Da ist Kunst zwischen den Reben

Interview mit Victor Diel

CHAPEAU: Über 200 Jahre lang gibt es das Schlossgut Diel bereits. Ist dir das ein stolzes Erbe, oder doch eher eine schwere Bürde?

Victor Diel: Fragezeichen?

Fragezeichen.

Es ist Privileg und Ehre, in solch eine Familie hineingeboren zu sein und die Tradition in der siebten Generation leben zu können, aber es bringt Herausforderungen mit sich, denn die Fußstapfen meines Vaters sind durchaus groß. In gewisser Hinsicht ist es tatsächlich auch eine schwere Bürde, die in unserem Fall jedoch meine Schwester trägt, weil sie vor Ort lebt und die Weine macht – das Weingut leitet. Ich bin vor zwölf Jahren ins Exil nach Hamburg gezogen und habe mich für die Arbeit im Vertrieb entschieden.

Ich habe deine Schwester Carolin auf Schloss Bensberg kennengelernt. Vom Vine-Award und der Bedeutung des Preises liest man auf eurer Homepage nichts. Bescheidenheit oder Desinteresse?

(lacht). Das ist eine gute Frage! Sicher ist es kein Desinteresse, sondern es sind eher zu viele Baustellen, um die Homepage nachhaltig zu pflegen. Denn wir freuen uns natürlich über die Auszeichnung! Über jede Wertschätzung, jede Lobeshymne – so wie jeder Mensch, der Anerkennung braucht.

Eure Einzellagen sind hochdekoriert. Und hierzu findet man auch jede Auszeichnung auf der Homepage. Vermutlich ist jede einzelne genau so, wie du es dir vorgestellt hast. Wenn es doch einmal Kritik gibt: Berührt dich das, oder ist der Kritiker dann nicht im Stande, eure Weine zu verstehen?

Das ließe sich heiß diskutieren. Zunächst zu den Lagen. Pittermännchen, Goldloch und Burgberg sind sehr alte Lagen, die es schon seit Jahrzehnten, zum Teil seit Jahrhunderten gibt und die es zu Ruhm und Ehre gebracht haben. Das sind großartige Lagen. Am Ende des Tages ist dies auch ein Riesenfundus unseres Weingutes und eine Plattform, auf der wir aufbauen und mit der wir arbeiten können, weil die Qualität des Weines dem Weinberg entspricht. Wir können durch unsere Arbeit im Keller und am Weinberg ein Feintuning vornehmen, aber achtzig Prozent der Qualität eines Weines entspringt dem Weinberg. Der Kellermeister oder Winzer kann das Ganze dann zur Perfektion bringen oder abrunden, kann seine Stilistik, seine Philosophie einbringen, aber den Ursprung der Qualität, den können wir nicht beeinflussen. Der liegt im Boden. Den müssen wir wertschätzen, und das ist unser höchstgeschätztes Asset und Gut. Wenn nun ein Kritiker oder Weintrinker unsere Weine nicht mag, dann ist das so, das können wir nicht ändern. Aber ich würde dann nicht hochnäsig sagen, der hat keine Ahnung. Wein ist nun einmal sehr subjektiv. Ich mag zum Beispiel keinen Sauvignon blanc. Und ich kann doch nicht zu einer der bestlaufenden Rebsorten in Deutschland sagen, sie sei schlecht! Sie schmeckt mir einfach nicht.

Salopp gesagt: Da, wo ihr mit euren Weinen seid, ist oben. Gibt es den Wunsch, darüber hinauszukommen, quasi ein Äquivalent zu Petrus und Mouton zu schaffen?

Bei der Frage würde meine Schwester wahrscheinlich schmunzeln, wenn sie am Tisch säße, weil unser Vater schon sehr frankophil ist. Für ihn waren immer die französischen Spitzen-Chateaus wie Petrus, Mouton oder Laffite. Wir haben dann immer gesagt: Das ist nicht Deutschland, das sind wir nicht. Ich finde, wir sind in den sieben Generationen sehr weit gekommen. Unser Vater hat einen großen Anteil dazu beigetragen, unser Weingut, unsere Weine da zu platzieren, wo sie heute sind. Wir können uns sehr glücklich und zufrieden schätzen. Aber Luft nach oben schließe ich nicht aus …

Der Künstler Johannes Helle malt seit 1987 in euren Kellern und gestaltet sie. Vermutlich eine Idee des Seniors … Was verbindet dich mit der Kunst von Helle?

Johannes kenne ich von Kindesbeinen an. Aber für die Geschichte muss ich ein bisschen weiter ausholen: Wir sind 1987 vom Münsterland ins Weingut gezogen. In Münster hatte mein Vater zuvor auf einer Vernissage Johannes Helle kennengelernt. Als mein Vater sich nach unserem Umzug den Tankkeller angeschaut hat, fand er ihn zu düster und irgendwie nicht schön zum Arbeiten. So kam er auf die geniale Idee, seinen zum Freund gewordenen Künstler Johannes Hellem zu bitten, diese Tanks künstlerisch zu gestalten, Johannes auch sehr gut gefallen hat … Zu der Zeit hatten meine Schwester und ich ein Kindermädchen. Wir waren etwa fünf und sieben Jahre alt, und Johannes, der damals um die 60 war, verliebte sich in das viel jüngere Kindermädchen. Und aus den geplanten zwei Monaten wurden zwei Jahre, in denen er alles, was Farbe trug, mit Farbe bepinselte. Also den gesamten Keller, die Böden des Kellers, die Wände … In die Weinberge hat er große Schilder mit den Namen Goldloch und Pittermännchen gemalt. Ich erinnere mir noch das erste Pittermännchen-Schild, auf dem kleine Männchen die Buchstaben bildeten. Eine tolle Zeit, die uns auch geprägt hat, denn Johannes war unser Alltagsbegleiter, ein Familienmitglied. Seitdem kommt jedes Jahr wieder, um die Tanks neu zu gestalten. Dieses Jahr wird es sein dreißigstes Werk. So wurde das graue Loch zum künstlerischen Keller.

Viele Menschen, die große Weine schätzen und trinken, sammeln auch Wein. Sind die aus deiner Sicht identisch mit Kunstsammlern?

Weinsammler, Kunstsammler … da gibt es viele Parallelen, denn beides hat mit Kultur und mit individuellem Geschmack zu tun. Menschen, die die Ästhetik in der Kunst sehen, sehen sie auch im Wein, in der Kulinarik. Beides erfordert Leidenschaft. Bei uns im Weingut habe ich ganz oft auch schon das Thema Wein mit anderen schönen Leidenschaften verbunden. Wir haben Konzerte gegeben, wir haben das Theaterstück „Jedermann“ bei uns im Garten aufgeführt, wir hatten Mario Adorf für eine Lesung da. So ergeben sich tolle Synergien.

Wie darf ich mir deinen Alltag vorstellen?

Da Vertrieb und Marketing mache und nicht der Önologe bin, sieht mein Alltag ein bisschen anders aus als auf dem Weingut. Ich befasse mich auch mit anderen Weinen als nur den eigenen. Meine Kernaufgabe ist, die eigenen Weine zu vermarkten, die Kunden zu besuchen. Ich reise regelmäßig nach Asien, nach Hongkong, Singapur, nach Thailand, Japan, China, um unsere Importeure zu treffen und unsere neuen Weine vorzustellen. Ich versuche, vor allem den Angestellten der Importeure unsere Produkte nahezubringen und zu erklären, zu welchem Essen sie passen … Weiterhin bin ich in Norddeutschland unterwegs und besuche hier die Gastronomen, aber auch Fachhändler und Konsumenten, denen ich unsere Weine vorstelle. Wir verkosten dann – der schöne Teil des Ganzen –, und dann gibt es andere die Dinge, die ich betreue. Ähnlich wie mein Vater mache ich kulinarische Weinreisen. Das heißt, drei- bis fünfmal im Jahr organisiere ich für Kleingruppen von maximal 12 Leuten Reisen in die Spitzenanbaugebiete Europas.

Als deine Schwester zur Nachfolgerin bestimmt wurde, versetzte dir das einen Stich, so einen „Mach-doch-euren-Kram-alleine“-Impuls?

Das ist natürlich ein umstrittenes Thema, wenn man so möchte. Da gibt es ein lachendes und ein weinendes Auge. Aber Carolin hat nun mal die Initiative ergriffen, Weinbau zu studieren und im Weingut zu leben und sich mit der täglichen Arbeit dort zu befassen, so dass ich nicht plötzlich sagen kann: Mensch, ich will das auch alles. Ich habe mich für einen anderen Weg entschieden. Insofern betrachte ich das verhältnismäßig nüchtern und neutral, entspannt. Wir haben zudem eine Lösung gefunden, bei der wir gut zusammenarbeiten und versuchen, das Familienerbe gemeinsam zu neuen Horizonten zu tragen.

Auf einer Blindverkostung: Erkennst du eure Weine wieder? Ganz ehrlich!

Da würde man sich schon sehr weit aus dem Fenster lehnen. Jeder, der das behauptet – und ich habe alle möglichen Winzer und Weinhändler erlebt, die das von sich behaupten – hatte mal ein Erlebnis, es nicht zu schaffen. Es ist mir schon gelungen, aber ich würde niemals sagen, dass das jedes Mal so ist.

Dein ganz persönlicher Standpunkt zu Naturwein oder auch Orange-Vine: zelebrierte Steinzeit oder doch Bereicherung?

Ich weiß gar nicht, ob ich auch nur mit einer dieser beiden Aussagen konformgehe. Definitiv ist es für mich keine Bereicherung. Ein Großteil dessen, was ich probiert habe, ist nicht wirklich meins. Ich glaube aber, dass es viele Winzer gibt, die nach einem neuen Impuls suchen. Die Welt ist weit. Die Welt der Uhren, der Autos, des Essens. Aber das Rad kannst du nicht neu erfinden. Und dann geht man manchmal back to the roots, zurück dahin, was vor 100 oder vor 500 Jahren passiert ist. Es gibt ja einen Kreis von Kunden, die das toll finden und die dem nachkommen. Nur für mich ist es leider nichts. Was heißt leider: Es gibt ja schöne Alternativen …

Wenn du so viel in Sachen Wein in der Welt unterwegs bist, trinkst du dann heimlich mal ein Bierchen? Oder, anders gefragt, kannst du Wein noch genießen?

Ich trinke unheimlich gerne und immer wieder ein Bierchen, weil ich großer Bierliebhaber bin. Es gab da mal so einen tollen Werbungslogan im Gault-Millau – ich glaube, sogar mit Henrik Thoma mit einem Bier in der Hand: „Das schönste an der Weinprobe ist das Bier danach.“ Den Satz würde ich nicht unterschreiben, aber es ist durchaus so, dass Bier ganz andere Eigenschaften hat. Bier ist durstlöschend, Bier ist alkalisch - Wein ist oft relativ säurehaltig –, so dass ich das Bier als einen schönen Kontrast zum Wein empfinde. Es ist etwas ganz einfaches, bescheidenes, leckeres, etwas, das man einfach so trinkt. Die Frage nach dem Genuss muss ich mir laufend stellen, denn ich habe die Gelegenheit, ganz tolle Weine im Alltag zu trinken. Dann und wann muss man wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen und verstehen, was für ein Privileg das ist. Ich genieße es, doch wenn man nicht aufpasst, hebt man irgendwann ab.

Wir sprechen heutzutage viel über Wein. Hilft ihm das – oder könnte er nicht viel besser für sich selbst sprechen?

Ein Wein kann durchaus für sich selbst sprechen. Und in der Regel tut er das auch, wenn er gut ist. Ich würde die Frage zerlegen: Es hilft nicht dem Wein, aber manchmal uns. Vielleicht teilst du im Gespräch zunächst meine Sicht der Dinge nicht, aber im zweiten Moment oder auf den dritten Blick, erkennst du, was ich meinte oder wollte. Ich habe zum Beispiel viele Menschen im Freundeskreis dazu bewegt, süßen Wein zu probieren, um so zum Liebhaber von süßem Wein zu werden. Es gibt so tolle restsüße Weine in Deutschland! Kabinett, Spätlesen … Ich meine gar nicht die Dessertweine, sondern nur den Anfangsbereich der süßen Weine. Die Produktion von restsüßen Weinen ist etwas, das in Deutschland in den letzten 50 Jahren komplett vom Tisch gefegt wurde, aber eine Einzigartigkeit hat, die kein anderes Land der Welt so gut beherrscht wie Deutschland. So genial! Das musst du den Leuten zeigen, beim richtigen Essen, zum asiatischen Curry, zum Sushi, zu Gänseleber, zu Käse … Bei dem Thema hat es was gebracht, darüber zu reden. Ansonsten teile ich deine Meinung, dass Schweigen und Genießen auch eine gute Kombination ist.

In diesem Sinne zum Wohl!

Kategorie: Genuss
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