Veröffentlich am 11. August 2017 von Contentley

„Das Ende der Brille? Nicht in Sicht!- Ralph Anderl
02.01. Menschen


„Das Ende der Brille? Nicht in Sicht!- Ralph Anderl
Interview Ralph Anderl / Lars Görg | Fotos: Contentley

CHAPEAU: Als wir uns kennenlernten, erzähltest du mir, deine Ausbildung, dein Studium, habe dich nicht unbedingt auf Unternehmerschaft und Design vorbereitet. Das war doch etwas Sozialwissenschaftliches ...

RALPH ANDERLS: Kulturwissenschaftlich; es ist Kultur-Pädagogik. Eine Mischung aus Kunst, Literatur und zwei Geisteswissenschaften. Ein ziemlich universalistischer Studiengang, in Hildesheim. Einer Stadt, in der man nur studieren kann.

Och, mein Vater konnte da auch sein Abitur machen ...
Will sagen: die Stadt bot mir wenigstens kaum Ablenkung. Und ich habe wirklich intensiv und zielgerichtet studiert.

Aber aus Oldenburg stammst du ja, bist gutbürgerlich.
Ja. Mein Vater Professor in Vechta, für Kunst und Werken, an der Fachhochschule, meine Mutter beim Sozial-Psychiatrischen Dienst der Stadt Oldenburg. In den Werkstätten (von IC Berlin; Anm. d. Red.) habt ihr ja einige Arbeiten meines Vaters sehen können.

Und von dir.
Und von mir.

Demnach galt es, kein Unternehmen zu erben oder zu übernehmen. Wie kam der Ralph zur Brille?
Schon während des Studiums überkam mich der Wunsch nach Realität. Etwas real zu machen, ohne im Konjunktiv zu verbleiben. Es war dann so, dass zwei Freunde aus Oldenburg diese Brille konstruiert hatten und sie eigentlich verkaufen wollten, an einen normalen Brillenhersteller. Mich fragten sie im Zuge dessen, ob sie meinen Kopf benutzen dürfen, um darauf die Brillen zu fotografieren. Da sah ich dann zum ersten Mal diese Prototypen und sagte sofort: NEIN! Bitte nicht! Nicht verkaufen! Lass es uns selber machen; das war das optimale Produkt, um sich selbständig zu machen. Die Entscheidung wurde uns dann abgenommen, weil der potentielle Käufer absprang. Und dann haben wir losgelegt.

Das Besondere an der Brille ist, dass sie aus einem besonderen Federstahl ist. Mit einem patentierten Bügelgelenk.
Das nennt sich „federharter Stahl“. Das Gelenk ist nach dem Origami-Prinzip aufgebaut, ist ohne Kleben, Schrauben, Bohren gemacht und die Abwicklung einer mechanischen Bewegung. Und erzeugt so ein Gelenk, das quasi nicht kaputt zu kriegen ist. (Ralph Anderl baut ein Gestell dabei unentwegt in einer einzigen Bewegung auseinander und wieder zusammen.) Keine Bolzen, keine Schrauben. Also eine dynamische Verbindung, die durch Biegen erzeugt ist. Mit herausragender Stabilität.

Dann kam Berlin ...
Nein. In Berlin hat es begonnen. Die ganze Geschichte spielte von Anfang an in Berlin. Wir kamen nur alle drei aus Oldenburg. Ich war Testimonial und bin es ja heute noch. Mit Projektcharakter bei Onono Brillen (einer Schwestermarke von IC Berlin; Anm. d. Red.). Vom 15. Oktober bis 15. Dezember wachsen die Haare, dann werden sie wieder abgeschnitten. In zwölf Stufen. Und pro Stufe gibt es eben ein Foto. Mit Brille. 49 Jahre lang, um den Einfluss von Alter und Haaren auf ein Gesicht zu dokumentieren (lacht).

ic! Berlin - Ralph Anderl, Sonnenbrille

Was mich fasziniert ist, wie lange du an dem Thema „Brille“ drangeblieben bist. Ich meine, der Welt und dir hast du längst bewiesen, dass du was kannst. Aber du hast den Laden nie vertickt, um etwas anderes oder Neues zu beginnen. Und wirst ihn auch nicht verticken?
Vergiss meine Leute nicht. Das sind meine Leute. Die gehören zu mir. Und ermöglichen mir, mit ihrem Können, ihren Talenten, den „Ausstieg ohne Ausstieg“. Die Strukturen sind da, dass ich inzwischen aus dem super-hektischen Tagesgeschäft raus bin. Ich meine: so etwas aufzubauen, groß zu machen, groß zu halten, geht nur mit Super-Wahnsinn, Haut und Haaren. Ohne Rücksicht auf Eigeninteressen, Familie und so. Dachte ich. Jetzt sehe ich: Nein, es geht auch anders. Ich konzentriere mich jetzt auf Kontrolle, Neues und darauf, Sachen an Land zu ziehen. Ich bin kein Rentner, gehe aber in die Richtung. Ich bin nicht mehr der Super-Checker-Chef, der alles bis zum Letzten am Besten kann, ich lasse vieles andere und auch Neues zu. Du musst so eine Firma erwachsen werden lassen. Wie ein Kind.

Was meinst du mit Kontrolle, auf die du dich konzentrierst? Kontrollierst du den kreativen Prozess? Sind es Arbeitszeiten? Finanzielle Ströme?
Um Gottes willen! Prozesse und Strukturen. Die Kreativität führt zu einem Ergebnis, und das muss überzeugen. Mich, die Einkäufer, den Markt. Arbeitszeiten? Kann und will ich nicht kontrollieren. Und ich weiß, meine Leute arbeiten eher zu viel als zu wenig. Der Prozess ist entscheidend. Wenn Design ohne Rückkopplung mit den Märkten, dem Vertrieb, Selbstzweck wird, wenn der Vertrieb das Design dominiert, jegliche Spannung nimmt, weil er Sicherheit will, dann weiß ich: Ich muss das Spannungsverhältnis erhalten. Und weil ich irgendwie über allem, also quasi außen stehe, habe ich einfach eine andere Wahrnehmung. Die wichtig ist. Und ich sehe z. B., dass die Qualität immer bei den anderen, meinen Mitarbeitern ist. Das ist aber auch richtig so. Ich sehe mich als Universalist. Klar, dass ein Feinmechaniker oder Gestalter eine Qualität liefert, an die ich nie mehr heranreiche. Wenn ich dadurch erreiche, dass alle Mitarbeiter sukzessive beweisen, dass sie besser sind als ich und ich nur den Vorsprung des Überblicks habe: perfekt!

Hast du dennoch je selbst designt?
Ja, schon. Eine ganze Kollektion. Eine Onono-Kollektion. Sehr spannend. Ein Jahr lang ...

Und gefertigt wird tatsächlich ausschließlich in Deutschland?
Ausschließlich in Berlin. An drei Standorten. Hier die Prototypen, IC in Marzahn und Onono in der Wolfener Str. Onono ist ja eine reine Hornbrillen-Kollektion. Du hast auch eine tolle Brille auf! Indischer Büffel, richtig? Laminiert?

Nein. Aus dem Vollen gesägt ...
Toll! Also wir laminieren auch viel. Mit Farben, Lacken. Ist auch gut für die Stabilität.

Bei meiner „Anderl-Recherche“ bin ich auf „Die Winterreise“ gestoßen, dein Album auf iTunes; zumindest entdeckte ich das da. Dachte, es wäre eine zufällige Namensgleichheit. Aber nein: Du bist es! Wie kam es dazu?
Ich hatte mal eine Gesellschafterin, Corinna Harfouch. Und die bereitete sich damals auf „Mahagonny“ vor. Die Jenny hat sie gesungen. Und da erzählte ich, dass ich damals in Oldenburg in der Haydn-Messe den 2. Bass gesungen hatte. Wie sie so ist, schenkte sie mir daraufhin zu Weihnachten ein Jahr Gesangsunterricht bei ihrem Gesangslehrer. Und irgendwie mache ich das seitdem. Nach wie vor. Eines der Felder, das noch stärker werden könnte. Definitiv. Ich wollte nie so vor mich hinsingen; und so ein Album ist natürlich ein Einstieg. Dadurch, dass ich keinen professionellen Einstieg hatte und auch in der professionellen Mühle nicht bestehen und von dem Ergebnis leben muss, habe ich keinen Druck. Und das, was ich singe, kommt ja nicht von mir. Der kreative Prozess hat mehr mit meiner Stimme und der Interpretation zu tun. Ich finde das einfacher. Klar, ich könnte mich jetzt an der „Winterreise“ abarbeiten. Dann käme die dritte Aufnahme, jetzt irgendwann, und irgendwann vielleicht die beste der Welt. Aber das reizt mich nun auch nicht. Eine abschließende Antwort kann ich gar nicht geben. Gesang begleitet einen ja ständig; durch das Atmen, das vor sich Hinbrummen.

„Wenn ich erreiche, dass alle Mitarbeiter beweisen, dass sie sind als ich, und ich nur den Vorsprung des Überblicks habe: perfekt!“

Auftritte?
Ich bin ja kein richtiger Sänger. Richtige Sänger singen ja nicht einfach so. Ich singe ständig und sofort, auch in einer Form von Öffentlichkeit. Ich packe jede Gelegenheit beim Schopfe – und singe sofort los. Also: nicht bei jeder Gelegenheit, aber ich gehe relativ unbeschwert damit um, schon weil es für mich das beste Training ist. Außerdem ist das direkte Feedback einfach geil. Es gibt einen guten Freund, der fordert mich jedes Mal auf – und dann mache ich das so. Singe.

Ist dir musikalische Früherziehung wichtig? Achtest du bei deinen Kindern darauf?
Ich habe meine Liebe zur Musik, besser, zum Gesang, nicht dadurch gefunden. Ich hatte zwar in Oldenburg bei Piano Sprenger Klavierunterricht, fand den aber grausam. Durch Quatschen habe ich ständig versucht, den eigentlichen Unterricht zu verhindern. Das klappte auch ganz gut. Ernsthaft: ich glaube schon, dass musikalische Früherziehung zum Kanon dazugehört. Aber ich unterstütze meine Kinder eher, wenn sie danach fragen. Anlässlich meines Gesangsunterrichtes beispielsweise. Aber Zwang habe ich nie angewendet. Mein Klavierspiel war schon irgendwie eine Zwangsmaßnahme. Bei meinem Malen war das anders. Ich weinte mich aus Liebeskummer ins Malen hinein – und mein Vater nahm es positiv auf. Und förderte mich. Bis aufs Äußerste. Mit ernsthafter Kritik, mit Förderung auch finanzieller Art, also verschiedenen Unterrichten. Fotografie, z. B. Bilder, Fotos selbst entwickeln zu lernen. Die erste Frage, auch non-verbal, muss vom Gegenüber kommen. Und darauf muss man dann einsteigen. Darauf musst du vorbereitet sein.

Dass ich auf der Waldorf-Schule von Anfang an Flöte, Cello spielte, im Chor, aber auch solo sang, Notierungen zu lesen und zu schreiben lernte, finde ich heute nur gut. Ist ja eigentlich wie eine weitere, bloß universelle Fremdsprache.
Da stimme ich dir zu. Vom Blatt singen, spielen zu können – das ist eine Art Grundbeweglichkeit. Auch einfach verschiedene Welten des Ausdrucks, der Ausdrucksmöglichkeit kennenzulernen, halte ich für ganz, ganz wichtig.

Würdest du sagen, dass der Ralph, der mir hier gegenüber sitzt, als Vater, Ehemann, Freund, Unternehmer, das der Erziehung seiner Eltern dankt? Oder verneinst du das, weil Schicksal, Freuden und Leiden lange nach der Kindheit dich entscheidender oder entschiedener geprägt haben?
[…] Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben,
So viel auch wirket die Not,
Und die Zucht, das meiste nämlich
Vermag die Geburt,
Und der Lichtstrahl, der
Dem Neugebornen begegnet. […]

Ich glaube, das ist Hölderlin ... Ich bin ganz anders als meine Eltern; das ist das Eine. Aber, klar: es hat mit meinen Eltern zu tun. Mein Vater, beispielsweise, ist ein ganz Kinder zugewandter Typ. Immer gewesen. Er ist sehr emotional-herzlich, Mutter eher intellektuell, etwas kühler. Das ergibt Prägungen, die bleiben. Aber auch viele Lehrer, sehr früh schon, die mich geprägt haben. Ab zwölf, dreizehn gab es Einflüsse, die viel bewirkt haben. Da gab es einen Lehrer, interessanterweise ein Pfarrer aus Oldenburg. Dann gab es einen Freund meiner Eltern aus Stuttgart, wo ich immer die Sommerferien verbracht habe und gearbeitet habe. Ein begeisterter und begeisternder Kulturmensch. Und schlussendlich mein Professor, im Studium. Die Eltern spielen schon eine große Rolle, die größte, wahrscheinlich.

Ich fragte vor dem Hintergrund der nächsten Frage, nämlich nach dem Verhältnis zu deinen Kindern und deiner Erwartungshaltung ihnen gegenüber. Im Zusammenhang mit diesem, deinem Unternehmen. Wie ist das?
Ganz einfach: ihnen nicht anzuraten. Ich erwarte es nicht, ich rate ihnen nicht dazu. Sich mit Überleistung hier beweisen zu müssen, unter den Besten, oder anderswo anfangen zu müssen, um dann hier einen fabelhaften Start hinzulegen. Da sollten sie atypisch sein. So wie ich es war. Der Albtraum meiner Eltern war, eine Firma leiten zu müssen. Ich tu’s. Weil sie es nicht verhindern konnten; gefördert haben sie diesen Teil meines Weges nicht. Nie. Und ich werde meine Kinder auch nicht fördern, damit sie meinen Weg gehen. Ich gebe ihnen hundertprozentige Aufmerksamkeit. Ich gehe ihre Geschwindigkeit mit. Ich werde langsam, beim Jüngsten z. B. Der ist zwei Jahre alt – und wenn ich mit ihm durch die Stadt gehe: langsam. Sehr langsam. Aber ich versuche, ganz bei ihm zu sein, seine Eindrücke mitzunehmen und zu verstehen. Die Große ist gerade in Neuseeland, mit dreizehn. Sie besucht ihren siebzehnjährigen Bruder, der schon über ein Jahr da ist. Ich find’s einen Hammer, dass die da sein können ... Dass die da sein wollen.

Ich dachte ja, bis zu unserem Kennenlernen, dass IC Berlin es wirklich geschafft haben müsste, weil die sich seit Ewigkeiten John Malkovich als Testimonial leisten. Nun weiß ich: Das warst, bist du. Nicht deshalb, eher grundsätzlich: Nach oder zu dem Singen mal an Schauspielerei gedacht?
Ja, fände ich lustig. Könnte ich mir vorstellen. Aber ich habe einen Riesenrespekt davor ... Wer weiß? Vielleicht? Text lernen und so ... Ich weiß durch viele Freundschaften auch, wie hart der Job ist. Ja. Vielleicht. Es gibt ja verschiedene Arten von Spiel. Wir werden sehen. Du wirst es auch sehen.

Und wie geht’s mit IC und Onono weiter? Parfum, Klamotten? Normalerweise ist ja die Brille der Schritt zu Parfum und Klamotte ...
Das halte ich für falsch. Brillen zu machen ist schwer genug. IC Berlin sind Brillen. Onono sind Brillen. Das gab’s bei einem französischen Brillenmacher mal, der hat Millionen verbrannt mit einer ganzen Lifestyle-Welt. Nein, nein, die Brillen frisch zu halten, damit haben wir genug zu tun. Das ist kein kleiner Anspruch, das ist auch nicht langweilig.

Ist die Brille nicht eigentlich „über“? Man kann Kontaktlinsen tragen, sich die Augen lasern lassen. Was lässt dich an diesem Anachronismus festhalten?
Anachronismus?! Was ist denn mit der Sonnenbrille? Und die Brille ist ein Verkleidungsmittel. Und gleichberechtigt mit der Jeans, dem Anzug, dem Kostüm. Nein. Das Ende der Brille sehe ich nicht. Gar nicht.


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