Veröffentlich am 23. Juli 2017 von Contentley

„Ich fülle auch Räume gerne mit Menschen“- Architekt Alexis Angelis
02.01. Menschen


„Ich fülle auch Räume gerne mit Menschen“- Architekt Alexis Angelis
Interview Alexis Angelis / Lars Görg | Fotos: Contentley, Werner Schuhmacher, Felix Wenzel, Olaf Mahlstedt, Christian Burmester

Während des Rundgangs durch das Büro erzählt Alexis Angelis von seiner Philosophie, der Philosophie des „Miteinander Arbeitens“, und wir kommen an Rückzugsnischen vorbei, wo Mitarbeiter allein etwas lesen, zu zweit etwas zu besprechen oder zu viert etwas ausarbeiten können. In der imposanten zweigeschossigen Kaffeebar angekommen, beginnt unser Gespräch mit dem Oldenburger Architekten über das Miteinander, das, was verbindet und das, was unterscheidet.

CHAPEAU: Ich bin beeindruckt! Nicht im Sinne von „Boah, bist du reich“, sondern von der Weite, den Materialien, der Ruhe und der Schönheit der Räume. Einzeln wie im Zusammenhang. Mir sind die vielen Nischen, Sitzecken, abtrennbaren „Räumchen“ aufgefallen, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten, diskutieren, lesen, denken können. Lässt du das in der Realität auch zu, oder kommt der Chef durch, der sich misstrauisch fragt, was die beiden da die ganze Zeit zu bereden haben beziehungsweise was der da liest?

ALEXIS ANGELIS: Im Grunde nicht, aber eine gute Frage! Es ist ja nicht unsere Idee vom „neuen Arbeiten“, sondern darüber wird aktuell viel diskutiert und publiziert. Wenn es gelesen wurde und dann umgesetzt werden soll, aber nie gelebt wurde, wird es sicher schwierig. Wird dann auch nicht geglaubt. Ich denke, dass ich mich selbst viel zu gerne wohlfühle, genieße, auch und gerade die Arbeit, den Prozess mit meinen Kolleginnen und Kollegen hier, als dass ich in einer Atmosphäre des Misstrauens arbeiten könnte. Wenn ich beim ersten schönen Tag des Jahres Lust auf Eis habe, entspricht es mir einfach, Eis für alle zu holen. Nicht als „Heldentat“, nicht, um der Super-Chef zu sein, sondern weil ich es selbst genieße und das auch gerne teile. Ich fülle auch Räume gerne mit Menschen. Organisiere Partys, auch hier. Kurzum: Es herrscht kein Misstrauen. Die viele Arbeit sehe ich, und die wird nicht aufgezwungen, sie entsteht, weil alle denken: Das, was wir tun, ist wichtig.

Wenn du von Berlin erzählst, deinen ersten großen Projekten dort und deren zum Teil sehr prominenten Bewohnern, und bist jetzt hier in Oldenburg mit diesem Projekt zurück, ist es dann gut? Bist du angekommen, oder ist das nur ein weiterer Schritt, wohin auch immer?
Wieder anzukommen hat – da war ich immer ganz offen – schon eine Weile gedauert. Insbesondere deshalb, weil wir Oldenburger sind. Oldenburg ist, neutral betrachtet, eine gute Stadt. Es lebt sich gut, es arbeitet sich gut. Es ist nicht der Nabel der Welt, aber eine Stadt, die ganz viel bietet. Aber kommt man jetzt aus einer Stadt wie Berlin, nach einem „Studium der Großstädte“ – Madrid, Barcelona, meine Frau auch New York – und dann mit um die dreißig zurück, dann ist schon die Frage da, wie real das Erlebte war. Es ist real. Und hier zu sein, ist real. Ich konnte anknüpfen, direkt Dinge umsetzen. Natürlich gab es eine Findungsphase. Ich musste auch ganz konkret Leute finden, die den Weg mit mir gehen wollten, obwohl es das Büro schon jahrelang gab. Aber mein Vater hatte ganz andere Bauherren, hat viel im öffentlichen Raum gearbeitet, in der Kirche, und die Leute für seinen Weg gefunden. Meine Angebote sind andere – und so ist mein Weg auch ein anderer. Von daher angekommen – ja. Sehnsucht zurück – nein.

Interview mit Alexis Angelis
Wir sehen uns als „Kreativunternehmer" oder „Ideenmanager".

Was das Ensemble hier am Waffenplatz gut zum Ausdruck bringt!
Es zeigt zumindest: Wir werden gehört. Wir können umsetzen, woran wir glauben – bitte: richtig verstanden! – und werden auch gebraucht. Ein Luxus, aber ein erarbeiteter.

Ich wiederhole mich, wenn es um Oldenburg und Provinz geht, gerne: Findet Provinz im Kopf statt? Was ich hier sehe, hat nämlich mit Provinz nichts zu tun ...
Gutes Stichwort. Ich habe mir eines Tages gesagt, es hängt immer und überall davon ab, was du daraus machst, was du dazu beitragen kannst. Ich weiß nicht, ob ich in Berlin so einen Freiraum bekommen hätte und nicht auch viel stärkeren Wettbewerb hätte. Man kann lamentieren, sich irgendwie auch erheben: „Provinz, Provinz!“ und sich als Einäugiger unter Blinden fühlen. Doch das ist mir fremd, unter anderem auch deshalb, weil es einfach nicht zutrifft. Willst du etwas machen, hast du eine Idee, kannst du dich in Oldenburg sehr schnell mit den richtigen Leuten zusammensetzen, und es ist sehr personengebunden und effektiv. Du triffst hier immer und überall auf Leute, die persönlich hinter etwas stehen. Als Unternehmer oder als Politiker. Ja ... Provinz findet im Kopf statt. Neben buchstäblich tausend Dingen und Eindrücken, die ich aus Berlin mitgebracht habe, ist am wichtigsten: Ich habe meine Grenzen kennengelernt. Es gibt dort viele, viele extrem gute Leute. Das war, ist Berlin. Dort kommen die besten Leute von überall her im Überfluss zusammen, und das in nahezu jedem Bereich. Mich hat das – für meinen Bereich – Demut gelehrt, aber auch etwas Stolz, dabei gewesen zu sein.

Interview mit Alexis Angelis
Interview mit Alexis Angelis

Bist du mit deinen Leuten eigentlich am Hafen dabei beziehungsweise dabei gewesen?
Wir haben damals einen großen Wettbewerb mitgemacht. Der war wirklich vorbildlich, denn die Stadt hat international eingeladen. Und unter fünfzehn Büros haben wir den zweiten Platz gemacht. Mit einer Lösung, die das ganze Projekt noch einen Tick großstädtischer oder besser: konkreter am Wasser gesehen hätte. Mit Fleeten, die hineingezogen werden, wie in Rotterdam von mir aus. Wir sahen auch die Wasserkante dichter, mit Gastronomie rauf und runter. Überall wird Wasser entdeckt, zum Teil neu erfunden ... Aber ich will jetzt nicht wie ein schlechter Verlierer klingen. Außerdem haben wir später auch Dinge umsetzen können, für verschiedene Eigentümer im Rahmen der Vorgaben Sachen gemacht, wir waren also beteiligt. Aber städtebaulich war es dann einfach vorgegeben. Und das ist auch gut so! Die Jahre werden zeigen, dass durch Vorgaben wie die bestehenden ein solches Viertel weder optisch noch erlebbar auseinanderfällt. Aber natürlich ist immer Luft nach oben ...

Merkst du, dass in den 80er und 90er Jahren die Leute raus aufs Land wollten und jetzt, seit einigen Jahren, wieder zurück in die Städte wollen? Also nicht nur die älteren Menschen, die den kurzen Weg und das kulturelle Angebot schätzen, sondern Familien mit kleinen Kindern, mit älteren Kindern, Paare ohne Kinder, also: jeder?
Das ist differenziert zu betrachten. Stadt mit verdichteten Flächen, mit Verkehr, wird nicht mehr durchgängig mit „schlecht“ verbunden. Praktizierter Umweltschutz, E-Mobilität, moderne öffentliche Verkehrsmittel haben die Innenstädte viel leiser und sauberer gemacht. Und wenn Hubert mit seinem neuen Wagen vorbeirollt, stört das keinen. Ach, guck mal, da ist Hubert! Ich glaube aber, dass das Thema Arbeit vor einem radikalen Wandel steht, und das hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Innenstädte. Die Wirtschaft lebt zunehmend von Ideen, die blanke Produktion ist beinahe ausgestorben. Damit ändert sich auch die Art wie wir wohnen. Das Verhältnis Arbeit/Wohnen wandelt sich, rückt viel näher aneinander. Grenzen verschwinden räumlich – sieh dich hier um; du nanntest den Eindruck des Büros selbst wohnlich – und zeitlich. Im Café wird gearbeitet oder auch länger hier im Büro. Aber andererseits auch kürzer beziehungsweise früher. Der Konsum, oder das Konsumverhalten, wandelt sich ebenfalls. Das Internet wird nicht dazu führen, dass klassischer Einzelhandel abgeschafft wird, aber er wird sich ändern und mehr „Event-Charakter“ bekommen. Luxus-Geschäfte machen das schon mehr oder weniger vor, aber auch der Supermarkt wird in diese Richtung gehen. Die Innenstadt funktioniert doch schon so: Du gehst ja nicht in die Stadt, um schnell fünf, sechs Dinge zu erledigen! Die kannst du im Internet besorgen. Nein, du bummelst, triffst Leute, setzt dich in die Sonne. Es wird eine Bereinigung geben. Das Thema „billiger“ ist ja schon eigentlich weg. Haptik, gutes Design sind dagegen mehr und mehr Thema. Egal wo. Und insofern gibt es Veränderung, weil das Leben seinen Raum will, das sich immer wieder verändernde Leben.

„Ich muss Dinge anstoßen können, Raum schaffen, damit sich angestoßenes bewegen kann."

Der Waffenplatz wurde lange als Schandfleck wahrgenommen – das ist Geschichte. Wohin es mit der Heiligengeiststraße geht, weiß ich gerade nicht …
Die Strategie wird entscheidend sein. Es ist weniger die oberflächliche Gestaltung, als vielmehr die substanzielle Qualität, um die es geht. Nicht vereinzelt auf Fragen zu antworten, sondern das große Ganze zu sehen und daraus die Frage ableiten, und diese dann zu beantworten. An Orten ist geheimhin dann kein Leben, wenn die Nutzung fehlt. Ist die richtige Nutzung da, kommen die Leute von alleine. Dafür muss es nicht perfekt sein – perfekt ist Stadt nie. Bei der Heiligengeiststraße ist für mich wichtig: Was machen wir eigentlich mit dem Pferdemarkt? Der Wochenmarkt ist toll, funktioniert ja auch. Das muss man stärken, dann haben die Leute einen Grund, von A nach B zu gehen – durch die Heiligengeiststraße. Dafür muss man in Oldenburg die Kräfte bündeln. In Berlin muss man das nicht; da presst alles rein, schafft Dynamik, ganz von allein, jeder für sich, durch die schiere Masse. Oldenburg muss die Kreativen, die Kaufleute einbinden. Die Mobilität. Warum geht die Stadt Oldenburg gemeinsam mit den Innenstadtkaufleuten nicht voran und stellt eine Flotte kleiner Elektro-Flitzer in der Peripherie auf, die jeder kostenlos nutzen kann? Die dann querfinanziert werden, von Einzelhändlern oder Herstellern? Das wäre marketingmäßig ein Effekt, und die Kaufleute würden feststellen, Parken ist kein Problem mehr. Parkhäuser könnten weg, weil es draußen Parkplätze gibt, und die Innenstädte würden weiter aufleben. Ist ja an sich nicht neu, denn Hamburg, München, Berlin machen es ja schon.

Ja, gut, Hamburg, München, Berlin ... aber Oldenburg?! Da ist sie wieder, diese „Kopfsache“...
Hier am Waffenplatz, fragten vor drei Jahren auch alle: Wer soll da ein Büro wollen? Als es fertig war, wollten viele. Die Flächen waren gar kein Problem und haben die richtigen „User“ gefunden. Und beim Wohnen? Da verschieben sich Statussymbole. Wie will ich leben? Welche Zugänge zu welchen Angeboten habe ich? Was bietet mir meine Lebenssituation? Allen Nutzern des Hauses steht Mobilität zur Verfügung – drei Autos und zwei E-Bikes. Sie gehören zur Ausstattung des Hauses wie Wärme, Fernsehen oder der Fahrstuhl. Da gibt es eine App, jeder Nutzer kann sich darüber Mobilität buchen. Das war, meine ich, einzigartig in Deutschland. Da gab es keine Vorbilder. Projektentwicklung heißt Angebote machen! Als Steve Jobs mit dem iPhone kam, hatte darauf ja keiner gewartet oder danach gefragt. Aber er bot es an – und das Angebot wurde angenommen. In Oldenburg wird immer behauptet, die Leute aus dem Umland wollen mit dem Auto kommen, weil es regnen könnte, weil die Taschen geschleppt werden müssten. Aber was wäre denn, wenn gar keine Taschen mehr zu schleppen sind? Weil die automatisch von der Kasse bei Leffers ins Wohnzimmer nach Leer geschickt werden. Ist es eine Freude, in der Weihnachtszeit zwei Stunden einen Parkplatz zu suchen? Warum nicht fünfundvierzig Minuten Zug fahren, ein attraktives Angebot nutzen – das Mobilitätskonzept – einkaufen, Kaffee trinken und unbeschwert – ohne Taschen und so – wieder nach Hause fahren. Zwei Stunden Fahrzeit insgesamt statt vier. Und kein Stress. Ich bin sicher, nach kürzester Zeit wird dieses Angebot angenommen werden und die Attraktivität der Innenstadt sowie der Gesamtstadt deutlich steigern.

Interview mit Alexis Angelis
„Das Verhältnis Arbeit/Wohnen rückt viel näher aneinander. Grenzen verschwinden räumlich und seitlich."

Wenn man dir so zuhört, gewinnt man den Eindruck, du siehst dich als Architekt mehr auf der stadtplanerischen Seite. Täuscht das, weil dieses Gespräch nun diesen Verlauf nahm?
Ein bisschen. Wir sehen uns als „Kreativunternehmer“ oder „Ideenmanager“. Im Grunde legen wir uns nicht auf Aufgaben fest, sondern betrachten Bürowelten, Wohnen, Städtebau gleichrangig. Schon weil sie sich überlagern. Ich sehe uns nicht mehr als Gestalter dessen, was uns ein anderer, der Kunde, sagt, sondern als Entwickler bzw. Aufspürer von Problemstellungen und Zusammenhänge. Der Unterschied zu einem anderen Unternehmer schwindet auch. Der muss ja auch ständig Zusammenhänge sehen. Wie gehe ich welches Problem an? Natürlich musste und sollte auch dieses Haus am Ende „schön“ sein. Das war schon mein Anspruch, weil ich uns natürlich auch als Gestalter sehe, aber überzeugen musste die Idee, das Konzept sowie die Antwort auf die Frage: Was machen wir mit dem Waffenplatz? Wie bringen wir Lebenswelten hierher, und lassen sie sich überlagern? Wie schaffen wir Urbanität? Dass das gelungen ist, erfüllt mich mit viel mehr Stolz als die Schönheit, die unterschiedlich wahrgenommen wird.

Du nanntest gerade Steve Jobs. Der wird ja als Egozentriker geschildert, galt als genial. Unbestritten erfolgreich. Aber menschlich? Da klingen die Beschreibungen verhalten-enthusiastisch. Wie siehst du dich? Laufen die Dinge so, wie du sie willst oder gar nicht?
Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, all die Dinge, die wir machen, alleine zu machen. Das ist immer Ergebnis eines Teamprozesses. Ich brauche Sensoren, und die habe ich. Die habe ich mitgenommen aus meiner Vita. Ich war an vielen Stellen, bin halb Grieche, halb Deutscher, habe verschiedene Arten zu leben mitbekommen. Habe in Spanien studiert, wo man alles anders macht. Da konnte ich nie sagen, ich bin der einzige Schlaue. In Berlin wollte ich meinen Weg gehen und wollte mich nicht hier in Oldenburg in das scheinbar gemachte Nest des väterlichen Büros setzen. Insofern musste ich wieder schauen, wie komme ich mit wem zurecht und ans Ziel. Heute glaube ich, dass meine Aufgabe als Unternehmer darin besteht, Grundlagen zu schaffen, auf denen dann kreative Leute in einem passenden Umfeld kreative Ideen entwickeln und umsetzen können. Ich muss Dinge anstoßen können, Raum schaffen, damit Angestoßenes sich bewegen kann. Was ich allerdings mitbringe: Wenn ich von etwas überzeugt bin, bleibe ich dran. Zur Not auch allein. Aber da bin ich mit mir im Reinen. Und das wird wahrgenommen. Beispielsweise verkaufen wir ja keine Immobilien; wir konzipieren sie. Und trotzdem haben wir auch immer die Nutzer gebracht. Die sprechen mit uns, hören sich die Idee, das Konzept an und spüren: Die Architekten (von Angelis & Partner) glauben daran, sie stehen mit Haut und Haaren für das, was sie tun. Da steckt Herzblut drin. Das ist nichts mit Plattitüden belegtes. Ich bin aber kein Tyrann wie Steve Jobs. Ganz sicher nicht. Wobei ich den echt bewundere ... Denn: Alle sagen nein, nein, braucht keiner, kennen wir nicht, alles Quatsch. Und der eine, der drangeblieben ist, der hat die Welt verändert.

Interview mit Alexis Angelis

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