ERFOLG IST MIR WICHTIG

Interview mit Corinna Holthusen

INFO
Corinna Holthusen ist 1967 in Hamburg geboren. Zwischen 1986 und 1990 studierte sie Kunst in Florenz und Fotografie in Mailand.
Seither arbeitet sie freischaffend in Hamburg und nutzt seit 1993 auch digitale Techniken.
Ihre Bilder wurden in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Kassel, Amsterdam, New York und Las Vegas.
Als Fotografin erhielt sie Preise u.a. für Bildserien im SPIEGEL (1998); SPIEGEL REPORTER (2000) und im SZ-Magazin (2003). Die Holthusen-Ausstellung „Surfaces I“ in Dötlingen läuft noch bis 16. Dezember auf Initiative der Kunsthistorikerin Heike Wendeln, die der Galerie im Heuerhaus seit Januar 2018 vorsteht.

Die Künstlerin und Fotografin Corinna Holthusen lotet in ihren Arbeiten Grenzen und Überschneidungen aus – zwischen Natur und Künstlichkeit, Schönheit und Ekel. In ihren Bildkompositionen offenbaren perfekte Gesichter und Körper irritierende Risse unter der Oberfläche. CHAPEAU traf die Künstlerin anlässlich ihrer Ausstellung in der Galerie im Heuerhaus in Dötlingen bei Bremen.

CHAPEAU: Sie sind mehr als eine Fotografin, malen aber auch nicht wirklich. Was machen Sie genau? Wie nennen Sie das?

Corinna Holthusen: Ich würde es künstlerische Fotografie nennen.
Ein Jahr lang habe ich in Florenz Kunst studiert, dort auch viel gezeichnet und gemalt.
Schließlich habe ich mich aber dann doch für die Fotografie entschieden.
In Mailand habe ich dann drei Jahre Fotografie gelernt – von der Pike auf mit Plattenkameras.
In der Zeit habe ich mich auf Stillleben-Fotografie spezialisiert.

Das kommt mir heute zugute, denn bei Stillleben muss man sehr, sehr gut ausleuchten können und auf die Details achten.
Nach ein paar Jahren fand es aber ein bisschen öde und langweilig, nur Objekte zu fotografieren,
und ich habe mich dann dazu entschieden, mal das menschliche Antlitz vor die Kamera zu nehmen.
Angefangen habe ich dann mit Beauty, redaktionell und für die Werbung, und parallel mit Bildbearbeitung begonnen.

Damit habe ich ganze Bilderwelten geschaffen. Da wurde meine Fotografie auch immer ein bisschen künstlerischer,
und ich habe auch Anfragen für Ausstellungen bekommen. So kam es, dass ich immer weniger für Redaktionen und Agenturen
gearbeitet habe und mich vermehrt auf Porträts und Bildbearbeitung spezialisiert habe.
Irgendwann aber wurden mir die Bilder zu hübsch und oberflächlich. Und seit ungefähr drei Jahren lege ich nun
Material über meine Fotoprints drüber.

So breche ich die Oberfläche etwas auf, schaffe vielleicht noch
eine neue Bilderwelt und im besten Fall sogar ein Unikat.


„Die Porträts wurden mir irgendwann zu hübsch und oberflächlich.“

Ihre Arbeiten wirken sehr emotional. Ist dieser Eindruck gewollt, und wird er mit den Materialablagerungen auf den Abzügen erzeugt?

Ja, das Emotionale ist gewollt, aber auch das Haptische der aufgebrochenen Oberfläche. In der Perfektion von Fotoprints darf ja niemals eine Ecke mal angeditscht sein oder ein Kratzer drauf sein. Inhaltlich erschien mir das irgendwann zu sauber, zu perfekt, auch in der Präsentation zu clean. Ich mag Material, und mit dessen Hilfe kann ich mich nun noch ein bisschen mehr verwirklichen – und das Bild auch anfassen. Es darf angefasst werden! Auch das finde ich daran ganz spannend.

Ihre Bilder werden über mehrere Galerien vertrieben. Bereitet Ihnen diese Anerkennung pure Freude, oder auch ein bisschen Sorge vor dem Overkill?

Der Erfolg ist mir schon wichtig und natürlich auch eine Bestätigung meiner Arbeit. Überhaupt ausstellen zu können und öffentlich wahrgenommen zu werden, bedeutet mir viel. Da kann gern noch mehr kommen, gerade auch international. Um gesehen zu werden, mache ich auch viel online. Da passiert viel, und da helfen dann auch die Preise, die ich gewonnen habe. Das gefällt mir schon.

Die Preise für Ihre Arbeiten für das SZ-Magazin und den SPIEGEL. Reflektieren diese Auszeichnungen Ihren Anspruch an sich als Künstlerin – oder das gute Auge einer hervorragenden Fotografin?

Das ist eine Kombination. Dieses gute Auge braucht man schon, aber genauso einen gewissen Perfektionismus. Darauf wurde ich im Studium gedrillt und sogar bereits in der Familie von meinem Vater. Um Dinge perfekt umsetzen zu können, ist Schulung ganz wichtig.

„Meine Bilder kann man anfassen.“

Was lässt sich hier im beschaulichen Dötlingen ausstellen?

Jeder Ort ist eine Herausforderung. Immer andere Räumlichkeiten, andere Hindernisse und immer auch wirklich interessierte Menschen. In Bremen und Umgebung habe ich ja noch nie ausgestellt und Heike Wendeln als Kunsthistorikerin hat mir persönlich sehr gefallen. Das ist hier mal ein anderer Dunstkreis – und da habe gedacht: Ja, warum nicht?

Messen Sie an Ihren Erfolg am Kommerziellen oder an der Anerkennung von Menschen, denen Sie Urteilsvermögen zutrauen?

Ganz eindeutig das Zweite.

Bis in die 90er Jahre hinein gab es gute Druckgrafik auf dem Markt. Werke in 30er-, 40er-Auflagen von Penck, Fetting, sogar Gerhard Richter. Heute wird so etwas nicht mehr angeboten – angeblich, weil genügend Leute Originale kaufen können und kaufen. Kämen Auflagen für Sie in Frage?

Von gesonderten Motiven habe ich sogar schon mal eine höhere Auflage gemacht. Momentan finde ich das zwar nicht so interessant, aber ich will das nicht ausschließen. Dann aber müssen es andere Motive sein, eine Extraauflage.

Worin sehen Sie den Reiz in dieser Art Druckgrafik?

Ich finde das schon wichtig, genau so wie Affordable Art, also preisgünstige Kunst. Schon Andy Warhol hat die ja die Pop-Art mit der Idee begründet, Kunst einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Prints, vielleicht auch abfotografiert, finde ich schon interessant. Aber das ist ganz etwas anderes als meine Materialüberlagerungsarbeiten. Die gehen natürlich nicht in die Auflage.

Darf Ihre Kunst einfach gefallen, oder muss sie verstanden werden?

Sie muss verstanden werden. Ich weiß, dass sie auch nicht immer und jedem gefällt. Sie polarisiert, und das finde ich auch gut so.

Was macht diese Ausstellung für Sie am Ende zum Erfolg: Ein Ausverkauf? Die Resonanz?

Die Resonanz.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Weiterhin Kreativität, Schaffungsgabe. Dass ich weiter mit mir und meinen Arbeiten glücklich bin.

Dazu viel Erfolg und Danke für das Gespräch.

Die Galerie im Heuerhaus,
Ritrumer Kirchenweg 4,
27801 Dötlingen.
Kategorie: Kultur
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