Veröffentlich am 19. August 2017 von Contentley

Das Sieb im Kopf
02. Lebensart


Das Sieb im Kopf
Kolumne: Frau Lönne meint

Offizielle Veranstaltungen sind wichtig. Im besten Fall sogar interessant. Man zeigt Präsenz, bekommt Input zu außergewöhnlichen Themen und nutzt die Chance zum Netzwerken. Soweit die Theorie. Was aber, wenn sich die Praxis völlig anders darstellt? Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und scannen offensichtlich innerhalb von Sekunden die Situation. Wer ist da, wer ist für mich wichtig, wen habe ich wann und wo das letzte Mal gesehen.“ Und so können die Spiele beginnen.

Für mich sind offizielle Termine eine echte Herausforderung. Wenn es Wiedergeburt tatsächlich geben sollte, steht fest: ich bin die Reinkarnation eines Siebes. Namen sind für mich Makulatur, für mich schlichtweg nicht abrufbar in Situationen, die vom Erinnern leben. Was Smalltalken nicht wirklich einfacher macht. In den meisten Fällen sind die meisten Anwesenden für mich unbekannt, besser gesagt: das ein oder andere Gesicht erkenne ich wieder, die Geschichte dazu aber ist nicht vorhanden. War das nicht die Marketingleiterin mit dem Faible für ausgefallene Brillen? Hat er da vorne nicht kürzlich den oder den Preis erhalten?

Wo also anknüpfen? Ich bewundere Menschen, die mit grandiosem Talk bei völliger Ahnungslosigkeit glänzen. Das ist durchaus eine Kunst. Die ich leider nicht beherrsche. Ich konzentriere mich aufs Lächeln hier und da, auf das Glas heben und freundlich zunicken, wenn mir mein Gegenüber andeutet, dass wir uns nicht zum ersten Mal sehen. Oder ich vertraue darauf, dass mich anspricht, wer mich kennt. Das funktioniert, um einen Abend zu überleben. Wird aber hin und wieder als Arroganz ausgelegt.

Eine kleine Anekdote meiner grandiosen „wenn-es-darauf-ankommt-klappt-es-ganz-sicher-nicht.“-Begegnungen. Volles, lautes Restaurant. Ah, dort hinten ist noch Platz am Tisch. Ich steuere mit meiner Entourage auf die freien Plätze zu. Am langen Tisch sitzt ein Pärchen, stört ja nicht, für uns sind genug Stühle frei. Ich frage „Dürfen wir uns dazusetzen?“, wir nehmen Platz, unterhalten uns angeregt. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass das Gespräch unserer Tischnachbarn mehr und mehr verstummt und mich der Herr schräg gegenüber immer wieder erwartungsvoll anschaut. Ich blicke kurz hin. Und wieder weg. Hin. Und wieder weg, bis es über den Tisch hallt „Hallo Frau Lönne.“ Und dann, ja dann, endlich, nachdem ich aufgeschaut, und gefühlte 34 Sekunden einfach nur gestarrt habe, wabert ein Hauch von Erkenntnis durch mein Erinnerungsvermögen. Doch, ich habe den Herrn schon mal gesehen. Aber wo, wann? Ich höre mich ein wenig überzeugendes „Oh nein, ach hallo Herr H. Entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht erkannt. Sie sehen irgendwie anders aus. Tragen Sie immer schon eine Brille?“ sagen. „Ja, schon immer.“, so die kurze Antwort. Immerhin von einem ungläubigen Grinsen begleitet. Und so langsam lichtet sich das Dunkel. Ein Kunde meiner Agentur. Letzte Woche haben wir noch an einem Projekt zusammen gesessen. Wo ist das Erdloch, in das ich versinken kann? Immerhin können wir die Peinlichkeit gemeinsam weglachen. Ja, haha, wie lustig, die Frau Lönne.

Es ist wie es ist: es gibt sie, die charmanten, selbstbewussten Smalltalker. Auf jedem Parkett zuhause und nie um einen eloquenten Einstiegssatz verlegen. Und es gibt die anderen. Die Smalltalk-Nerds. Zu denen ich gehöre. Völlig unbeabsichtigt. Und immer etwas neben der Spur, wenn mehr als 10 Menschen auf öffentlichem Terrain aufeinander treffen. „Sie hat sich stets bemüht.“, so ließe sich meine Schwäche am besten beschreiben. Ich bitte an dieser Stelle aufrichtig um Entschuldigung. Bei all den Menschen, denen ich immer wieder das erste Mal begegne. Ich arbeite daran. Und kann eines versprechen: es wird nicht besser. Sollte mich also jemand erkennen, sprechen Sie mich gerne an. Ich bin Frau Lönne. Ist doch so, oder?


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