Vielleicht ist keine Antwort

Kolumne Frau Lönne meint

Ich liebe handgeschriebene Notizen, Postkarten und Briefe. Und ich bewahre viele auf. Die Achtung vor dem mit Füller (hinreißend), Kugelschreiber (wenn er keine unschönen Schmiernasen zieht) oder ähnlichem Minen-Werkzeug Geschriebenen gewinnt für mich immer mehr an Bedeutung – aber das ist ein anderes Thema (SMS & Co., ihr wisst schon). Und so fiel mir vor kurzem, beim Durchwühlen einer alten Kiste, ein mehrfach gefaltetes Zettelchen in die Hände. Kariert. Aus irgendeiner Mathekladde gerissen. Darauf, ziemlich verblichen, die Frage „Willst du mit mir gehen?“ mit drei Optionen „Ja“, „Nein“, „Vielleicht“. Ein Kreuzchen an der richtigen Stelle konnte die erste Beziehung bedeuten, im falschen Kästchen zum ersten Mal ein gebrochenes Herz. Ein Ja fühlte sich gut an. Ein Nein hingegen war an ungeschminkter Brutalität nicht zu überbieten. Ablehnung auf der ganzen Linie. Verloren. Nie wieder glücklich sein. Nie wieder. Darum rettete man sich gerne mit einem beherzten Vielleicht und hielt sich so alle Optionen offen. Hey, wir waren 13, da war das okay.
Was damals eine verlockende Option war, hat heute in den meisten Fällen seine Daseinsberechtigung verloren. Finde ich. Schon mal versucht, auf Fragen wie „Willst du mich heiraten?“, „Kann meine Mutter Weihnachten zu uns kommen?“ oder „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, fremdzugehen?“ mit einem überzeugenden Vielleicht zu antworten? Ungünstig. Zero points. Wobei es gar nicht immer nur um solch existentielle Fragen gehen muss. Ich denke, in vielen Momenten fehlt die Courage zur Verbindlichkeit. Wenn man meint, was man sagt, und sagt, was man meint, kann es passieren, dass man beim Wort genommen wird. Und das umgeht man ab und zu lieber. Was, wenn kurz nach der zugesagten Essenseinladung ein interessanteres Angebot kommt? Anfang Dezember schon zur Party am Jahresende zusagen? Uhhhhh, Bindungsangst. Es könnte ja noch etwas Spannenderes eintrudeln. Ich mag diese Unverbindlichkeit nicht. Falsch. Ich halte sie für eine Unart. Wieso halten sich so viele Menschen Hintertürchen offen? Egal, ob es um einen Kochabend mit alten Freunden, den x-ten Umzug oder eine Deadline im Job geht? Ist es die Vielzahl an weiteren Möglichkeiten oder schlicht die Unfähigkeit, anders gesagt, Unlust zur Verbindlichkeit?
Der fehlende Mut zur Entscheidung ist eine Eigenschaft, vor der ich schon so manches Mal kopfschüttelnd resigniert habe. Hey, was ist bloß los? Wenn ich jemanden liebe, dann gibt es nur ein Ja. Wenn ich jemanden nicht mehr liebe, dann verlangt der Respekt nach einem klaren Nein. Natürlich ist das schwer. Es tut weh. Man begibt sich auf unbekanntes Terrain. Traue ich mir mehr Verantwortung im Job zu? Ausprobieren. Vielleicht gelingt es. Oder auch nicht. Dann kann man die Schuld am Scheitern zwar nicht auf jemand anderen schieben, aber man hat etwas gewagt. Man hat selten von vorneherein die Gewissheit, dass man den richtigen Weg beschreitet. Und? Man geht zumindest einen Weg. Links oder rechts? Ja oder Nein? Vorwärts oder zurück? Alles okay. Solange man zu seinen Entscheidungen steht. Auch wenn sie falsch waren. Es geht im Leben nicht nur um „success stories“, sondern um Charakter. So ist doch das Leben. Das macht es spannend. Verbindlichkeit verbindet. Ausprobieren, definitiv zur Nachahmung empfohlen.
By the way: er hat damals „Vielleicht“ angekreuzt. Ich bin heute noch beleidigt.
Kategorie: Menschen
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