„Hirten müssen Gefahren abwenden“ – Sam Childers

Interview mit „Machine Gun Preacher“ Sam Childers

LARS GÖRG: Als ich den Film „Machine Gun Preacher“, mit Gerald Butler in der Hauptrolle, sah, war mir nicht klar, dass es für Butlers Rolle ein reales Vorbild gibt: dich. Und nun sitze ich hier mit dir!

Meine erste Frage: Du hattest ein „Erweckungserlebnis“. Wie darf ich mir das vorstellen?
SAM CHILDERS: Das ist „ein bisschen“ wahr. Ich bin in einer Familie Wiedergeborener Christen großgeworden. Möglicherweise in einer der besten Familien, aber in jungen Jahren hatte ich irgendwann den Wunsch, berühmt zu werden, besonders zu sein und fing an, das zu machen, was die Älteren machten … Alkohol und Drogen. Mit 15 war ich nicht nur heroinabhängig, sondern auch Dealer und binnen kürzester Zeit völlig außer Kontrolle. Irgendwann dealte ich nicht nur, sondern war auch noch bezahlter „Shotgunner“ (Leibwächter für Drogendealer, Anm. Red.). Ich habe niemals einen Menschen ermordet, aber ich konnte in meinem ersten Buch die ganze Geschichte eines „Bad Guy“ erzählen.

Eines Tages geriet ich in einer Bar in eine schlimme Schlägerei, bei der einige Leute erschossen, andere abgestochen wurden. Wie durch ein Wunder: ich nicht. Auf dem Weg nach Hause wurde mir klar, was für ein Leben ich führte. In diesem Moment beschloss ich, mein Leben Christus zu schenken. Ich kam nach Hause und sagte zu meiner Frau: „Schatz, wir ziehen um.“ Und wir zogen über 1000 Meilen weit weg. Die einzige Chance, die ich zum Aufhören hatte, war, alle meine Freunde zu verlassen.

Im neuen Ort ging meine Frau zwei Jahre lang zur Kirche, bis ich sie begleitete. Ich setzte mich in die allerletzte Reihe, und als der Geistliche mit der Predigt begann, wusste ich: Das ist „meine Nacht“.

Der Pfarrer lud dazu ein, Gott zu dienen, aufzustehen, nach vorne zu kommen - und ich konnte mich nicht bewegen! Es war, als sei ich in meiner Bank angekettet. Der Pfarrer spürte das, kam zu mir und sprach mich an: Die Macht Gottes ist mit dir. Ich begann zu weinen.

Am nächsten Abend ging ich wieder zur Kirche. Und am Ende des Gottesdienstes konnte ich nach vorne kommen. Und der Geistliche prophezeite mir: Du wirst nach Afrika gehen. Du wirst in einem Krieg kämpfen. Ich kürze das hier jetzt mal ein bisschen ab … Ich wurde sauer, fast wütend: Ich gehe nicht nach Afrika! Ich bin weiß, was soll ich in Afrika? Erzähl mir nicht so einen Blödsinn! Alles, was er sagte, waren drei Worte: Wir werden sehen.

Das war im Juni 1992. Im Herbst 1998 war ich im Sudan. Diese allererste Reise nach Afrika war es, die buchstäblich mein Leben geändert hat. Als ich quasi in den Körper eines Kindes „hineinlief“, das von einer Landmine zerfetzt worden war … Wie kann so etwas in der heutigen Welt möglich sein? Und warum bekommen wir davon nichts mit? Du weißt, dass es passiert, hörst oder liest aber nichts darüber. Ich stand also über dem Leichnam des Kindes und sagte „Gott! Ich tue alles, was nötig ist, diesen Menschen zu helfen“. Ich hatte keine Ahnung, was ich da versprach …

Gab es jemals den Moment, in dem du dich gefragt hast, wo Gott ist, wenn Kinder sterben, auf so grauenhafte Weise?
Nein. Ich kenne die Bibel gut, sehr gut sogar. Und ich behaupte, dass Menschen, die fragen, wo ist oder wo war Gott, als dieses oder jenes Schlimme passierte, die Bibel nicht kennen. Ich habe mich nie gefragt, warum Menschen hungern, warum es Kriege gibt, wenn es doch Gott gibt. Was ich mich frage, ist, warum wir mehr Geld für Hundefutter ausgeben als zur Beendigung der weltweiten Hungerkatastrophen. Wie kann das sein? DAS frage ich mich. Doch nicht, warum Gott DAS zulässt …

War es die Tatsache, dass das Minenopfer ein Kind war, die dich Kindern helfen lässt? Oder gibt es noch andere Gründe? Biographische vielleicht?
Da kommt vieles zusammen … Als ich die Leiche sah, war es unmöglich zu sagen, das war ein Mädchen. Oder ein Junge. Einfach, weil abwärts der Taille nichts mehr da war … Es war auch nicht klar, was ich überhaupt tun könnte. Ich hatte kein Geld, bloß eine kleine Baufirma daheim. Keine Erfahrung mit und in Afrika. Ich konnte erst einmal nur nach Hause fahren. Aber da funktionierte nichts mehr: die Arbeit nicht, die Freizeit nicht. Ich bekam die Dinge nicht aus meinem Kopf. Zu der Zeit hatte ich beispielsweise eine riesige Waffensammlung. Und ich begann, das alles zu verkaufen. Alles. Auch meine Baufirma. Drei Monate nachdem ich das tote Kind in Afrika gesehen hatte, war ich zurück.

Und mit diesem Geld in der Tasche ging’s zurück? Um was genau mit dem Geld zu tun?
Ja. Mit einem Haufen Geld stand ich da. Ganz allein. Und marschierte quasi direkt an die vorderste Front. In einem Dorf fragte ich mich, was mache ich jetzt mit dem ganzen Geld? Nun: in diesem Dorf hungerten alle. Mit einem Mal wusste ich, was ich mit dem Geld mache: ich kaufe etwas zu essen. Doch was mich dann schockierte – und ich weiß nicht, ob du jemals hungernde Menschen gesehen hast –, war: hungernde Menschen können nichts essen. Weil sie gar nichts mehr schlucken können. Eine der furchtbarsten Erfahrungen, die ich machen musste! Und eine Sache, die ich niemals vergessen kann: Als ich mit den Nahrungsmitteln zurückkam, war ich so glücklich, all diese Menschen zu retten. Und ich dankte Jesus dafür, das tun zu können. Da saß eine uralte Frau vor einer Hütte; Haut und Knochen. Furchtbar anzusehen. Ich beugte mich zu ihr herunter, um ihr zu erklären, warum ich hier war. Weil Jesus mich geschickt hatte! Und dieses Häufchen Elend begann, mir von Jesus zu erzählen! Im Begriff, zu sterben, sprach sie zu mir von Jesus. Ich verstand, dass das ein Mensch sein muss, der Gott wirklich liebt. Stell dir doch einmal vor, du verlierst von jetzt auf gleich alles, schläfst auf dem nackten Boden und bekennst dich dann zu deinem Glauben? Dazu, dass das alles Gottes Wille ist?

Ich habe mal Custom-Made-Motorräder gebaut, MGP Rat Bikes. Die Leute kommen aus aller Welt, um sie zu kaufen und fragen sich immer wieder: Warum lebt er nicht hier? In Amerika? Weil ich es nicht mehr kann. Ich kann einfach nicht mehr. Und die Leute kommen aus aller Welt, um zu kaufen oder wenigstens Fotos davon zu machen. Und fragen sich immer wieder. warum lebt er nicht hier? In Amerika? Weil ich es nicht mehr kann. Ich kann einfach nicht mehr. In meinem Büro in den USA sind tausend Dinge, die Leute mir geschenkt haben, von Stars wie Steven Tyler oder Morgan Freeman, Leute, mit denen ich Zeit verbracht habe. Du kannst die Sachen anfassen, fahren, kaufen. Aber ich kann es nicht mehr, und ich will es nicht mehr.

Als ich sieben Jahre alt war, wollte ich Priester werden. Dafür musste ich erst einmal den falschen Weg einschlagen.

Welchen eigentlichen Zweck haben deine Touren?
Alles, was ich auf meiner Tour erreichen will, ist, Menschen zu inspirieren, zu motivieren mit meinem Bekenntnis. Nummer 1: das Leben der Menschen zu verändern. Nummer 2: jeder hat die Möglichkeit, meine Arbeit zu unterstützen. Per Überweisung, PayPal … Wir haben mehrere Non-Profit-Organisationen: in den Staaten, in Afrika, in Europa. Gerade eben haben wir eine weitere in Großbritannien eröffnet.

Das klingt ja alles sehr „gesettelt“. Das heißt, „gefährlich“ ist deine Arbeit im Sudan nicht mehr?
Noch gar nicht lange her, da verschloss ich im Sudan, meine Uniform, meine Waffen, das ganze Zeugs in einer Kiste und betete zu Gott, dass ich sie nie wieder öffnen wolle, dankbar sei, in Frieden leben zu können … Doch dann wendete sich die Regierung (Anm.: des Sudan) an mich. Mit der Bitte, Kinder aus der unmittelbaren Frontlinie zu retten. Und ich wollte nicht. Egal, wie gerne ich in Afrika lebe, wie sehr ich die Menschen dort liebe – ich bin 55 Jahre alt! Ich habe Enkel, ich will nicht mehr erschossen werden. Aber sie ließen nicht locker – und schließlich bin ich losgezogen. Ich öffnete also die Kiste und marschierte los, mit meinen Leuten. Auf ungefähr halbem Weg zur Front sagten die Regierungstruppen, wir müssten jetzt stoppen. Weiter ginge es nicht. Unmittelbar vor uns seien Rebellen, die mordeten, plünderten; es sei einfach zu gefährlich. Und etwas in mir sagte „Oh, wie wunderbar! Time to go home …“ Und: „Gott, ich habe es versucht. Aber sie lassen mich nicht. Sie schicken mich heim.“ Aber etwas anderes in mir sagte „So leicht gibst du auf?“ Wir zogen direkt in die Frontlinie, befreiten 37 Kinder, und niemand musste auch nur die Hand an die Waffe nehmen. Manchmal will Gott uns nur prüfen. Bist du immer noch bereit? Kann ich mich immer noch auf dich verlassen? Und er zeigte mir, was ich sollte: solange ich atme, meine Arbeit erledigen. Wir retteten 37 Kinder. Zwei Tage später, nachdem alle Kinder in Krankenhäusern behandelt worden waren, sagten mir die Ärzte dort, dass ohne unsere Hilfe 20 Kinder binnen weniger Tage gestorben wären. Das heißt doch nichts anderes, dass ich erlaubt hätte, 20 Kinder sterben zu lassen, damit beschäftigt, mein eigenes Leben zu beschützen.

Machst du das allein? Oder sind Freunde, aus den Staaten oder sonstwo her bei dir und helfen?
Die würden sofort eingesperrt … In Uganda besitze ich eine Sicherheitsfirma. Im Sudan werde ich von den Regierungstruppen unterstützt. Jeder trägt Uniform. Die, die meine Uniform tragen, sind meine Leute, die gehören zu mir, alle anderen sind Regierungssoldaten. Die Aktion umfasste 22 Regierungssoldaten. Meine Sicherheitsfirma beschäftigt 180 Leute …

Ich habe mich nie gefragt, warum Menschen hungern, warum es Kriege gibt, wenn es doch Gott gibt. Was ich mich frage ist, warum wir mehr Geld für Hundefutter ausgeben als zur Beendigung der weltweiten Hungerkatastrophen.
Sam Childers/Machine Gun Preacher - Chapeau Magazin Oldenburg

Amerikaner und Europäer?
Nur Einheimische. Wenn Gott uns irgendwo hin entsendet, ein Land zu verändern, besser zu machen, dann doch nur, um es mit den Menschen dort zu tun. Das kannst du doch nicht mit einem Haufen Amerikanern machen! Oder Europäern! In den 21 Jahren habe ich viel über das Missionieren nachgedacht. Und ich denke, es wurde viel gute Arbeit geleistet. Schaue ich mir manche sogenannte Dritte-Welt-Länder an, sehe ich gläubige Menschen, betende Menschen. Aber vor allem BETTELNDE Menschen! Wir haben die Menschen gläubig, aber zu Bettlern gemacht. Nein, nein: wir müssen ausbilden, trainieren, Fertigkeiten entwickeln. Und mit Bildung und Können und Christus bekommen die Menschen eine Zukunft.

Die Kinder und Jugendlichen in unseren Einrichtungen sind bis zu 26 Jahre alt, sofern sie eine Universität besuchen. Dazu musst du überdurchschnittlich gut sein, sehr diszipliniert. Jugendliche, die Gottes und meine Zeit und Geld mit Nichtstun oder dummem Zeug verschwenden, fliegen raus. Aber in der Regel sind die Leute bis zum 26. Lebensjahr, dem Ende ihrer Universitätszeit bei uns. Multi-Millionen-Organisationen machen das nicht, aber wir. Wir beschäftigen 315 Mitarbeiter, die ganz normal bezahlt werden, weil sie ganz normal angestellt sind.

Die großen und bekannten Spender – mir fällt im Augenblick nur die Belinda & Bill Gates-Stiftung ein - haben dich auf dem Schirm? Lassen sie deiner Organisation Gelder zukommen?
Nein. Von den ganz großen Stiftungen Geld zu bekommen, ist sehr schwierig. Da muss ich erst einmal jemanden beschäftigen, der so schreibt, dass es gelesen und verstanden wird. Ich kann das nicht. Klar: es gibt viel Geld da draußen! Aber das, das wir brauchen, etwa 2 Millionen Dollar im Jahr, kommt aus unseren Geschäften und meinen Touren um die Welt.

Es gibt demnach einen hohen Business-Anteil bei all deinem Tun.
Es ist Business! Selbst der Betrieb einer Kirche ist, von innen heraus betrachtet, mehr ein Geschäft als der Betrieb einer Kirche. Machst du die Strukturen nicht sauber und klar, kannst du die Steuern, den Strom, das Wasser, die Gehälter ganz schnell nicht mehr bezahlen.

Wir haben viele ausgezeichnete Leute in unseren Unternehmen – von denen die meisten übrigens von Frauen geführt werden, weil ich festgestellt habe, dass rund um die Welt Frauen grundsätzlich vertrauenswürdiger sind –, die bezahlt werden müssen. Das alles ist kein Selbstzweck, sondern dazu da, um mit den Erträgen die volle Funktion der Waisenhäuser sicherzustellen. Wir betreiben sieben Waisenhäuser! Sieben Schulen, die achte eröffnet noch dieses Jahr. Unsere Küchen produzieren täglich 8.000 Mahlzeiten! Für das, was wir leisten, brauchen die großen Organisationen 20 Millionen und nicht bloß 2 … Wir halten die Einkommen unserer Leute gering, angefangen bei mir. Auf meinen Touren gibt es immer die „Frage & Antwort-Runde“. Und ich sage stets: Fragt mich ALLES! Ich möchte euer Geld – und ihr müsst wissen, was ich damit mache.

Nach über 20 Jahren erfolgreicher Arbeit, müssen unzählige deiner Kinder groß sein, ihr eigenes Geld verdienen … Welche Art von Kontakt hast du zu ihnen? Wer oder was bist du für sie?
Es sind viele! Etliche von ihnen arbeiten für uns. Wir haben eine sehr große Farm im Süden Ugandas, auf der über 60 Bürgerkriegsopfer Obdach, Arbeit und Lohn haben. Und diese Farm wird von dem Mann geleitet. Sein Name ist James. Dann ist da noch ein Junge, den ich vor etwa 14 Jahren gerettet habe. Er leitet heute das große Waisenhaus im Süden des Sudan. Viele besuchen aber auch eine Universität. Sie werden Ärzte, Ingenieure.
Viele von ihnen tragen zunächst einmal meinen Namen: Childers. James zum Beispiel. Es gibt eben Kinder oder inzwischen Erwachsene, die eine größere Nähe zu mir haben als die anderen. Aber wenn ich zu einem Waisenhaus fahre und die Kinder mich sehen, ist es ein einziger Haufen, ein Knäuel, der über mich herzufallen scheint. Merkwürdigerweise ist alles, was sie wollen, mit ihrer Hand einmal meinen Arm entlang zu streichen. Es geht nicht um Süßigkeiten, es geht um die Berührung. Und die mich berührt haben, machen auch sofort Platz für die nächsten.

Du sprichst von Waisenhäusern. Für mein Verständnis heißt das, die Eltern sind tot. Oder „verschwunden“, wenn ich das so sagen darf…
Vor einigen Jahren noch musste ich sagen: Die Eltern der meisten sind tot. Heute sind alle Eltern definitiv tot. Die Zahl verwaister Kinder nimmt zu, im Südsudan, in ganz Westafrika. Wir müssen inzwischen ganz strikt prüfen, ob es nicht doch noch Verwandte gibt. Dann MUSS das Kind gehen. Zu den Verwandten, die die Pflicht haben, sich zu kümmern. Prognosen sagen in den nächsten sieben Monaten 5 Millionen Hungertote in der Region voraus. 2 Millionen davon Kinder. Die Probleme, die auf unsere Organisation zukommen, sind riesig. Auch die menschlichen Probleme: Stell dir vor, hier sitzen fünf weinende, hungernde kleine Kinder. Alle unterernährt, krank, traurig, aber nur zwei von ihnen sind „echte“ Waisenkinder. Dann nimmst du die Zwei - und bringst die drei zu ihren Verwandten. Hart, aber die Realität.

Nein, es wird weitergehen, auch ohne mich. Mein Name Sam Childers, der Name Machine Gun Preacher sind ja längst Marken geworden. Und Marken können von jedem geführt werden, der Marken führen kann.
Sam Childers/Machine Gun Preacher - Chapeau Magazin Oldenburg

Ist dir die „Endlosigkeit“ deines Jobs bewusst? Machst du dir klar, dass du, entschuldige, sterben wirst, ohne „fertig“ geworden zu sein?
Ja. Vor ungefähr fünf Jahren habe ich die Weichen so gestellt, dass die Dinge auch ohne mich weiterlaufen. Ich denke, in etwa zwei Jahren beginnen wir in Hollywood, Teil 2 des „Machine Gun Preachers“ zu drehen. Was diesmal anders ist: BEVOR es losgeht, habe ich mein Geld. Direkt auf der Bank, in einem Trust. Bin ich tot, wird es möglicherweise ein geringeres Spendenaufkommen geben. Aber dafür gibt es Menschen mit Herz und Verstand an den richtigen Stellen und immer besser laufende Geschäfte. Nein, es wird weitergehen, auch ohne mich. Mein Name Sam Childers, der Name Machine Gun Preacher, sind ja längst Marken geworden. Und Marken können von jedem geführt werden, der Marken führen kann. Wahrscheinlich wird es wieder eine Frau sein.

Du hast Prominente wie Steven Tyler, Hollywood-Stars wie Morgan Freeman erwähnt – gehören die zum Kreise deiner Geldgeber?
Ich kenne eine Menge, die mir helfen. Aber Gott sagte zu mir, nachdem er mich 2005 nach Hollywood geführt hatte, er habe mich dorthin geführt, damit diese Menschen mich haben. Nicht ich sie. Und worum es geht, ist, dass nicht ich ihnen zu predigen, sondern mit ihnen zu beten habe. Und darum bitten sie mich bis heute: mit Ihnen zu beten. Aber das viele Geld kommt nicht aus Hollywood. Es kommt von ganz normalen, hart arbeitenden Menschen, die Leben retten wollen.

Zurück in Afrika: Wie sieht dein Alltag aus?
Ich arbeite. Jeden Tag. Als Missionar, in Vollzeit. Ich arbeite auf der Farm, fahre Trecker, pflüge, säe. Ernte. Arbeite als Koch im Restaurant, auch wenn der Küchenchef mich nicht im Wege herumstehen haben will… (lacht). Ich wohne in einem sehr schönen Haus, das gleichzeitig auch unser Gästehaus ist. Ich bewohne ein Gästehaus, mit dem wir Geld verdienen. Die meisten Gäste kommen aus Interesse an der Organisation; deren Programm nennen wir „Mission-Trips“. Und ein paar Leute kommen, weil sie gehört haben, den Machine Gun Preacher gibt’s wirklich, und man kann sogar bei ihm wohnen. Die machen dann zwei Wochen Urlaub oder so ...

Jetzt bist du ein paar Tage hier bei uns in Oldenburg. Warum?
Ich glaube, vor drei, vier Jahren war er der erste deutsche Pastor überhaupt, der mich nach Deutschland eingeladen hat. Und so führt mich meine Tour nach Deutschland, um zu erzählen, zu inspirieren und zu motivieren, etwas mehr aus sich und seinem Leben zu machen. Nach der Geschichte weißt du, dass Gott jeden Menschen braucht. Und Alkoholiker oder Junkies, die denken, sie seien zu nichts mehr zu gebrauchen, wissen danach: Sie sind zu gebrauchen. Ich selbst war vor 30 Jahren ein Wrack und lehre heute an Universitäten. Wohlgemerkt, NICHT, weil ich der tolle Sam Childers bin, sondern weil Sam Childers sein Leben Christus gegeben hat. Und ich bin nicht der, der sich hinstellt und sagt: Jesus ist der einzige Weg. Aber ich sage: ER ist der einzige Weg für mich.

Was mich wundert: bei all deinem gelebten Glauben, deinen offenen Bekenntnissen, siehst du nicht so aus wie der klassische Kirchentag-Besucher. Du wirkst physisch sehr stark, bist sehr selbstbewusst. Mein Bild vom „frommen Menschen“ sieht anders aus.
Schau ins Alte Testament: Wer waren diese Männer im Alten Testament? Krieger, Streithammel. Sieh dir Moses an, David. Gerade David … Ein Chaot, ein Lebemann, aber mit einem großen Herzen und unendlich viel Mut. Irgendwann sind wir vom Wege abgekommen. Pfarrer sind sanftmütig, friedfertig … Das mag sich aber ändern, wenn Pfarrer wieder erkennen, dass sie Hirten sind. Hirten müssen Gefahren abwenden können, allein. Wölfe, Bären. Und sie konnten das immer, weil sie stark waren. Streitbar. Mutig. Wehrhaft.

Zur Person:

Sam Childers wurde 1962 in Grand Forks, North Dakota, als Sohn eines Stahlarbeiters und Ex-Marines geboren. Zusammen mit seiner Frau gründete er die „Angels of East Africa“, ein Kinderdorf in Südsudan, das derzeit hunderten Kindern ein Zuhause bietet. Er kümmert sich auch um die Bildung und Erziehung der Waisen.

2009 erschien seine Autobiografie unter dem Titel „Machine Gun Preacher“, die 2011 mit Gerard Butler verfilmt wurde.

Kategorie: Menschen
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