Fairmöbelt

Interview mit Ole Marten, o.ma design

CHAPEAU ― Was war deine erste „Berührung“ mit Design? Wann hat sich bei dir der Wunsch herauskristallisiert, das zu deinem Beruf zu machen? Und warum Möbeldesign?

Ole Marten ― Ich glaube, Design war gar nicht das, was ich am Anfang wollte. Ich wollte Erfinder werden, aber ohne den ganzen „Wissenschaftskram“. Am Ende ist für mich Design genau das! Ich fand immer in Filmen alle spannend, die sich irgendetwas ausgedacht oder die ein Problem gelöst haben, aber von Physik und Chemie wollte ich nichts so richtig wissen. Nachher habe ich eigentlich den Weg gewählt, der für mich einfach passte.

Du hast in Berlin Produktdesign studiert und bist danach in deine Heimatstadt Oldenburg zurückgekehrt. Welche Möglichkeiten bietet eine mittelgroße Stadt wie Oldenburg im Bereich Möbeldesign im Gegensatz zu den Großstädten?

Das müsste man genaugenommen umformulieren, welche Möglichkeiten bietet Oldenburg eigentlich nicht. [Lacht] Eine Möglichkeit jedoch ist zum Beispiel, dass hier Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert. Wer Durchhaltevermögen hat, hat irgendwann eine Stammkundschaft.

Aber du bist mit der Form in Oldenburg glücklich?

Ja, doch, total. Ich hätte es noch ein paar Jahre in Berlin ausgehalten, aber für mich war klar, dass ich einmal Familie haben möchte, und da hatte für mich Oldenburg Priorität. Und mir war klar, dass ich mich nur einmal selbstständig mache. So habe ich gesagt: Ich gehe nach Oldenburg und gucke mal, was passiert. Ich habe mich damals gar nicht informiert, sondern einfach angefangen. Es gibt hier viele Kreative, mit denen man gut vernetzt arbeiten kann. Ich erlebe, dass man sich gegenseitig unterstützt. Das habe ich in Berlin anders wahrgenommen.

Wie und wo siehst du im kreativen Prozess deine Position als Designer? Was und wie vermittelst du zwischen dem Kunden und dem Möbel?

Ich sehe mich vor allem als Berater, der den Kunden entlocken möchte, was eigentlich ihr Problem ist. Die Kunden kommen meistens mit einer Idee von einem Möbel zu mir, und das beschreibt letztlich ein Problem, das sie haben: Jemand braucht einen größeren Schreibtisch, ist mit seiner jetzigen Arbeitssituation nicht zufrieden. Kann das auch andere Gründe haben als ein zu kleiner Schreibtisch, ist dann die eigentliche Frage. Ich muss erst einmal herausbekommen, was das ursprüngliche Problem ist. Kann er schlecht am Schreibtisch sitzen, oder hat er einfach nur zu wenig Platz? Am Ende heißt das vielleicht, dass man den Schreibtisch auch Schreibtisch sein lassen und die Möglichkeit eines anderen Arbeitens daran generieren kann.

Du versuchst ihn also nicht von einer gewissen Idee abzubringen, sondern siehst dich eher unterstützend …

Ja! Derjenige wird ein Bedürfnis haben, ansonsten wäre er ja nicht bei mir. Manche können sehr klar formulieren, wo das Problem liegt, manche gar nicht. Und das versuche ich immer bei den Leuten zu Hause herauszufinden, damit sie sich in ihrer natürlichen Umgebung wohlfühlen und sich dann auch trauen, etwas zu sagen.

Du arbeitest vor allem mit Holz, verzichtest auf Metall und Verschraubungen. Was ist das Faszinierende daran bzw. die Herausforderung an dem Material?

Dass ich hauptsächlich Holz benutze, kommt eigentlich daher, dass ich in der Anfangszeit in der Küche und auf dem Dachboden gearbeitet habe, was meine Freundin noch mitgemacht hat – im Gegensatz zum Schweißgerät oder sonstigen ... Ich mag Holz als natürliches Material, die Haptik ist einfach spannend. Es lebt, und für mich ist Holz eine Möglichkeit, auch nachhaltig zu arbeiten. Es war schon immer mein Thema, die Sachen ökologisch verträglicher zu machen.

Was macht für dich gutes Design aus? Was ist dabei wichtiger: Form oder Funktion? Kann man überhaupt die Priorität auf einen der beiden Bereich setzen?

Ich finde schon. Ich fange immer mit der Funktion an, weil ich denke, egal, wie schön es ist, wenn es das eigentliche Problem nicht löst, ist es für mich nicht gestaltet. In dem Fall hat es auch keinen Sinn, ein neues Objekt der Natur zu entreißen und ohne Funktion irgendwo hinzustellen. Worin der Sinn später liegt, darüber lässt sich natürlich irgendwie auch streiten. Für mich ist die Form auch eine Art der Funktion. Was mich in meinem Umraum unterstützt, was ich in meinem Umraum angenehm finde, ist für mich eine Funktion, und je angenehmer ich es in meinem Umraum empfinde, je länger ich es benutzen und haben will, umso nachhaltiger wird es. Wenn etwas eine gute Funktion und Form hat, wollen es die Leute auch hoffentlich noch vererben, weil es auch in der Qualität gut ist. Womit wir wieder beim Thema der Nachhaltigkeit wären.

Zeitlosigkeit, Nähe, Persönlichkeit … Du hattest schon erwähnt, wie deine Kun- den dich finden bzw. du sie, nämlich über den Kontakt vor Ort …

Online bin eigentlich gar nicht. Jeder, der nach Möbeldesign im Internet sucht, wird nicht mich finden, sondern große Möbelkonzerne, aber das ist auch gar nicht mein Thema. Ich mag es, mit den Menschen direkt zu arbeiten.

Gibt es bei dir auch mal kreative Auszeiten? Also Zeiten, in denen du dich fernab des Tagesgeschäftes regenerieren kannst? Geht das überhaupt als Ein-Mann-Unternehmen?

Noch klappt das nicht wirklich. Ich muss es immer erzwingen bzw. meine Freundin erzwingt es dann, und das ist auch gut so. Wir versuchen, mindestens zehn Tage im Jahr mal rauszukommen – mehr ist einfach noch nicht drin. Meine Auszeiten sind jetzt eher im Kleinen, etwa, dass ich angefangen habe, im Garten Tomaten zu ziehen und, dass ich morgens bzw. zwischendurch mal eine Runde durch den Garten drehe und dabei eben ein bisschen nachdenke. Das ist meine kleine Auszeit. Ich hole mir einfach meinen Urlaub hier, wo ich arbeite.

Was inspiriert dich?

Die Menschen. Die Menschen und ihre Bedürfnisse. Ich bin hier meist in meiner eigenen kleinen Welt, und dann ist es gut, rauszugehen und zu schauen, wie die Leute Dinge benutzen. Und die Umstände, wie diese Dinge benutzt werden und welcher Bedarf daraus entsteht, das inspiriert mich. Wenn sich irgendetwas in der Gesellschaft verändert, ist das ja auch eine Möglichkeit, neue Lösungsansätze und Produkte zu schaffen. Ich informiere mich überhaupt nicht über das Internet. Mir reicht aus, wenn ich zu jemandem komme, sehe, wie er lebt und darauf hingehend arbeite. Ich glaube nicht, dass man alles über einen Kamm scheren kann. Jeder lebt halt anders, und zu jedem passt dann auch irgendwie etwas anderes – und jeder braucht vielleicht auch andere Lösungen. Vielleicht passen manchmal ein, zwei Lösungen für mehrere Menschen, aber ich glaube, dass das Individuelle nicht massenkompatibel ist.

Gibt es ein Projekt oder Projekte, die du schon immer mal realisieren wolltest?

Mein Traum wäre ein gläsernes Atelier, wo die Leute kaffeetrinkend sitzen und schauen, wie ihr Möbel hergestellt wird, so dass sie wieder ein bisschen näher an die Produktionsprozesse herankommen und merken, was für eine Wertigkeit dahintersteht. Vielleicht lässt sich das irgendwann mal machen ... [Lacht]

Wie siehst du die Entwicklung bzw. den Status quo des Möbeldesigns in Deutschland?

Davon habe ich zu wenig Ahnung [lacht] ... Ich habe das Gefühl, dass die Leute wieder ein bisschen mehr auf regionale Sachen achten, aber ich sehe auch, dass das, was in Masse produziert wird, immer noch zu häufig an der Straße steht oder auf dem Sperrmüll landet. Ich finde, das können wir uns nicht mehr erlauben. Eine Lösung dafür habe ich aber auch nicht parat [lacht].Wir brauchen vielleicht eine Art Rückbesinnung hin zu einer Langlebigkeit und Qualität von Produkten.

Du bist auch in der Kunst- bzw. Designvermittlung tätig. Was lernen die SchülerInnen und Studierenden bei dir?

Ich war in verschiedenen Schulstufen über Gymnasium, Grundschule, Realschule, in verschiedenen Förderschulen und habe jeweils versucht, das Thema Design und Möbeldesign mit den Schülern anzugehen. Die Auseinandersetzung mit Gestaltung und Handwerk ist für die Kinder spannend. Sie lernen, wie sie selber Probleme lösen und nicht immer nur eine Lösung von außen anzunehmen. Auf diese Weise spüren die wieder, was sie brauchen. Oft ist man einfach so voll vom Überangebot und dem Zustand, dass alle einem suggerieren, was man braucht, sodass man selber gar nicht mehr weiß, was man will.

Überforderung auf allen Ebenen, was Konsum angeht. Das ist keine schöne Wandlung an sich, finde ich …

Je älter die Kinder werden, desto weniger können sie eigentlich frei denken. Besonders amGymnasium war es schwierig. Die erste Frage war: Was sagen denn die Lehrer und die Eltern dazu? Da war es nicht: Was brauche ich, sondern: Was sagen alle anderen. Das fand ich ganz furchtbar. Die Grundschüler haben einfach angefangen, haben ihr Ding gemacht und das durchgezogen. Und in der Förderschule war es ein Höchstmaß an unglaublicher Arbeit. Diese Schüler waren handwerklich so fit, da können sich die Studenten an der Uni noch eine Scheibe von abschneiden. Ich habe dort wirklich tolle Modelle gesehen und war total baff!

Wenn du nicht selbstständiger Möbeldesigner geworden wärst, dann wärst du …

Gute Frage, wo es mich dann hingetrieben hätte ... [lacht] Es gab mal die Überlegung, Lehrer zu werden, weil ich es auch mag, Dinge weiterzugeben ... Ich habe gerade einen Designstudenten hier, und den Austausch mag ich sehr. Also irgendetwas Lehrendes vielleicht. Aber gut, dass ich es nicht geworden bin. Ich wäre ausgerastet [lacht].

Vielen Dank für das tolle Gespräch.

Kategorie: Kunst (Design)
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