Finde Dein Warum

Personal Trainer Christoph Heinemann darüber, warum gute Vorsätze nur Momentaufnahmen sind

Die weihnachtlichen To-do-Listen sind abgehakt, fehlt zum Ende des Jahres also nur noch ein Häkchen: Vorsätze 2018. Check. Check? Was ist denn aus den guten Vorsätzen 2017 geworden? Oder den tollen Plänen aus 2015? Erinnern wir die überhaupt noch? Wir wollten schlanker, schöner, fitter werden. Uns gesund ernähren und öfter an der frischen Luft bewegen. Schließlich stand das fünfzehnjährige Klassentreffen an. Der Termin ist geschafft, die drei in einer Crash-Diät abgehungerten Kilos sind wieder drauf. Neue Vorsätze müssen her. Und Silvester ist doch ein guter Termin. Sekttrunken und sentimental nehmen wir uns vor: Im neuen Jahr wird alles anders.
Am 2. Januar kaufen wir uns ein Buch über Motivationspsychologie, am 3. Januar sind wir auf Seite 12 (puh), am 5. Januar sind die letzten Lebkuchen verputzt, und im ersten Überschwang ist bereits der überteuerte „Chakka“- oder „Yes, you can“-Kurs gebucht. Den wir dann aus Termingründen sausen lassen. Wir können uns noch so viel von außen motivieren lassen, Bücher lesen, Seminare besuchen oder uns Motivationszitate auf den Bildschirm kleben – über kurz oder lang werden wir entweder aufgeben oder vom äußerlichen Druck zerdrückt. Echte Veränderung kommt von innen.
In den meisten Fällen ist die Begeisterung für eine Sache da (ich möchte spüren, wie es sich anfühlt, einen Marathon gelaufen zu sein) oder großer Leidensdruck (ich fühle mich unwohl in meinem Körper) das Erfolgsgeheimnis. Der nächste Badeurlaub oder ein Treffen mit der Neuen des Ex, bei dem wir glänzen möchten, reicht meist nicht. Wenn die Motivation nicht aus uns selbst kommt, dann sollten wir uns die Zeit sparen und gar nicht erst anfangen. Daher gilt: Finde dein wahres Warum. Sei vorsichtig mit Formulierungen wie „Wenn ich zehn Kilo leichter bin, finden mich alle attraktiver“ oder „Wenn ich den Marathon unter vier Stunden laufe, bewundern mich die anderen“. Nichts wird besser, wenn man erst dies oder das erreicht hat. Denn man bleibt man selbst. Mit allen Stärken aber auch Unsicherheiten. Man wird kein neuer Mensch, nur weil die Waage weniger anzeigt. Zudem gibt man dem Unterbewusstsein mit solch unrealistischen Erwartungen das Gefühl, dass das, was gerade ist, nicht gut genug ist. Man ist schon jetzt liebenswert und wertvoll. Genau so, wie man jetzt ist.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich brenne für Ziele und Herausforderungen, aber Grundlage für Erfolg ist erst einmal, das Jetzt zu akzeptieren, wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein. Stattdessen sage ich: Lauf dem Glück nicht hinterher. Setze keine Ziele, um es anderen zu beweisen. Zufriedenheit entsteht durch einen selbst. Diejenigen, die dich genau als das, was du bist, nicht wertschätzen, solltest du meiden, statt zu versuchen, es ihnen zu beweisen. Umgib dich mit Menschen, die DICH sehen. Denen es unwichtig ist, ob du mehr oder weniger wiegst, erfolgreich bist oder etwas erreicht hast. Selbst- und Fremdwahrnehmung ist hier ein wichtiger Punkt.
Wer etwas ändern möchte, sollte es tun, aber allerdings erkennen: Veränderung ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. Wenn man sich zehn Jahre schlechte Gewohnheiten antrainiert hat, lassen sich diese nicht in vier Wochen ablegen. Es braucht Zeit und Disziplin, ungesunde Angewohnheiten durch neue Mechanismen zu ersetzen. Der Spruch „Ich habe meine Ernährung umgestellt, die Chips stehen jetzt rechts von der Fernbedienung“ macht klar: Um wirklich etwas zu ändern, braucht es große Disziplin. Der Treibstoff ist Willenskraft. Sie ist wie ein Muskel, den wir trai- nieren, aber durch zu große Belastung auch erschöpfen können. Deshalb sollten wir behutsam sein und unsere Kraft gut einteilen, sie intelligent nutzen mit allen Konsequenzen und in die richtigen Sachen investieren. Am Anfang verändert man Dinge, die leicht fallen, und arbeitet sich Stück für Stück an die schwierigeren Sachen heran. Wer im Kleinen Erfolge feiert, wird sich für die nächsten Schritte begeistern; so schafft man es, über den Hügel zu kommen und die Willenskraft zu einer Gewohnheit werden zu lassen. Ja, Veränderung hat ihren Preis. Man wird verzichten müssen, aber die Wahrheit ist, man verzichtet so oder so – entweder auf kurzfristige Ersatzbefriedigungen oder auf ein zufriedenes vitales Leben. Was ist uns mehr wert?

Meine 10 Schritte, um am Ball zu bleiben:

1. Finde deine innere Motivation, habe ein klares Bild im Kopf.

2. Setze dir realistische Ziele, die du ohne zu großen negativen Stress erreichen kannst. Plane deine Ziele rückwärts, wo möchtest du in einem Jahr stehen? Dann plane dein Monatsziel und dann erst deine Wochenziele.

3. Triff eine Entscheidung mit allen Konsequenzen.

4. Starte mit kleinen Schritten, und baue diese kontinuierlich aus, so bleibt deine Motivation und Willenskraft auf einem gesunden Level.

5. Trainiere deine Willenskraft.

6. Übung, Übung, Übung.

7. Gönn dir Erholungsphasen.

8. Hab Freude an dem, was du tust.

9. Vergleiche dich nicht. Vergleich ist der Beginn vom Unglücklichsein. Arbeite mit deinen vorhandenen Ressourcen, jeder Mensch hat andere.

10. Suche dir einen Rechenschaftspartner, der dich reflektiert. Dies muss nicht gleich ein qualifizierter Coach, sondern kann auch ein geschätzter Freund sein, der dein Anliegen mindestens genauso ernst nimmt wie du selbst.

Kategorie: Menschen
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