Veröffentlich am 15. Februar 2017 von Contentley

„Man kann sehr viele unterschiedliche Leben nebeneinander leben.“- Friedrich Liechtenstein
02.01. Menschen


„Man kann sehr viele unterschiedliche Leben nebeneinander leben.“- Friedrich Liechtenstein
Interview Friedrich Liechtenstein / Lars Görg (CHAPEAU), Chelseys Farmers Club, Berlin

„Warum hat der lackierte Nägel?“

Chapeau:
Ein guter Freund bat mich, Sie zu fragen, wie Sie das mit Ihrem Nagellack machen. Nachdem er es das erste Mal selbst versuchte, musste er den Lack mit Terpentin abmachen, weil es gar kein Nagellack war. Inzwischen lässt er die Nägel vom Profi in Gel modellieren, um diese hart-glänzenden, chrom-goldfarbenen Fingernägel zu tragen.

FL:
Meine jüngste Tochter Jette hat sich das für mich vor ein paar Jahren ausgedacht. Sie hat im Netz so eine Art Sticker gefunden, und ich glaube, sie hat sämtliche Restbestände aufgekauft. Die klebt sie mir auf und schneidet dann daran herum, bis es passt. Am ersten Tag sieht es ein bisschen uncool aus, am zweiten Tag passt es dann. Diese hier habe ich jetzt 14 Tage drauf. Lack kann das nicht; das muss richtige Folie sein, also Blattgold. Richtiges Blattgold.

Chapeau:
Ich war als kleines Kind mal mit meiner Oma in Bochum beim Juwelier. Der alte Herr, der uns bediente – verheiratet, Vater dreier Kinder –, hatte lackierte Nägel. Ich flüsterte meiner Oma zu: „Warum hat der lackierte Nägel?“ Und Oma sagte: „Frag ihn doch.“ Ich erfuhr, dass das eine alte Tradition bei Juwelieren sei. Er zeige den ganzen Tag Kostbarkeiten und dann schaue man unwillkürlich auf seine Finger. Die müssten dann top aussehen. Außerdem sei der lackierte Fingernagel ein Zeichen für „ich arbeite nicht körperlich hart“. Ein Maurer beispielsweise könne gar keine lackierten Nägel tragen.

FL:
Ich mag das sehr. Auch bei Männern.

Friedrich Liechtenstein, Lars Görg

„Mich hat all die Jahre über Wasser gehalten, dass ich nette Leute um mich hatte“

Chapeau:
2003 haben Sie sich „neu erfunden“. Bei dem, was ich über Sie erfahren konnte, lernte ich aber, dass Sie auch die Jahre zuvor schon eher unangepasst aufgetreten sind. Jetzt, da Sie in der Mitte der Wahrnehmung angelangt, ein „Promi“ sind: Bemerken Sie einen Unterschied? Finden Leute, die früher auf Sie und Ihre Art herabgesehen haben, Sie heute cool? Nicht, weil Sie sich geändert haben, aber weil Sie „der Liechtenstein“ sind?

FL:
Es ist nicht so heftig, wie man es sich vorstellt. Wenn Leute sich nachts einen Film von mir anschauen oder sich eine Zeitung kaufen, in der ein Artikel über mich drin ist, dann erfahre ich das nicht. Ich spüre nur physische Begegnungen, so wie wir sie jetzt haben. Mich hat all die Jahre über Wasser gehalten, dass ich nette Leute um mich hatte.

Ich habe immer schon alle gegrüßt, wenn ich durch (Berlin-) Mitte gelaufen bin, das tue ich auch heute noch.

Die Veränderungen, die sich ergeben haben, haben meist in der digitalen Welt stattgefunden und sind kein physischer Impuls, nicht mal ein materieller. Mein Selbstwertgefühl ist geblieben, ich merke aber, dass es sehr anstrengend geworden ist. Meine Hauptarbeit besteht darin, das Schiff auf Kurs zu halten. Die meisten Leute bekommen ja gar nicht mit, was ich alles mache. Platten, Konzerte, Rollen, Regiearbeiten und Konzepte für kleine Fernsehformate – das ist mein tägliches Business, und das ist anstrengend. Da kommen immer Leute, „Hey“, und ich dann „Hey“ ... Na ja.

Chapeau:
Ist die Tatsache, dass Sie Deutschlands Allgemeingut und der Kumpel von nebenan geworden sind, Grund für Ihren Umzug nach Wien?

FL:
Ich bin schon gern ein freundlicher Typ. Aber das ist in Österreich in der Tat ein bisschen anders, schon weil die keinen EDEKA haben. Dort befragen mich Journalisten nach meinem Album „Bad Gastein“ oder nach meiner Musik mit Richard Dorfmeister, ein Österreicher, mit dem ich einen Song herausgebracht habe und der im Radio läuft. Zudem hat Liechtenstein für die einen anderen Klang, denn sie haben das Palais Liechtenstein und somit eine ganz andere Verbundenheit.

In Deutschland interessieren sich viele für die Supermarkt-Story – und verwechseln den Markt dann auch noch. Oder meine Zeile mit „leider geil“ oder „richtig geil“. Da gibt´s also ganz viel Unpräzises. In Österreich ist alles etwas präziser.

Aber: Ich verbringe viel Zeit mit Leuten, bei denen das alles überhaupt nicht Thema ist.

Allerdings gehört es nach wie vor zu meinen Träumen, einen kleinen EDEKA in Mitte aufzumachen.

„Der ist cool. Und ein anderer nicht.“

Chapeau:
Als ich in meinem Familien- und Freundeskreis erzählte, dass ich ein Interview mit Ihnen führen werde, habe ich mit einer gewissen Fassungslosigkeit gerechnet, weil sie mit Schauspielern und so weiter normalerweise nichts anfangen können. Aber: nichts als Sympathie. Sie werden ernstgenommen und nicht für den heiteren Idioten gehalten.

FL:
Von manchen schon, das nehme ich aber nicht krumm. Die machen’s so, wie ich es auch mache. Ich sehe jemanden, so aus dem Augenwinkel, und denke: Der ist cool. Und ein anderer nicht. So macht man’s ja. Ich glaube aber, dass Leute mit Anspruch verstehen, dass auch ich einen sehr hohen Anspruch an mich und die Welt habe. Und dass ich sehr komplex arbeite. Das spürt man dann, wenn Sie wollen, auch so aus dem Augenwinkel. Ich muss mich da nicht verstecken. Ich bin sehr selbstbewusst.

Sind Sie verbittert?

Chapeau:
Ich mache seit 30 Jahren Musik, Theater, und das interessiert keine Sau. Und dann kommt so ein Ding, das mich keinerlei Mühe kostet, vielleicht nicht einmal von mir geschrieben wurde, und auf einmal bin ich wer. Nach all den Jahren ECHTER Mühen. Mich könnte das verbittert machen, nach dem Motto: Ihr Idioten ... Sind Sie verbittert?

FL:
Nein. Wobei ich nicht nur eine gute Meinung von der Welt habe. Es gibt auch schon eine große Enttäuschung in mir. Grundsätzlich eine, ja: Enttäuschung. Aber gleichzeitig habe ich in mir einen positiven Kern, von dem ich auch nicht weiß, wo er herkommt, der mich aber in den schlimmsten Zeiten auch tatsächlich getragen hat. Als also die ganz wichtigen Projekte den Bach runtergingen.

Ich kann sagen: Ich war tatsächlich obdachlos. Aber ich habe das so gedeichselt, dass es von außen ganz cool aussah.

Ich habe dann in einer großen Firma gewohnt, hatte die alten Anzüge von meinem Schwiegervater an, hatte einen großen Freundeskreis, habe dann mal auf einem Geburtstag gesungen oder so. Ich war also ganz gut vernetzt. Ich war nie wirklich böse mit dem Leben. Aber dafür, dass so eine Art Sonnenschein in mir ist, dafür kann ich nichts. Das ist mir qua Geburt gegeben.

„Meine Geburt war sehr dramatisch, ich bin fast gestorben.“

Meine Geburt war sehr dramatisch, ich bin fast gestorben. Man hat mich dann sehr verbeult per Kaiserschnitt rausgezogen, sodass die Krankenschwester sagte: „Angezogen sieht er vielleicht ganz gut aus.“

Und dann später habe ich mich entfaltet – und dann ging alles gut. Ich bilde mir ein, dass von dort mein Urvertrauen kommt. Selbst in meinen schlimmsten Stunden, wenn ich so nachts in meinem Bettchen eingemummelt lag, musste ich grinsen. Mensch, was das Leben so mit Dir vorhat. Ich bin eher melancholisch, habe aber auch zugleich diese Art Heiterkeit, bin überhaupt nicht sauer und kann alles umarmen. Was auch Leute in meiner Umgebung, die mir sehr nah waren, gewundert hat: Mit wem ich so durch die Nächte getingelt bin. Was das für unterschiedliche Kaliber waren! Ich habe da nun auch so’n Hang zum Personal, sage ich mal, aber ich kann auch anspruchsvolle Macher schätzen und mit denen eine gute Zeit verbringen. Ich bin da sehr offen. Weil ich weiß, dass das auch alles sehr schnell wieder vorbei sein kann. Ich bin ja jetzt den Launen des Mainstreams unterworfen.

Aber als es mir richtig schlecht ging, war ich doch versöhnt mit der Welt und dachte, wenn ich morgen sterben würde? So what! Ich würde wahrscheinlich lächeln. Eine komische Welt. Wofür hast Du mich überhaupt gebraucht?

Chapeau:
Selbstmordgedanken hatten Sie nie?

FL:
Nein. Nie. Aber auch keine Angst vor dem Sterben. Ich krieg das irgendwie so hin.

Friedrich-Liechtenstein-Interview
Friedrich Liechtenstein, Verkaufsfläche

„Ihr seid die Edelkomparserie dieses Scheiß-Auftrittes!“

FL:
Auch bei meinen Konzerten gab’s manchmal so Desaster. Ich bereite mich vor – dem Veranstalter ist das scheißegal. Der Sound ist Mist, das Licht ist blöd, die Leute laufen vor der Bühne hin und her. Muss hier jetzt mein Auftritt sein? Aber ich habe da einen gepflegten Masochismus entwickelt und dann den Leuten gesagt: Ich sehe das genau wie ihr, aber denkt euch doch, das hier wäre ein Film. Dann ist das nämlich keine Scheiß-Show, sondern ein sehr präziser Film über eine Scheiß-Show. Und ihr seid dabei!

Ihr seid die Edelkomparserie dieses Scheiß-Auftrittes!

Und das ist mein Stil. Dass ich mir immer sage: „So what? Über was reden wir hier?“ Was die Leute natürlich auch irritiert hat. Jetzt muss er doch mal anfangen, Angst zu kriegen. Die Reißleine ziehen, weil, noch tiefer geht´s ja nicht.

„Ich hatte eine ganz normale Familie mit drei Kindern, zwei Autos, große Wohnung, Häuser.“

Aber es ist ja nicht so, dass ich mein komplettes Leben in Armut und Verzweiflung verbracht hätte. Ich hatte immer auch Höhepunkte, wo ich in dem Milieu, in dem ich gestartet bin, große Anerkennung gefunden habe.

Chapeau:
Dann ist Helen Scotts Bonmot „In seinem Milieu ist er unschlagbar. Und er findet immer sein Milieu“ Ihnen zugedacht.

FL:
Hmm ... nun: Ich hatte eine ganz normale Familie mit drei Kindern, zwei Autos, große Wohnung, Häuser. Ich weiß, dass das alles zu einem kommen kann, nur von 2003 bis 2012 war eben eine richtig schlechte Phase; das war unglaublich. Ich kann heute noch nicht fassen, wie alles schiefgelaufen ist. Unglaublich. Und gleichzeitig hing mir die Karotte ständig vor der Nase.

Ich hatte immer glänzende Gelegenheiten, wofür sich andere den Arm abhacken würden. Das habe ich dann auch alles gemacht. Ich hatte eigene Abende an der Volksbühne, habe auf der MS Europa gesungen, war mit Katrin Bauernfeind auf 3SAT unterwegs, ganz tolle Sachen. Allein die Budgets! Das Geld, das man da verdient hat. Nur: Wenn man das aufs Jahr verteilt, ist es nicht so viel und man kann keine Miete davon zahlen. Irgendwie war das aber auch das Lustige. Ich wurde immer am Laufen gehalten, aber finanziell war es einfach eine Katastrophe.

Chapeau:
Als bekennender und praktizierender Katholik habe ich seit über 25 Jahren denselben Beichtvater, der versucht, mich zu Verzicht, ersatzweise zur Schaffung „eines Kosmos der Möglichkeiten“ anzuhalten. Mit der Frage, wie oft ich mir noch beweisen müsse, mir dieses oder jenes kaufen zu können. „Stell den ganzen Kram in deinen Kosmos der Möglichkeiten.“ Intellektuell kann ich das alles begreifen, aber mein Gefühl sagt mir: Nein.

„Nur für mich merke ich seit vielen Jahren, dass es mich froh macht, nichts zu haben.“

Sie nennen sich ja besitzlos. Ist das etwas, wozu die Jahre der Not geführt haben? Dass Sie spüren: „Ich bin in der Tat noch ich, ich bin fähig zu dem, was mir wichtig ist, zur Liebe, zur Kreativität.“ Oder war es ein intellektueller Prozess, dass Sie sagen, „Ich bin jetzt frei. Ich kann morgen mit Socken, Schlüpfern und Zahnbürste nach Wien gehen“?

FL:
Was Sie da aufzählen, würde ich nicht als Besitz bezeichnen ...

Chapeau:
War es etwas, was das Leben mit Ihnen gemacht hat? Oder ist es ein Konzept, vergleichbar einem, mit dem Sie sich der Kunst nähern?

FL:
Hmm ... Also, ich bin ja eher ein Performer. Selbst wenn ich Theater machte, waren das mehr Skulpturen als klassisches Theater. Und dieses sogenannte Performative ist etwas Ephemeres. Eher flüchtig, es findet aber dennoch statt und wirkt. Und ich bin auch durch Étienne Bartins Philosophie vom Handeln davon überzeugt, dass Denken und Zugucken Handlungen sind, die die Welt gestalten. Insofern habe ich da kein schlechtes Gewissen, wenn ich sehr ephemer arbeite.

Dann habe ich gemerkt, dass ich es sehr, sehr sexy finde, in großen leeren Räumen mit einer Pritsche, einem Schreibtisch, einem Stuhl zu sein. Als ich mein Haus durch die Scheidung verlor, mit seinen vielen Zimmern, Böden, Kellern, Kammern, mit dem ganzen Zeug, das rausgetragen und in die Wohnung hochgetragen werden musste, durch die ganzen Umzüge rein und raus und hoch und runter – da hatte ich auch irgendwann keinen Bock mehr. Und merke, dass es ohne das alles, ja, sexy ist. Wenn man frisch verliebt ist, reichen ja auch ein schmales Bett, Tisch und kleiner Herd. Finde ich für mich schon schön.
Ich bin mir aber auch bewusst, dass ich Menschen liebe, die Dinge lieben. Die sich Schlösser, Parks, Kunst und alte Autos kaufen. Ich rede auch mit denen und empfinde sie als Bereicherung. Ich liebe das!

Nur für mich merke ich seit vielen Jahren, dass es mich froh macht, nichts zu haben.

Ich habe meine Anzüge, ich besitze Schuhe, sonst nichts. Ich will Freiheit, Leichtigkeit und den leeren Raum. Da bin ich nicht stolz drauf, das ist keine Koketterie.

Ich lese ein Buch – und verschenke es. Auf einem kleinen portablen Plattenspieler von meinem Sohn höre ich zwei, drei Platten, dann verschenke ich die. Ich weiß, dass es um Können geht, wenn man Dinge liebt, deren Pflege, das ist eine Kulturleistung. Für Wien habe ich mir einen Kleinwagen geliehen, zwei Reisekoffer hineingestellt, in Wien ausgepackt, Auto abgegeben – und da wohne ich nun in einer neuen Stadt.

Die Wohnung ist vollkommen möbliert, von einer Frau, die sich mit Design beschäftigt. Die ziehe ich an wie eine zweite Haut. Und das finde ich auch interessant, in einer Wohnung einer Frau zu wohnen, wie ich es hier interessant fand, in der Wohnung eines Mannes zu wohnen. Oder die Anzüge meines Schwiegervaters zu tragen. Da war schon mal ein anderer Körper drin! Eine andere Art. Schön.

Chapeau:
Diesen Punkt kann ich sehr gut verstehen. Ich mag auch Dinge, die andere gering schätzen. Das hier ist zum Beispiel die letzte Brille, die Aristoteles Onassis sich bei Götte in Zürich machen ließ ...

FL:
Das sah ich, dass das was Besonderes ist. Wie gesagt, ich schätze das auch, aber eben nicht für mich.

Das Korallenriff ist für mich eine große Metapher: das Stabile und das Schöne. So kann ich das Diverse schätzen.

„Ich habe radikal nicht mehr telefoniert. Es geht erstaunlich gut.“

Chapeau:
Sie haben nicht einmal ein Telefon?

FL:
Bis 2006 hatte ich ein Handy. Was ja, ehrlich gesagt, purer Terror war. Auch für mein Umfeld. Der Anrufbeantworter war dauernd vollgequatscht, ich habe ständig telefoniert, man hat ewig gelabert, alle mussten zuhören. Ich fand es auch oft unhöflich, weil Telefonate nie so verbindlich waren wie ein Brief. „Nein, das habe ich so nie gesagt. Das haben Sie falsch verstanden, das haben wir nicht gemeint.“ Verabredungen waren auch immer schlecht: „Wir treffen uns um 15.00 Uhr in irgendeinem Laden“, dann kommt ein Anruf: „Wir treffen uns eine Stunde später, kannst Du noch hier oder da.“ Und das ist mir richtig auf den Geist gegangen.

Ich habe radikal nicht mehr telefoniert. Es geht erstaunlich gut. In einer E-Mail steht doch alles drin: Montag, 14.00 Uhr, Geld, alles steht drin. Kein Gequatsche. Verbindlicher.

Manchmal, bei großen Filmproduktionen, heißt es dann, Mann, Du musst erreichbar sein. Gut. Dann kauft mir für 25 Euro ein Handy, dann bin ich für Euch erreichbar. Die merken dann aber schnell, dass es ohne mit mir viel besser geht. Eine Zeit lang hatte ich tatsächlich auch keinen Computer mehr. Da bin ich dann immer in ein Internet-Café an der Ecke gegangen, bis 2014. Früh um acht bin ich da hin, Kaffee geholt, vor den Monitor gesetzt, 50 Cent bezahlt und allen ganz kurz geantwortet. Ja, geht klar, nee, geht nicht, O. K., nächste Woche, den ganzen Schrott angeguckt, was runtergeladen, die Links angeguckt. Dann war das erledigt. Manchmal mittags noch mal rein, fertig. Wenn es ganz schlimm wurde, kannte ich auch die Orte, wo man das gratis machen konnte: Hotels, Plätze, und dann habe ich mir jetzt wieder ein Laptop besorgt, das ich blöderweise mitnehme, wenn ich verreise. Liegt jetzt im Hotelzimmer. Hauptsächlich mache ich Facebook. Ganz schön ... Ist jetzt mein Telefon. So sehe ich auch Sachen, die andere machen, kommuniziere schnell und einsilbig. Aber selbstbestimmt, wann und wo, vorm Einschlafen. Also für mich O. K.

Chapeau:
Ich habe keinen Fernseher, aber sehe gerne Filme. Die kann ich auf dem Rechner ja sehen, wann ich will. Aber aus der Kindheit kenne ich es, dass Filme um 20.15 Uhr anfangen. Also starte ich meine Filme immer um 20.15 Uhr. Und ich benutze keine Stopp-Taste. Nicht, um aufs Klo zu gehen, nicht für ein Telefonat. Entweder Film – oder kein Film ...

FL:
Das geht mir genauso, wobei: Ich habe mich letztens ertappt, dass ich nicht auf Stopp drücke, wenn ich zur Toilette muss. Ich gehe zur Toilette – und lass den Film weiterlaufen. Dann beeile ich mich. Echt lustig. Könnte und sollte man ja machen ...

„Man kann sehr viele unterschiedliche Leben nebeneinander leben.“

Chapeau:
Sie sehen sich als nicht bedingungslos fortschrittfreundlich?

FL:
Ich will nicht der Typ sein, der auf Fortschritt schimpft. Neulich sah ich im Fernsehen eine Sendung über Medienkompetenz. Ich bin vorsichtig, das generell zu verteufeln.

Da sind wir wieder bei der Korallenriff-Metapher: Man kann sehr viele unterschiedliche Leben nebeneinander leben. Und deshalb verachte ich auch die Digital Natives nicht, die von morgens bis abends mit ihrem Handy zugange sind. Wenn die frisch aussehen und Party machen können, finde ich das alles o. k. Ich habe keine Medienkompetenz. Hätte ich die, hätte ich auch ein Handy. Dann könnte ich wegdrücken, wegdrücken, Anrufbeantworter wäre deaktiviert. Ach, habe ich keinen Bock drauf.

Außerdem habe ich als Künstler eine Verpflichtung vor der Gesellschaft: an den Rändern zu arbeiten.

Eskapismus als Gewinn für eine Welt zu verstehen, weil man Stichstraßen in einen Teil der Welt baut, den noch keiner betreten hat, und man testet, ob der Weg zurück klappt. Dann können die anderen diesen Weg auch benutzen, als Autobahn.

Wie Biertrinker, damals, als die ersten Mönche Bier brauten. Du, Du wirst auch wieder nüchtern! Trinkst was, wirst besoffen, aber auch wieder nüchtern! Also, Leute: Kauft Bier! Das muss man erst einmal vorleben. So auch in der Kunst. In der Performance.

Schmuck-Eremit zu sein, als einsamer Typ im öffentlichen Raum zu leben, ohne dass es jemand groß merkt, ist für mich eine performative Arbeit, um herauszufinden, wie kann denn ein Leben sein?

Wie kann man leben? Muss man mit Großvater in einem Haus leben? Kann man drei Mal heiraten? Kann man fünf Berufe haben? Kann man öfter umziehen? Ich habe mir da ein Bild aus der Natur geholt. Bilder aus der Natur kommen uns ja immer sehr stabil vor. Mit Recht. Weil Natur vor uns da war. Das Algenbild zum Beispiel: Wir kennen den Baum, aber Algen? Extrem kleinteilig, großteilig, fakultativ symbiotisch. Dann kann man sagen: Ach, das ist ja ein tolles Leben! Und nicht immer nur durch Vergleiche. Der hat ein schöneres Auto, ein schöneres Haus – schon habe ich mein Leben versemmelt. Beim Algenmodell kann man ohne Vergleich sagen, ich habe ein tolles Leben gehabt. Ich war sechs Mal verheiratet ...

Chapeau:
Sechs Mal?

FL:
Ein Mal. War jetzt bloß ein Beispiel ...

Chapeau:
Haben Sie einen Lieblings-Champagner?

FL:
Eigentlich nicht so. Mit Pommery bin ich ein bisschen verbandelt. Da habe ich auch viel von getrunken. Ich bin aber experimentierfreudig. Und ich trinke gerne Champagner! Bier trinke ich allerdings auch. Ist billiger, und so habe ich manchmal Appetit auf Bier. Champagner... Frauen trinken gerne Champagner. Das wird dann oft ganz schön ...

Chapeau:
Hmm ... duschen oder baden Sie eher?

FL:
Duschen. Obwohl: lustig! Aktuell habe ich im Hotel eine Badewanne. Und dachte, och, bade doch mal wieder. Aber ich dusche lieber, lang und heiß. Ich kenne Leute, die mir nahestehen, die morgens den Tag mit einem Bad beginnen. Mit 37 habe ich das erste Mal gebadet, medizinisch. Fluchtinstinkte, weil ich 20 Minuten liegen sollte. Hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, warum 20 Minuten so wichtig sind. Und zehn Minuten nichts bringen.

„Diese Ästhetik kam mir besser vor als die unserer Kirchen.“

LG:
Sind Sie ein gläubiger Mensch? Möglicherweise sogar ein konfessioneller?

FL:
Nein. Gar nicht. Aber ich bin interessiert. Ich glaube ganz stark an Erzählungen von Kirchen, Glaubensgemeinschaften. Es gab mal einen Bericht über die Lagerung von Atommüll. 10.000 Jahre lagern. Da ändert sich ja was. In 10.000 Jahren muss ein Totenkopf nicht für Gift stehen; könnte ja auch Schmuck sein. Oder ein Grab. Die Idee also, eine Kirche gründen. Und erzählen, erzählen, damit die lebendige Erinnerung des Ortes die Menschen auch in 10.000 Jahren noch schützt. So sehe ich Kirchen insgesamt. Erzählungen werden durch die Jahrhunderte bewegt, und es funktioniert. Aber Metaphysik ist mir ganz klar. Da walten Dinge. Mein Leben, meine Kunst sind ja auch Systemtheorie. Ich glaube an das schöne Erlebnis der Transzendenz, an Seele, an die große Funktion nach Claude-Lévy Strauss, der Erzählungen, Geschichten als Gesetze deutet. Die in vielen Regionen, die nichts miteinander zu tun haben, identisch sind. Im Umkehrschluss heißt es bei ihm: Eine Erzählung, die man lang und gut erzählt, schafft auch Wirklichkeit. Ich habe erlebt, dass in meinem Leben das alles zutrifft.

Was ich an Kirche nicht mag, ist der Gewaltaspekt, das Finanzielle, die Oberflächlichkeit. Aber ich habe Verständnis für Leute, die dahin gehen. Außerdem, je mehr Kirchen an einem Ort, umso schöner kommt´s mir vor. Dann habe ich auch noch so ganz private Ideen.

Als ich durch den Balkan fuhr, kam es mir so vor, als ob der Islam dort auch besser hinpasse. Alles ist da rund: die Moschee, der weiche Teppich, die Umarmung, das Waschen.

Diese Ästhetik kam mir besser vor als die unserer Kirchen. Dieses Harte, Steinerne, die Bänke, schroffe Zeremonien. Gut, ich will das nicht überbewerten und auch nicht lange darüber reden. Es ist wie eine Stammtischrede. Und wie am Kneipentisch würde ich immer wieder erzählen, dass ich diesen Eindruck hatte: die harte, karge Landschaft. Und die runde, weiche, waschende Religion. Passt.

Nun bin ich im Osten aufgewachsen. Da war alles atheistisch. In meinem Ort gab es gar keine Kirche! Aber, wie gesagt: O. k. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich in einer katholischen Kleinstadt aufgewachsen wäre? Was wäre mir als Messdiener widerfahren? Es hat sich sicherlich herumgesprochen, dass dann und wann ... Aber gut. Insofern hatte ich dann eine katholische Kirche in Neu-Celle, das war ein Kloster. Und das fand ich schon wieder klasse, weil das so opulent war. Da ging’s zur Sache. Also kunstmäßig: Karacho!

„Aber: Wenn man sich zu ähnlich ist, gibt’s meist keine Zusammenarbeit.“

Chapeau:
Kennen Sie Dieter Meyer?

FL:
Natürlich, natürlich! Wir schätzen uns sehr. War jetzt noch auf seinem Konzert und in Italien hatten wir uns für die „Tankstellen des Glücks“ getroffen, gegessen, getrunken. Ja, wir mögen uns.

Aber: Wenn man sich zu ähnlich ist, gibt’s meist keine Zusammenarbeit. Was würdest Du jetzt machen? „Yeah!“ Und Du? „Yeah!“ Das bringt dann nichts. Richard Dorfmeister ist ein anderer Typ, der auch nicht singt oder durch eine dandyhafte Performance auffällt. Der ist Klangtechniker, das ist dann einfacher. Mit Dieter Meyer ist es vielleicht schwer zusammenzuarbeiten, aber er sagt: Wir machen noch mal was zusammen.

Da fällt mir ein, wir haben schon einen Song zusammen gemacht. Mousse T. hat den angelegt, den müssen wir nur noch eintüten. Weist mal auf das Friedrich Liechtenstein Trio hin, das ist richtig geil. Sollen sich die Leute selbst drum kümmern. Treten ja überall auf ...

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