Die Kunst ist meine Gegenwart und Zukunft

Interview mit Margaritha Kriebitzsch

CHAPEAU: Sie haben vor der Auflösung der Sowjetunion und vor der Unabhängigkeit Aserbaidschans in Baku Malerei, Grafik und Pädagogik studiert. Waren Sie schon von jeher von Pop Art fasziniert oder welcher Stilrichtung folgten Sie in der Zeit ihres Studiums?.

Margarita Kriebitzsch: Ich hatte eine ganz klassische, akademische Kunstausbildung. Dort habe ich zum einen zu malen gelernt, wie es im sozialistischen Realismus die Tradition war, aber auch von den Klassikern wie Rembrandt, also nach allen Regeln der Kunst: plastische Anatomie, Proportion, Perspektive, Zeichnung, Malerei, Grafik, Skulptur, Kunstgeschichte – einfach alles. Aber von Pop Art war damals natürlich keine Rede.

Dann folgte 1983 aus familiären Gründen der Umzug nach Usedom. Welchen Einfluss hatte das auf Ihre Entwicklung und Ihre Kunst?

Das war erst einmal wie ein Sprung ins kalte Wasser. Alles war neu für mich, vor allem die Sprache, denn meine Muttersprache ist ja Russisch. Auf Usedom war ich natürlich überwältigt von der schönen Natur und habe angefangen, auch die Landschaften zu malen, sonst war meine Vorliebe jedoch immer der Portraitmalerei gewidmet. Schon damals, Mitte der 80er Jahre, hatte ich meine ersten Ausstellungen auf der Insel. Und 20 Jahre später gab es 2014 in Karlshagen ein Wiedersehen mit einer großen Einzelausstellung unter dem Titel „Von Usedom nach Hamburg und zurück“. Es hat sich herausgestellt, dass meine Kunst immer noch viele Fans auf der Insel hat, die mich nicht vergessen haben.

Erging es Ihnen auf der Insel wie anderen Künstlern? Übte Usedom eine ähnlich starke Anziehungskraft auf Sie aus?

Usedom mag ich bis heute sehr. Es ist eine kleine, wunderschöne Insel, die mich immer inspiriert hat – 10 Jahre lang. Aber für mich war die Welt dort irgendwann zu klein. Ich wollte raus in die große Welt, und nach der Wende habe ich das auch getan.

Was bedeuten die Begriffe Freiheit und Unabhängigkeit für Sie?

Freiheit und Unabhängigkeit? Ich lebe schon so lange in dieser Freiheit und Unabhängigkeit, so dass beides für mich absolut selbstverständlich ist und alles aus der sozialistischen Vergangenheit wie die Geschichte aus einem anderen Leben klingt. Und die Zwänge oder irgendwelche Grenzen, auch in der Kunst, was man malen darf oder nicht, oder welchen Themen man sich widmet, das ist schon längst wirklich Geschichte für mich.

Hamburg, das Tor zur Welt, ist Ihre Wahlheimat geworden. Was ist hanseatisch an Ihnen?

Oh, ich bin vielleicht teilweise deutscher als die Deutschen (lacht). Meine Kontaktfreudigkeit hat sich im Vergleich zu früher wahrscheinlich an das Klima angepasst ... Nichtsdestotrotz mag ich es sehr, wenn die Leute auf mich zukommen, und ich nehme gerne an Ausstellungen zusammen mit anderen Künstlern teil. Damit will ich sagen, dass sehr gern im Kontakt mit anderen bin, aber jedoch auch gerne allein für mich. Wenn ich male, brauche ich keine Menschen um mich herum, dann bin ich eher zurückgezogen. In Hamburg bin ich längst zu Hause, und ich liebe diese tolle Stadt! Ich fühle mich sehr wohl dort. Ich habe ja schon immer gemalt, auch Bilder verkauft, aber meine Brötchen habe ich damals mit der Werbung verdient. Und als ich 1993 von Usedom nach Hamburg kam, habe ich erst einmal viele Jahre in verschiedenen Werbeagenturen als Art-Direktorin gearbeitet, darüber hinaus in Unternehmen, zum Beispiel bei einem Messeveranstalter und bei einem Versandhaus, wo ich die Grafikabteilung geleitet und Grafikdesigner ausgebildet habe.

Renommierte Agenturen, oder?

Als Freelancer auch für die renommierten Agenturen. Aber aus dem Geschäft bin ich raus – ich tue mir das nicht mehr an. Ich bin zu meinen Ursprüngen zurückgekehrt. Die Kunst ist wieder meine Gegenwart und die Zukunft.

Weg vom Stressfaktor also.

Ja, genau (lacht).

Ihre Bilder sind intensiv, farbenfroh, plakativ – würden Sie sich selbst als ein Mensch der „lauten Töne“ beschreiben, oder ist eher das Gegenteil der Fall?

Ich bin eher das Gegenteil. Ich möchte, dass meine Bilder für sich sprechen und mag es zurzeit, mit sehr intensiven, neonleuchtenden Farben zu arbeiten. Früher war die Farbigkeit meiner Kunst noch sehr dezent, aber in der Thematik der Bilder war ich schon immer „laut“. Jetzt sind die Themen vielleicht nicht so schreiend, aber die Farben und die Maltechnik – expressive Pop Art – sind sehr intensiv geworden. Die Besonderheit: meine Neon-Acryl-Gemälde strahlen im Schwarzlicht extrem wie ein Leuchtkasten – schwer zu beschreiben, das muss man sehen. So ist die aktuelle Entwicklung.

Wer fühlt sich von Ihren Bildern angezogen?

Meine Kunden kommen aus allen Altersgruppen und aus der ganzen Welt. Es sind oft sehr, sehr junge Leute, die meine Bilder kaufen, was mich manchmal überrascht, da meine Bilder nicht so günstig sind. Aber sie können sie sich wohl leisten und tun es auch. Auch ältere Kunden, teilweise über siebzig, kaufen gerne meine Kunst. Die Hamburg-Gemälde und -Collagen sind sehr beliebt bei den Leuten, die Hamburg für immer verlassen und ein Stück Heimat mitnehmen wollen. Es werden gern personalisierte Collagen bestellt, das heißt, private Kunden-Fotos werden in meine Designs eingearbeitet. Meine Kunden kommen zudem aus der Industrie, zum Beispiel habe ich für die Körber AG eine riesige Pop Art-Collage aus kundeneigenen Fotos gestaltet. Portraitmalerei im Auftrag ist auch immer willkommen. Es gibt etwas, das ich erstaunlich finde, und zwar verkaufe ich ziemlich gut über das Internet, also an Leute, die das Bild nie live gesehen haben. Sie sehen es auf meiner Website oder auf Facebook und wollen es dann haben. Ich habe sogar schon über Twitter Bilder verkauft (lacht).

Und wo fühlen sich Ihre Bilder am wohlsten, in welchen Räumen hängen sie?

Die fühlen sich am wohlsten in hellen Räumen, in denen meine tagesleuchtenden Neonfarben gut zur Geltung kommen. Im Tageslicht, in der Sonne oder im Neonlicht scheinen die Bilder von alleine zu strahlen. Das muss man am besten live gesehen haben. Und mit UV-Licht bestrahlt, verwandeln sie sich in Zauber-Leuchtobjekte. Das Wichtigste ist: Die Bilder wollen von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Zurzeit ist meine Kunst in meiner eigenen Galerie, der Pop Art Gallery Margarita in der Hamburger Alster City (Weidestr. 122A, 22083 Hamburg) ausgestellt. Das ist eine reine Produzenten-Galerie, in der nur meine Werke zu sehen sind. Außerdem sind meine Gemälde und Collagen bei der Firma Fidelity (Adlerstraße 79, 25462 Rellingen bei Hamburg) in einer Dauerausstellung zu besichtigen und natürlich auch zu kaufen. Dort finden Kunstinteressenten auch meine großformatigen Pop Art-Portraits.

Was inspiriert Sie?

Die Menschen inspirieren mich. Portraits male ich schon seit meiner Kindheit. Inzwischen male ich gerne auch urbane Landschaften, und ein wiederkehrendes Thema ist der Hamburger Hafen, denn Hamburg inspiriert mich immer aufs Neue. Durch meine Grafiker-Karriere kenne ich mich natürlich sehr gut mit den Programmen Photoshop und Illustrator aus und gestalte in Pop Art deshalb auch digitale Hamburg-Collagen. Meine Kunstreihe „Zauberwald“ basiert auf digitaler Gestaltung und endet in der Malerei mit einzigartigen 3D- und Leucht-Effekten. Im Fokus sind immer drei Hirsche, umgeben von den unzähligen Tieren aus verschiedenen Lebensräumen vor einem Zauberwald-Hintergrund. Eine extrem aufwendige Arbeit! Jedes Bild ist ein Unikat, denn die Kulisse mit Tieren wiederholt sich nie. Die Tierbilder sind Spenden von verschiedenen Zoos der Welt, von Privatleuten und auch eigene Fotos aus Hagenbeck.

Sie portraitieren viele bekannte Persönlichkeiten. Wie treffen Sie eine Auswahl, und wie arbeiten Sie?

Die Auswahl ist vielleicht eher zufällig: die Musiker, die ich kenne und mag zum Beispiel. Oder es passiert irgendwas Aktuelles in der Welt, oder es wird über einen Schauspieler oder einen Musiker mehr gesprochen … Dann denke ich: Mensch, das wäre doch interessant, diesen Künstler zu malen, ihn so zu präsentieren, wie ich ihn sehe. Manche Persönlichkeiten, die mich besonders faszinieren, male ich mehrfach, wie zum Beispiel Amy Winehouse oder David Bowie. Oder auch Politiker. In diesem Jahr habe ich drei große Portraits von Helmut Schmidt gemalt, die sind auch in meiner Galerie zu sehen. Warum? Vor ein paar Jahren ist ein kleines Portrait, etwa 80 mal 80 Zentimeter, von Helmut Schmidt sehr gut angekommen. Inzwischen ist es verkauft, und ich werde ich immer wieder gefragt, ob ich noch ein Portrait von Helmut Schmidt habe und ob ich noch eins malen würde. Dann habe ich irgendwann gesagt: „Okay, nächstes Jahr ist der 100. Geburtstag von Helmut Schmidt, da male ich gleich mal drei“ – weil ich gerne Serien male (lacht). Und wenn Parteien oder irgendwelche Vereine danach suchen, dann habe ich drei wunderbare Helmut Schmidt-Portraits. Diesen Menschen mochte ich sehr, und ihn habe ich gerne gemalt.

Was war Ihr außergewöhnlichster Moment als Künstlerin?

Das war 2015, als ich Cannes mit meinem frisch gemalten Portrait „Pablo Picasso mit seiner Muse“ bei der internationalen Ausstellung Artistes du Monde in Cannes war. Die Schirmherrin der Ausstellung war die Enkelin von Picasso, Madame Marina Picasso, und ich durfte sie persönlich kennenlernen und ihr mein Gemälde von ihrem Großvater präsentieren. Das war ein sehr aufregender, ein besonderer Moment für mich. Das französische Fernsehen war bei der Vernissage dabei, und mein Picasso-Bild war unmittelbar danach in den Hauptnachrichten als Aufmacher der Sendung über die Ausstellung zu sehen.

Gibt es Pläne, neue Projekte für das Jahr 2018?

Ja, es gibt ein neues Projekt. Ich habe in den letzten Jahren an mehreren Ausstellungen teilgenommen, auch im Ausland – bei der Art Zürich, mehrfach bei Artistes du Monde in Cannes und Monaco. 2016 gab es zum ersten Mal eine Ausstellung in einer New York Galerie unter den Namen „Art Bridge Hamburg – New York“, zusammen mit einer Gruppe Hamburger Künstler. Nächstes Jahr plane ich, eine solche Ausstellung „Art Bridge Hamburg – New York“ in Hamburg zu veranstalten, mit Hamburger Künstlern und Künstlern aus New York. Zu der thematischen Aufgabe will ich noch nichts verraten. Die Ausstellung wird wahrscheinlich im Herbst 2018 stattfinden, vielleicht im September.

Dafür wünsche ich Ihnen viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch!

Kategorie: Kunst (Design)
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