Worms angesprochen worden, ob ich nicht irgendeine Idee für das Schloss hätte. Nun hatte ich die fünf Häuser mit einem befreundeten Architekten renoviert, und wir haben ziemlich spontan gesagt: Wir nehmen das Schloss. Wir renovieren es – und werden versuchen, es wieder mit Leben zu füllen. Der Teil des Schlosses, der zu Chateau Schembs geworden ist, ist ein wunderschönes Stadtpalais, oder besser: Dorf-Palais, mit einem riesengroßen Keller. Das ist immer noch wunderbar. Nach mehreren Jahren Verhandlung hatten wir plötzlich dieses Haus! Mit vielen Gesindehäusern – und der Frage: Was machen wir denn jetzt damit? Als Weinbauer kam mir natürlich schnell die Idee, daraus ein Projekt zu machen, das meine Arbeiten mit alten Häusern und meine Arbeit mit Wein direkt verbindet. Und da das auch am Ende der Straße liegt, findet da, nach fünf wunderschönen Haus-Projekten, rein räumlich so etwas wie die Krönung meiner Arbeit statt. Als es losging mit Haus und Kellern, hatten wir noch gar keinen Strom. Aber: die (Anm. d. Red.: Trauben-)Ernte stand vor der Tür. Die Idee reifte, dann eben Wein wie vor hundert Jahren zu machen. Als man hier sowieso noch keinen Strom hatte. Das hieß, aus den Weinbergen rund ums Dorf die besten Trauben zu selektionieren, abends, über den Herbst, hundert bis zweihundert Kilo, also bis zu zwanzig Eimer voll,
was eine sehr überschaubare Menge ist, barfuß zu treten, den Saft aus dem hochliegenden Raum, in dem das stattfand, allein in den Keller, in die Holzfässer fließen zu lassen. Aus der Not geboren, hätte man es dennoch nicht besser planen können. Inzwischen ist Chateau Schembs der Name unseres Weingutes, der Name unserer Top-Weinlinie, gleichzeitig aber auch ein Veranstaltungsraum, in dem Konzerte stattfinden, in dem Lesungen, Theater, Ausstellungen Leute anziehen. Und unser Job ist es, dass die Leute danach „besser“ nach Hause gehen.

Beeindruckend! Ein kurzer Sprung zurück – aus rein persönlichem Interesse: Auf die Frage Bordeaux oder Barolo hast du mit Barolo geantwortet. Als fast fanatischer Bordeaux-Liebhaber frage ich: Warum?
Weil aktuell meine Tochter im Piemont studiert, weil ich vor acht Wochen da war, viele schöne Barolo getrunken habe, und weil es eher eine emotionale Geschichte war: Du fragtest, ich hörte Barolo – und dachte an meine Tochter. Die ist übrigens gerade hier. Ansonsten studiert sie bei Carlo Petrini (Gründer der internationalen „Slow-food“-Bewegung; Anm. d. Red.) „Scienze gastronomiche“, ein ziemlich umfassender Studiengang, der meines Wissens nur dort angeboten wird.
Ein Credo von dir ist, wenig überraschend: Der Wein muss schmecken. Deine Definition von gutem Weingeschmack? Das ist eine Definition verschiedener Faktoren. Da ist zunächst einmal der Wein, der im Mittelpunkt steht. Dann die Leute, mit denen ich den Wein trinke, die Räume, in denen ich ihn trinke – und schlussendlich die Stimmung. Ich bin einmal gefragt worden, welches der beste Wein ist, den ich je getrunken habe. Da fiel mir ein, dass ich einmal mit meinem Fahrrad nach Teneriffa geflogen bin. Und da kann man am Strand starten, um von dort 3.200 Höhenmeter auf den höchsten Berg Spaniens zu fahren. Ich bin da hoch, mit ein bisschen Training, mit einem guten Freund, und wieder hinunter. Völlig am Ende … Und unten machte gerade irgendwo irgendwer seine Gastwirtschaft auf – und da stand kalter Weißwein. Wir da hin, ein Glas Wasser – und eine Flasche Wein getrunken. Und das war der beste Weißwein in meinem Leben.

Das Erlebnis beschreibt die Verbindung von Stimmung und Gefühl, die ich für wichtig halte. Trinke ich einen exzellenten, sauteuren Wein in einer Scheißstimmung – kannst du es vergessen. Ein preiswerter Wein mit Superstimmung genossen – perfekt. Darum halte ich nichts von einer Weinklassifizierung nach Punkten.

Stichwort: Urlaubswein.
Genau. Zu Hause angekommen, fehlt ein Teil. Für mich ist das Zusammenspiel ein Fünfeck. Und wenn eine Ecke fehlt, ist es kein Fünfeck mehr. Aber auch kein Viereck geworden. Es ist nichts. Nur noch Wein, der nicht mehr derselbe ist. Manche Leute sagen natürlich, der Wein habe sich doch nicht verändert. Ich sage dann: doch, er hat sich verändert. So wie dieser Raum hier ohne Licht auch nicht mehr derselbe wäre. Kurz: der Wein hat sich verändert.

Wir trinken gerade deinen Roten, den Einsteiger ...
Unsere „unterste Schublade“, ja. Aber die Stimmung ist gut, die Umgebung sehr schön (wir sitzen in Romeos „Weintresor“) – und? Der Wein ist großartig, oder nicht?

Ja! Erstaunlich. Auf der ProWein (der deutschen Leitmesse für Wein) probierte ich ihn zum ersten Mal und dachte: Ach Gott, ja, kann man trinken. Und gerade verblüfft mich der langsame, sehr lange Abgang, eine Weichheit ... Und er ist lecker! Und fast „italienisch“ in seiner Trinkbarkeit, Unkompliziertheit.
Mit dieser Beschreibung kann ich leben ...

Du agierst in unterschiedlichen Preissegmenten. Und ein „Vorzeigewein“ wie deine „Wilde 16“, nach 14, 15 in den Vorjahren, ist ja nicht irrsinnig teuer. An was wird gespart?
An nichts. Ich glaube einfach, dass es relativ einfach ist, einen hervorragenden Wein für 20 Euro zu machen. Das ist genauso, als ob ich einem Koch sagen würde: Koch mir mal was Schönes für 40 Euro. Spannend wird es doch erst, wenn ich dem Koch sage: Koch mir mal was Schönes für acht Euro! Dann erst wird er mit Phantasie arbeiten müssen, kocht wahrscheinlich mit ganz anderen Dingen. Vielleicht nur mit Kartoffeln und Salz. Aber er wird sich auf das Wesentliche konzentrieren. „Reduce to the max.“ „Wilde 16“ ist ein Wein, der binnen kürzester Zeit unser meistverkaufter Wein geworden ist. Natürlich hängt das auch mit dem Preis zusammen. Es ist, wie gesagt, einfach, einen guten Wein für zwanzig Euro zu machen. Aber wie sieht’s denn bei acht, neun Euro aus? Als ich eingangs sagte, ich spare an nichts, meinte ich, dass ich nicht sicher bin, ob ich das, was ich, was wir tun, „sparen“ nennen würde. Wir reden hier ja von einem Alltagswein. Und der darf auch eher 11 Prozent anstatt 13, 14 Prozent Alkohol haben. Mit anderen Worten: Wir ernten in den Weinbergen ordentliche Erträge, die dann nicht bis ins Allerletzte ausgereift sind, folglich in einem Zustand von 85 Oechsle geerntet werden, relativ früh, um auch die Aromatik des Sauvignons zu erhalten. Die Stachelbeere, die Erbse, die Litschi ... Diese verführerischen Aromen verschwinden, wenn man Sauvignon zu lange ausreifen lässt. Dann wird er eher breitschultrig, muskulös. Das Grazile verschwindet. Wir ernten also früher und reduzieren die Erträge nicht. Wir lassen dem Wein seinen Wildwuchs und versuchen, mit knappen Mitteln, einen „Wilden Wein“ zu machen.

Arno Schembs - Winzer

Ausblick in die Zukunft: Wohin geht die Reise?
Nicht größer werden. Nur besser. Nur noch mit sympathischen Menschen zusammenarbeiten. Übrigens ist Oldenburg ein idealer Standort! Vor Kurzem sagte ich mal, ich akzeptiere mich so, wie ich geworden bin. Zufrieden zu sein mit dem, was ich habe. Damit zu arbeiten. Dieses Jahr ist das Luther-Jahr; Martin Luther hat vor fünfhundert Jahren seine Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre geschlagen. Und einer seiner schönsten Sätze lautet: „Aus einem kranken Arsch kann kein
gesunder Furz kommen.“ Ich übersetze mir das mit „bei sich bleiben“, „Zufriedenheit schätzen“. Und gesund bleiben, auch wirtschaftlich. Und das zu schätzen.

Und in Bezug auf Produkte? Gehst du da verstärkt mit dem Zeitgeist?
Ach, Zeitgeist ... Wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass die Deutschen jemals so viel Rucola essen? Ich bin sicher, in weiteren zwanzig Jahren werden auch meine Kinder gar nicht mehr zwischen „trocken“ und „halbtrocken“ unterscheiden. Sondern die nehmen sich eine Flasche Chardonnay, eine Scheurebe und einen Sauvignon mit auf die nächste Party. Und auf meine Frage: Wie trinkt ihr die, nacheinander, in welcher Reihenfolge?, erntete ich einen Blick nach dem Motto „Ey Alter, geht’s noch?“ Das wird irrelevant. Man verliert die alten, dogmatischen Trennungen, man sieht Wein immer weniger verkopft. Ob er trocken ist und schmeckt, ist genauso gut, als wenn er süß ist und schmeckt. Insofern wird es bei uns mehr süße Weine geben. Der von mir geprägte Begriff „süß und lecker“ ist Programm. Nicht für unser gesamtes Sortiment, das gesamte Weingut, aber süße Weine werden dazukommen.

Du definierst Wein auch gerne als Erlebnis, als eine Emotion. Was sollte ich denn erleben, was sollte ich fühlen?
Ich glaube, man sollte als Erlebnis die Region, die Jahreszeit schmecken. Spaß daran haben. Und man sollte bei Wein die Tradition, das Handwerkliche schmecken. Ich bin sicher, hier bei Romeo im Laden Weine zu finden, von denen es zweihundert, dreihundert Flaschen, also extrem wenig gibt. Wein kann aber auch Massenprodukt sein. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich aber schon für 10 Euro etwas Individuelles, Spezielles bekommen kann, finde ich das großartig. Vor allem, wenn ich das Handwerk, das Individuelle, herausschmecke. Ich bin dagegen, den Leuten das immer wieder zu erklären. Freue mich aber, wenn sie‘s begreifen! Es selbst feststellen, entdecken.

Wenn du die Begriffe „Lifestyle“, „Lebensart“ hörst, an was denkst du?
Wenn ich vier Wochen in Herrnsheim bin, denke ich, ich muss nach Berlin oder Zürich. Bin ich drei Tage in Berlin, freue ich mich auf zu Hause. Vielleicht ist es die Auswahl, die ich habe, die ich auch wirklich treffe, die ich mit Lebensart verbinde. Meiner Lebensart. Abwechslung. Bewusste Auswahl. Und Menschen. Menschen, die ich mag.

Ob ich das alles richtig sehe, weiß ich nicht. Zu sagen, ja, bedingt auch viel Überheblichkeit. Aber ich erfinde mich nicht mehr neu. Der Zug fährt in eine bestimmte Richtung, und ich verändere meine Position. Im Zug. Gehe mal entgegen der Fahrtrichtung; am liebsten ins Bistro (lacht).

Wo liegt dein „Nullpunkt“? Wo kommst du zur Ruhe?
Auf dem Fahrrad. In den Bergen, in den Alpen, aber wir müssen das gar nicht so hoch hängen. Schon vom Weingut zur Wohnung fahren, hat denselben Effekt. Eine tägliche „Reset-Taste“.

Du hast einen Wunsch frei. Wie lautet der?
Dass generell begriffen wird, dass Menschen an sich keine Bedrohung füreinander darstellen. Hier sitzen gerade ein Sarde, ein Serbe, ein Perser und ein Rheinhesse zusammen. Fühlt sich irgendwer bedroht? In Oldenburg? Im Gegenteil. Die Welt wird sich weiterhin verändern. Und wir dürfen unsere Lebenszeit dabei sein. Das ist spannend, das ist gut. Und ich wünsche mir, dass alles, was fremd ist, fremd scheint, als Bereicherung wahrgenommen wird. Die es ist!

Eine schöne Einstellung. Vielen Dank für dieses tolle Gespräch.


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