Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Buchkritik

Ein großer, ein langer Roman über das Leben, Leiden, Lieben und Loslassen. Hanya Yanagihara verflicht die großen Sehnsüchte – Zugehörigkeit, Intimität, wahrgenommen, aufgehoben sein – mit den erschütternden Auswirkungen sexuellen Missbrauchs, Misshandlung, permanenter Entwertung und allumfassender Hilflosigkeit.
In einer detailreichen, naturbezogenen und klaren Sprache werden über vier Jahrzehnte Freundschaft zwischen Jude St. Francis, Willem Ragnarsson, Malcom Irvine und Jean-Baptiste Marion (kurz JB) ausgeleuchtet. Die vier Männer spiegeln dabei das ethnische Gesicht der New Yorker Gesellschaft wider, heben sich aber durch ihren beruflichen Erfolg, die finanzielle Sicherheit und die intime Liebe ihrer Freundschaft (gerade zwischen Willem und Jude) von so vielen müden Gesichtern hinter New Yorker Hoffnungen ab.
Die inhaltsvolle Beschreibung von ästhetischer Beschaffenheit (in Architektur, Fotografie, Malerei, Antlitz, echter Nähe und maßgeschneiderter Distanz) gaukelt ein poetisches, leichtfüßiges Gewand vor, das den Freunden einen exklusiven Lebenslauf aus Ruhm, Sicherheit, finanziellem Erfolg und familiärer Zugehörigkeit ermöglicht. Die Hyänen der Vergangenheit nagen dabei allerdings genüsslich an diesem wundersamen Band aus Zuneigung, manifestierter Liebe und aufopferungsvoller Hingabe, so dass die zugefügten (Fleisch-)Wunden nicht nur bei den Protagonisten ein tiefschwarzes, aussaugendes Loch hinterlassen, sondern auch dem Leser ein bedrückendes Zeugnis darüber ausstellen, welche Abgründe Menschen einander mit kleinen, spitzen Stichen, gewaltigen Stößen und atemraubender Kälte schaffen können.
Für Sie gelesen von Lea Tegenkamp

„Ein wenig Leben“

Hanya Yanagihara
960 Seiten
Hanser Verlag Berlin
28 Euro

Kategorie: Film & Co
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