Grosses Theater am Fluss

Interview mit Christian Firmbach

Noch bis zum 1. Juli bespielt das Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters das Roncalli-Zelt an der Hunte. Da das Stammhaus wegen Brandschutzarbeiten saniert werden muss, finden die Vorstellungen bis zur Sommerpause auf dem „Theaterhafen“-Gelände statt, begleitet von einem spektakulären Rahmenprogramm. Generalintendant Christian Firmbach erzählt im Interview mit CHAPEAU, warum sich niemand dieses Event entgehen lassen sollte.

CHAPEAU ― Bis in die Zeit des Barock war Theater im Zelt ja nichts Ungewöhnliches. Außerhalb von Hof-Theatern in den herrschaftlichen Schlössern war es das „Fahrende Volk“, das Zelte aufbaute und darin spielte. Kehren Sie mit dem Theaterzelt zu diesen Wurzeln zurück?

Christian Firmbach ― Wenn Sie das so sagen, ja. Aber wir Theaterleute sind immer eine Art Fahrendes Volk geblieben. In dieser Branche sitzen wir stets auf einem gepackten Koffer, auch wenn wir nicht mehr in Fliegenden Bauten spielen. Wir, die Schauspieler, die Tänzer, sind, in den Städten immer nur auf Zeit. In diesem Sinne kehren wir mit dem Zelt zurück zu den Wurzeln. Aber Theater aus Stein gab ja auch immer schon.

Sehen Sie die Spielzeit im Zelt auch als Chance, näher am Publikum zu sein und die „Theater-Hochkultur“ mit den Sinnenfreuden des Zirkus kombinieren zu können?

Ja, ich hatte immer schon den heimlichen Traum, mal Zirkusdirektor auf Zeit zu sein [lacht]. Für uns ist es wirklich keine Belastung, dass wir wegen der Brandschutz-Sanierung sechs Wochen lang nicht im Theaterhaus spielen können. Wir haben aus der Not eine Chance gemacht und sind an einem Ort, der neu und kulturell nicht belastet ist. Viele Leute kennen das Gelände gar nicht, das war vorher ja nicht begehbar. Und dann auch noch hier am Fluss; mit einer neuen Perspektive auf die Stadt. Dazu noch in einem Roncalli-Zelt – das sind doch die schönsten Zirkuszelte der Welt, wie ich finde. Wir haben das Ganze dazu noch in eine Jahrmarkt-Situation eingebettet. Es gibt ein historisches altes Karussell, wir haben einen Street-Volleyballplatz, auf dem wir gemeinsam mit den EWE Baskets Family-Matches ausrichten. Für den Strand mit Beach-Bar haben wir 190 Tonnen Sand aufgeschüttet und einen Anleger auf der Südseite der Hunte angelegt. Den gab es auch noch nicht. Man kann sich am Hafen ein Ticket buchen und mit einem Boot zum Zelt rüber fahren. Also was Hamburg kann, können wir schon lange [lacht]. Jenseits von sogenannter „Hochkultur“ haben wir die verschiedensten wechselnden Aktionen auf dem Gelände: die Open-Air Bühne, den Streetfood Market. Wir wollen hier sehr viele Leute andocken, die wir drüben im Normalbetrieb nicht unbedingt finden. Und hoffentlich Energien wecken, dass Menschen sagen: Das war echt cool, hier kommen wir auch so mal wieder her. Ein sechs Wochen langer Ausnahmezustand; eine große Sause, die hier am Ufer nie wiederholbar sein wird. Wenn wir im Juli weg sind, wird hier gebaut, und dann war es das. Im Grunde küssen wir den neuen Stadtteil wach, der hier entstehen wird. Eine tolle Marketinggeschichte für die Stadt. So ein kleiner Leuchtturm muss einfach ab und zu gesetzt werden. Aber aus dem normalen Budget ist so etwas nicht zu stemmen. Glücklicherweise haben wir einige Partner gefunden, die mitmachen, mithelfen, so dass wir am Ende auch wirtschaftlich keine Bauchlandung hinlegen.

In Ausnahmesituation werden Menschen oft zu Freunden, heißt es. Wie ist die Stimmung im Ensemble?

Dem Ensemble macht das großen Spaß. Das ist für uns alle etwas Neues und sehr interessant. Die Manege erfordert eine völlig andere Art zu spielen. Wenn das Publikum um einen herum sitzt, wird man von allen Seiten gesehen. Man braucht ein anderes Tempo. In welche Richtung muss ich spielen, wie schnell muss ich die Richtung wechseln? Das alles mussten wir uns in der Probezeit erst einmal erarbeiten. Dazu das Programm. „Alice im Wunderland“ ist extra für das Zelt produziert, da fängt die Vorstellung schon draußen an. Die Schauspieler kommen mit einem Boot auf das Gelände und nehmen das Publikum quasi mit in das Zelt mit hinein. Das ist schon cool. Außerdem haben wir das Musical „Jesus Christ Superstar“ transferiert, das wir drüben im Theater bereits zehn Mal mit riesigem Erfolg gespielt haben. Als Premiere zeigen wir hier auch die „Comedian Harmonists“, die später ins Repertoire rüber wandern werden. Und dann noch „Scheherazade“, ein Ballett für Kinder. Die Kleinen können hier ganz nah drum herum sitzen – eine ganz schöne Sache. Wir haben Matthias Brandt und Reinald Grebe mit Gastauftritten im Zelt, veranstalten mit der AWO zusammen ein großes Mitsingkonzert. Wir haben olympisches Boxen und vieles mehr. Alles ist so angelegt, dass sich jeder im Programm wiederfinden kann.

Laufen die Vorstellungen im Zelt anders als im klassischen Theater?

Ja, man kann in der Vorstellung essen und trinken, es gibt Popcorn und gebrann- te Mandeln. Verkäuferinnen laufen mit Bauchläden durch das Publikum. Unsere Abonnenten erleben hier einen völlig anderen Abend als im Theater. Ich finde, das ist ein unheimlicher Gewinn für das Staatstheater und erweitert unser Image.

Ist das Programm dieser Spielzeit bereits an die Ausnahmesituation angepasst worden, oder wäre manches im großen Haus besser darstellbar?

Nein, wir hatten ja einen Vorlauf von zwei Jahren. Die Produktion von „Jesus Christ Superstar“ zum Beispiel haben wir technisch schon so konzipiert, das es im Zelt tauglich ist. „Alice“ haben wir exklusiv für das Zelt produziert. „Comedian Harmonists“ haben wir so gestaltet, dass es hier funktioniert und später auch im Haus. Das „Scheherazade“-Ballett ist wieder nur für das Zelt gemacht. Alles ist lange vorbereitet, kurzfristig wäre das technisch gar nicht möglich.

Das Konzept passt perfekt zum Sommer. Ist das bewusst so geplant?

Ja. Bei gutem Wetter kommen die Leute auch unabhängig von einer Vorstellung zum Theaterhafen. Das Gelände ist jeden Morgen ab elf Uhr geöffnet, bei freiem Eintritt. Die Vorstellung im Zelt kostet natürlich Geld, aber alles andere ist kostenlos. Jeden Freitagabend gibt es kostenfreies Open-Air-Kino, Fahrradkino anstatt Autokino. Und am 30. Juni, am vorletzten Tag, machen wir hier eine große Party mit Flashmob und beleuchteten Booten auf der Hunte. Singende Opernchöre fahren auf Booten vorbei, das wird der absolute Hammer. Eine Prozession auf Booten, und wenn das Wetter stimmt, können die Leute beim Zuschauen in Liegestühlen sitzen. Wir haben einen eigenen Gin namens „Die Katze“ produziert [lacht], das ist echt abgefahren.

Gehen die Baumaßnahmen am Theater auf Initiative des Intendanten zurück, oder sind das amtliche Vorgaben?

Die Gesetze und Verordnungen für den Brandschutz werden immer strenger. Das Land und die Stadt müssen ihre Gebäude sicherheitstechnisch auf dem neuesten Niveau halten. Für das Staatstheater kommt das Geld zu 75 Prozent vom Land, und ein Viertel zahlt die Stadt. Für die Zukunftsfähigkeit des Theaters sind die Sanierungsarbeiten im Vorderhaus und im Publikumsbereich viel zu umfangreich, um sie alle in der Sommerpause zu abzuschließen. Also mussten wir die Zeit für die Bauarbeiten ausweiten und vorher umziehen.

Sie sind dann mit Einbruch von Herbst und Winter wieder „zu Hause“?

Mit Beginn der nächsten Saison sind wir zurück. Die Zuschauer werden dann wieder ganz normal in die alte Spielstätte kommen. Hier im Zelt haben wir halt nur diese sechs Wochen.

Was wird nach den Arbeiten im Hause besser, und was bleibt wie es ist?

Es geht ja in erster Linie um Brandschutz, davon ist dann nicht viel zu sehen. Aber in Folge der Sanierung bekommen wir auch ein neues Foyer. Die Zuschauer werden nach der Sommerpause ein völlig neues Entree vorfinden.

Glauben Sie, Ausnahmesituationen wie diese machen den Oldenburgern die Bedeutung ihres Theaters für die Stadt verstärkt bewusst?

Ja, wir erleben unglaublichen Zuspruch und eine ganz starke Identifikation mit dem Theater. Das ist hier in Oldenburg ganz fest verankert. Wir haben über 200.000 Zuschauer pro Saison, nach solchen Zahlen können sich umliegende Städte nur die Finger lecken. Für das Zelt haben wir schon vor der Eröffnung deutlich über 20.000 Tickets verkauft und generieren hier noch mehr Publikum als drüben. Da kommen eben auch Leute dazu, die sonst nicht bei uns wären. Das Erlebnis hier stabilisiert das Staatstheater ganz sicher noch weiter als Institution.

Wenn man mal die Baumaßnahmen ausnimmt – verursacht das Zelt Mehrkosten, oder kann man den vorübergehenden Spielort kostenneutral betreiben?

Das Ziel ist die Schwarze Null. Das wäre schon ein sehr gutes Ergebnis in Anbetracht des Aufwandes. Vom Land haben wir einen relativ kleinen Betrag als Kompensation bekommen. Aber hier passen fast eintausend Zuschauer rein, das ist annähernd die doppelte Kapazität wie drüben im Theater. So kommen während der sechs Wochen wesentlich mehr Einnahmen zusammen. Dazu kommen die Leistungen der Sponsoren. Da geht es in der Hauptsache um Sachleistungen wie Bodenbeläge, Schotter, Sand, Stromkabel. Die Firmen waren sehr großzügig oder haben günstige Preie gemacht. Nach meiner Kalkulation könnten diese Faktoren in der Summe die Mehrkosten aufheben. Und wenn es so knackig weiter läuft, sind wir auch durchaus im Plus-Bereich unterwegs. Roncalli hat ja noch weitere Stühle. Wir haben ein paar auch wegen der Bühne weggelassen, könnten aber bis zu 1400 Plätze besetzen. Ist das Zelt komplett voll, ist das eine richtige Gelddruckmaschine. Wenn nicht, kippt es ganz schnell in Richtung Belastung.

Angenommen, Sie hätten wie im Märchen drei Wünsche frei – was würden Sie sich für die Zeit hier wünschen?

Immer schönes Wetter, volles Zelt und dass die Sanierung rechtzeitig fertig wird. Denn nach dem 1. Juli sind wir hier weg.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin toi, toi, toi.

Kategorie: Events
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