Hart, aber herzlich

Interview mit Jenny Falckenberg-Blunck

Als wir durch deine Galerie schlenderten, sprachst du davon, dass du mit dem Satz: „Ich will jetzt Kunst machen“ aus dem Schatten deines Vaters (Harry Falckenberg; einer der – so heißt es – 20 weltweit bedeutendsten Sammler zeitgenössischer Kunst, Anm. d. Red.) herausgetreten bist. Insofern bist du erst einmal „in seinen Schatten hineingetreten“, zumal er das auch erklärtermaßen nicht wollte. Du bist dann nach Amsterdam gegangen und hast dort in einer Galerie gearbeitet – war das der Zeitpunkt, als du das Gefühl hattest: Jetzt habe ich mich von meinem Vater emanzipiert?

Viel später! Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich über Wortgeklingel wie „Emanzipation“ überhaupt nicht nachdenke. Ich arbeite einfach und schaffe. So. Und was dabei herauskommt, das kann großartig sein – ist es manchmal aber auch nicht. Ich bin total losgelöst davon, meinem Vater etwas beweisen zu wollen. Denn am Ende des Tages sind wir in total unterschiedlichen Feldern tätig. Er ist Sammler, er hat dieses Privileg, dass er durch die harte Arbeit, die er sein Leben lang geleistet hat, diese tolle Kunst sammeln und sich eine wahnsinnig spannende Sammlung aufbauen konnte. Dabei geht es ums Kaufen – wobei, wenn sich sein Sammlungsweg verändert, trennt er sich auch wieder von Werken, aber er trennt sich dann von Werken, um neue zu kaufen. Ich hingegen verkaufe Kunst. Und das ist wirklich etwas völlig anderes. Den Ansprüchen gerecht zu werden, nach denen mein Vater sammelt – dafür müsste ich erben. Oder einen ganz anderen Job haben, um mir das finanzieren zu können.

Ist es naiv von mir zu glauben, dass dir der Name Falckenberg, zumindest zu Beginn deiner Karriere, Türen öffnete, die ansonsten lange verschlossen geblieben wären?

Nein, ist es nicht. Als ich das erste Mal über Messen gelaufen bin, hatte ich einen ganz anderen Weg, die Leute anzusprechen. Wenn ich zu dir gehe, und du hast eine Modelinie, und ich heiße Michael Otto, dann ist das ja auch etwas ganz anderes. Und du unterhältst dich sofort auch ganz anders mit mir. Insofern ist der Nachname auf jeden Fall wichtig gewesen. Aber du bist eben auch „Tochter von ...“. Sagst du, was du vorhast, sprichst du über deine Ideen, um Geld zu verdienen, fangen alle an zu lächeln. Da muss ich am Ende durch die Tür gehen und zeigen, dass das alles weitergeht und nicht nur die schnelle Idee eines weiteren Kindes aus reichem Hause ist, nach dem Motto: Ich fange jetzt mal für drei Monate an zu arbeiten. Das gibt es ja oft genug ...

In welchem Maße hat Kunst, vor allem die Kunst, die dein Vater besitzt, dich geprägt? Gab es einen konkreten Beginn, oder bist du einfach mit der Sammlung groß geworden und hast erst als erwachsener Mensch bemerkt, was dich dein Leben lang umgab?

So früh hat mein Vater ja gar nicht angefangen, Kunst zu sammeln. Was allerdings immer schon da war: Mein Vater hat mit Horst Janssen Karten gespielt, und Janssen war kein ganz guter Kartenspieler, wodurch wir viele Janssen-Werke zu Hause haben ... Sehr, sehr viele. Spielschulden. Auch mit Petrus Wandrey, dem großen Hamburger Künstler, gab es enge persönliche Kontakte, aber als Mensch, als Freund, nicht als Sammler. Das ging ja erst 1993 los. Da war ich 13 – und kein kleines Kind mehr. Wobei das auch viel lustiger ist, kein kleines Kind mehr zu sein, wenn man solche tollen Leute kennenlernt. Was willst du denn als Kind auf diesen ganzen Partys? Ich bin auf jeden Fall mit einer ganz großen Selbstverständlichkeit an das Thema herangeführt worden. Ich meine, du sitzt auf einmal beim Abendessen mit diesen Menschen zusammen.

Konntest du dir davon etwas erhalten? Im Sinne von, dass nur das Werk allein dich anspricht, weil dich die großen Namen nicht beeindrucken?

Ja, stimmt. Wobei ich mich Werken auch intellektuell nähere, nähern muss. Die Philosophie des Werkes interessiert mich schon. Aber alles in allem nähere ich mich Kunst emotional. Kunst muss mir gefallen. Nicht im Sinne von „Das passt zu meinem Sofa“, aber, ja, es muss mir gefallen. Wobei Kunst nicht immer schön sein muss, um große Kunst zu sein. Bloß Kunst, mit der ich lebe, die muss für mich schön sein. Ich habe nun auch drei Kinder, die sind 15, 14 und 11 Jahre alt, und es gibt bestimmte Werke, von denen möchte ich zu Hause nicht umgeben sein. Aber wenn ich genügend Spielraum habe, Werke zu hängen, können die mich sowohl positiv als auch negativ berühren.

Bist du als Einzelkind groß geworden?

Nein. Wir sind vier ... zwei Jungs, zwei Mädchen.

Ich frage, weil es so klang – warum genau, weiß ich gar nicht –, als wärest du allein mit deinem Vater in Paris gewesen …

Nein, das mag nur so geklungen haben. Wir sind eine ganz enge Familie: jeden Sonntag Familienessen, wir feiern Weihnachten alle zusammen, Ostern. Ganz spießig-hanseatisch.

Dein Vater stellte seine Bilder also in Paris aus, und Gott und er werden wissen, wo noch. Dazu passt, dass du einmal sagtest, Kunst, die nicht gezeigt, nicht ausgestellt würde, sei nichts wert. Ist das ein Statement für die Demokratisierung von Kunst und gegen den Hype, der schwindelerregende Preise erzeugt?

Damit hat das gar nichts zu tun. Kunst muss gezeigt werden, damit sie gesehen werden kann. Du wirst aber immer Kunst haben, die sich der eine leisten kann – und der andere nicht. Es kann einfach nicht jeder Mensch einen van Gogh haben; das geht einfach nicht. Schon weil es so wenige gibt ... Das die dann teuer sind: klar! Aber wir müssen in Anerkennung dessen in der Öffentlichkeit Räume schaffen, damit jeder sie sich angucken kann. Das ist wichtig. Und auf die Sammler bezogen: Besitz bringt doch nur Spaß, wenn man ihn auch zeigen kann. Diese Haltung „Das ist nur meins“, gibt es ganz selten, ehrlich gesagt. In Deutschland zeigen alle großen Sammler und machen ihre Sammlung zugänglich. Die großen europäischen Sammler ebenso. Die Arnaults, die Bertellis, Pinault – alle zeigen. Man darf man nicht vergessen, dass der Wert einer Arbeit sich nur erhält oder sogar steigt, wenn die Arbeit international und dauerhafte Anerkennung findet, sprich überall gesehen wird. Das ist übrigens auch die Thematik bei unserem neuen Kulturschutz-Gesetz. Das ist genau unser Problem. Schön gesagt ... Also, das Problem meines Vaters ist es, dass er bestimmte Werke nicht mehr ausgeführt werden dürfen bzw. angemeldet werden müssen, wenn sie ausgeführt werden sollen. Es ist für den Wert einer Sammlung ungeheuer wichtig, sie zum Beispiel in New York ausstellen zu können. Das Ganze kommt einem Eingriff in die Privatsphäre gleich, meiner Meinung nach.

Merkst du durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit, das Internet, die Verfügbar-Machung von Wissen, auch einen Wandel in der Kunst? Mir kommt es so vor, als möchte heute keiner mehr einen Rubens haben. Und der gab vor Hunderten von Jahren, wie auch Rembrandt, den Wert einer Sammlung geradezu vor. Wenn ich Konrad Bernheimer so höre … oder, weniger lange her: Anselm Kiefer. Wo ist der geblieben? Immer auf der documenta präsent, jetzt weg. Wenigstens meiner Wahrnehmung nach …

Ja, aber warum denn? Wegen des neuen Kulturschutz-Gesetzes. Anselm Kiefer ist nach Paris gezogen. Viele große Künstler und auch Sammler sind beunruhigt. Wie weit der neue Entwurf aber wirklich greift, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Also keine Verschrobenheit, keine weltfremde Zurückgezogenheit, sondern eine echte, harte Reaktion.

Ja, der Erste, der Position bezogen hat. Aber auch die Sammler werden nachdenklich. Ein Bild zu verleihen, war immer schon ein riesiger bürokratischer Aufwand. Das lief ja nie so: „Ey, Jenny, kannste mir mal das Bild hinten links leihen?“ Versicherungen, Shipping, Zollerklärungen waren schon immer nötig. Jetzt muss ich Listen checken, gegebenenfalls mein Bild austragen lassen. Dann wird durch ein Gremium bestimmt, ob mein Bild ausreisen darf. Also: Sorry, warum soll ich mir das antun? Dann nehme ich lieber meine Sammlung und gehe dahin, wo sie freundlicher zu mir sind.

Gibt es konkrete Unternehmungen deinerseits?

Im Einzelgespräch mit Politikern gehe ich in die Diskussion. Sonst kann ich nichts ändern. Und ich glaube, dass Politiker, wenn sie oft genug andere Meinungen hören, umdenken. Das glaube ich einfach. Deshalb ist es mir wichtig, meine Meinung zu sagen. Das ist wie wählen gehen, also nicht nur eine Erkenntnis aus der Kunst oder dem Handel mit ihr.

Mit Verweigerung wird das also nichts.

Nein. Und mit nichts sagen auch nicht. „Klappe halten“ hat mich im Leben noch nie weitergebracht
Die Klienten, die du mit deinem Pop-up Store hier am Neuen Wall in Hamburg ansprichst, sind das Menschen wie du und ich? Oder die großen Sammler? Erst einmal betreibe ich auch viel Secondary-Market. Was ich hier jedoch mit diesem Konzept mache, ist Arbeit mit unseren jungen Künstlern. Normalerweise bin ich mit dieser Art von Konzept länger an einem Ort: 13 Monate in der Warburgstraße, davor für 16 Monate im Klöpper-Haus. Wir sind nicht die typische Pop-up Galerie im eigentlichen Sinne des Wortes. In der Warburgstraße hatten wir 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, mit Stuck an hohen Decken. So schön, dass wir eigentlich gar nicht mehr ausziehen wollten. Aber wir sind immer „kontemporär“, das heißt, wir arbeiten mit großen Unternehmen wie Grossmann und Berger, Art Invest, BP, die uns leerstehende Gebäude zur Verfügung stellen, mal schon frisch saniert, mal bevor sie sie plattmachen.

Du sagtest gerade, du machst auch Secondary-Market. Ist das quasi so secondhand – ich habe ein Kunstwerk, will oder muss es verkaufen, und du kennst jemanden, der es haben will?

Genau. Mache ich für Banken, Versicherungen und ähnliche Unternehmen. Deren zum Teil sehr solvente Kunden haben auch mal einen van Gogh oder Tiepolo liegen. Dann werde ich angerufen. Durch mein gutes Netzwerk kenne ich sehr viele Sammler und weiß meistens auch, was gesucht wird. Es ist aber trotzdem kein einfacher Prozess, Wenn ich zum Beispiel einen Kunden habe, der an einem Werk interessiert ist, müssen diverse Parameter eingehalten werden. Bonität, Expertise... - ohne die läuft gar nichts. Zusätzlich muss eine Kaufabsichtserklärung abgeschlossen werden - ohne die darf man nichts sehen.

Gibt es Kunst, um die du einen Bogen machst?

Ich bin Kunsthändlerin. bekomme ich den Auftrag, etwas zu besorgen oder zu veräußern, dann mache ich das. Ausgenommen davon sind Objekte, wo andere menschen, Tieren oder der Umwelt um der Kunst willen leid und Schaden zugefügt wird.

Was für eine Meinung hast du zu alten Meistern? Deren Händler, Bernheimer hatten wir bereits erwähnt, sagen, die seien chronisch unterbewertet.

Chronisch unterbewertet?!

Heißt es …

Ich fand die immer wahnsinnig teuer. Und die, die gut sind, eh. August Strindberg verkaufen wir gerade, den Schweden. Wenn alles gut geht. Da gibt es ja die Wahnsinns-Problematik der Echtheitszertifizierung. Und da stehe ich wirklich voll auf dem Posten; nicht nur zum Schutze meines, sondern auch unseres Familiennamens. Da muss ich hundertprozentig sicher sein. Mir darf für den Ruf des Namens Falckenberg in der Kunstszene kein Fehler unterlaufen. Kann, aber das darf nicht passieren.

Beim Alter dieser Arbeiten dürfte auch Raubkunst immer ein Thema sein. Ist es eines für dich?

Mal unter uns: Es gibt die Fälle, bei denen man aufgrund von Fotos, Ausstellungen und Pressemitteilungen ganz klar nachweisen kann, dass diese Arbeit am soundsovielten von Herr Sowieso gekauft und danach nicht wieder verkauft wurde. Der Rest ist immer nebulös. Und schlimm: Verhaftungen, Zwangsverkauf des Besitzes. Da gibt es dann Kaufbelege von zum Teil wirklich ahnungslosen Käufern, die richtig viel Geld bezahlt haben, ohne, dass die Erstbesitzer davon irgendwas hatten ... Ja, Provenienz ist ein großes Thema bei Arbeiten, die vor 1933 schon wertvoll waren.

Wenn ich heute zu sammeln begänne, wäre dein Rat, neue Kunst, aus dem Hier und Jetzt, zu kaufen? Budgetunabhängig?

Ja, klar! Einen Picasso zu erben, ist der Hammer! Aber gekauft wurde der, als Picasso die Moderne verkörperte. Leute, die heute das Sammeln beginnen, müssen mit Kunst von heute beginnen. Ein bisschen sammele ich ja auch und stelle fest, dass ich auch schon nicht mehr jung bin ...

37. Da klingt „nicht mehr jung“ nun etwas dramatisch.

Nein. Ich meine das gar nicht eitel, und ich bin auch glücklich mit meinem Alter. Ich beziehe das auf meine kleine Sammlung. Als ich angefangen habe, war ich jung, die Künstler waren jung – und sind es nicht mehr. Andere sind jetzt jung. Deshalb muss sich jede Altersklasse etwas aus dem Jetzt mitnehmen – und ins Alter exportieren.

Muss man Geschmack lernen?

Jaaa ... Aber etwas Grundsätzliches sollte man mitbringen. Kennt man doch auch: Frauen mit sonstwieviel Kohle im Chanel-Kostüm – und sehen aus wie eine Bordsteinschwalbe. Und andere kleiden sich bei H&M ein – und keiner merkt es.

Ja. Kenne ich. Und deine Kinder?

Meine Kinder? Sie werden weniger konservativ als ich erzogen, weniger hierarchisch. Meine Kinder sind streng erzogen – oder besser: guterzogen. Sie können Bitte und Danke sagen, und sie haben Tischmanieren – was mir ganz wichtig ist. Bezogen auf die Kunst, werden sie auch in einer echten Selbstverständlichkeit erzogen. Denn die Sachen hängen oder stehen da, weil ich sie schön finde. Das spüren sie, und das macht was mit ihnen ... Übrigens fände ich eine Totalverweigerung auch okay, sich gar nicht, also bewusst gar nicht, damit befassen. Aber wenn sie es tun, dann bitte richtig. Wer mit bestimmten Leuten spielen will, muss die Regeln kennen. Punkt. Das gehört einfach dazu.

Vor 8 Jahren hast du eine Firma gegründet, wie kam es dazu?

Ich hatte meinen ersten Mann verlassen und mir geschworen: Ich will nie wieder abhängig von einem Mann sein. Also habe ich meine erste Firma gegründet.

Klingt da Härte durch? Weil die Branche sie fordert? Weil du dich als Frau in einer männerdominierten Kunstwelt behaupten musst?

Klingt da schon wieder Emanzipation durch? Bitte nicht! Ich fühle mich sehr wohl. Ich weiß, ich kann mich behaupten, ich kann mich durchsetzen. Männer nehmen uns etwas weg? Nein. Nichts. Ich fühle mich wohl. Härte? Klar. Eine gewisse Härte an der richtigen Stelle ist bestimmt ein Schlüssel zum Erfolg. Bei mir aber gepaart mit ganz viel Herzlichkeit.

Auf jeden Fall.

Kategorie: Kunst (Design)
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