Ich nähere mich Wein wie einem Kunstwerk

Interview mit Eva Fricke

Von 600 auf 68.000 Flaschen innerhalb weniger Jahre. Die gebürtige Bremerin Eva Fricke hat mit ihrem Weingut im Rheingau geschafft, wofür manch anderer Winzer Generationen braucht. Mit CHAPEAU spricht die prämierte Weinexpertin über die späte Liebe zum Wein, den Spagat zwischen Weinbau und Vollzeitjob – und über „Geschmacksbilder im Kopf“.

CHAPEAU ― Wie hast du zum Wein gefunden?

Eva Fricke ― Ich wollte früher einmal Bierbrauerin werden und habe ein Praktikum bei Beck’s gemacht. Dort hat es mir zwar nicht gefallen, aber das Thema Getränke hat mich weiter beschäftigt. Dann bin ich durch Zufall an ein Praktikum auf einem Weingut in Südafrika gekommen. Ich wurde sofort ins kalte Wasser geworfen, durfte in den Kellereien und auf den Weinbergen mitarbeiten, als ob ich bereits eine versierte Weinkennerin und -genießerin wäre. Dabei hatte ich Wein bis dahin gar nicht gemocht. Nicht einmal während meiner Zeit dort habe ich angefangen, Wein zu trinken oder gar zu mögen. Aber mich hat fasziniert, Landwirtschaft von einer mir vollkommen unbekannten Seite her kennen zu lernen. Vom Anbau des Weins über den Ausbau bis hin zur Vermarktung. So habe ich das Handwerk von der Pike auf gelernt.

Hast du dann Önologie studiert, um die Praxis mit theoretischem Wissen zu untermauern?

Genau, das war die Intention. Während des Studiums habe ich mich allerdings ständig gefragt, ob das wirklich der richtige Beruf für mich ist. Insbesondere dann, wenn es um Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Physik ging. Mir war damals nicht klar, dass es sich um einen Ingenieurstudiengang handelt. Mit 22 Jahren war ich dann zwar fertig mit dem Studium, aber Lichtjahre davon entfernt, das Metier wirklich zu beherrschen oder einen Betrieb leiten zu können. Ich habe dann im Ausland gearbeitet, war viel in Spanien, Australien und Italien. Nur aufgrund dieser Einblicke in den Weinbau kann ich heute sagen, dass ich meinen Beruf verstanden habe. Wirklich verstanden.

Wie haben sich die Erfahrungen im Ausland von denen in Deutschland unterschieden?

Als ich studiert habe, ging es vorrangig um Großkellerei und Industrialisierung der Landwirtschaft. In Deutschland war man stolz auf Markenweine, auf effiziente Strukturen, auf Technik. Das historische Wissen zum Weinbau und zu seinen Handwerkstechniken geriet dabei in den Hintergrund. Im Ausland hingegen arbeitete ich mit Winzern zusammen, die einen ganz anderen Zugang zur Natur, zur Landwirtschaft und zum Handwerk hatten. Sie betrieben damals schon biologisch-dynamischen Weinbau – wahnsinnig fortschrittlich, wenn man bedenkt, dass das 20 Jahre her ist. Von ihnen habe ich mehr gelernt als während des Studiums.

Damals mochtest du keinen Wein. Aber heute schon?

Ja, natürlich. Ich hatte in Deutschland viel mit Weißwein zu tun. Damals, wie gesagt, eine sehr technische und chemische Angelegenheit. Weine, die mir wirklich gefielen, habe ich erst später im Ausland kennengelernt.

Was reizt dich an Wein?

Er ist für mich immer etwas Besonderes geblieben, vor allem weil ich immer noch wahnsinnig gerne Bier trinke. Dem Wein nähere ich mich wie einem Kunstwerk. Für die Kunst gilt auch wie für den Wein: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Der verändert sich, so wie ich mich verändere. Meine Arbeit, meine sensorische Wahrnehmung, mein Ess- und Kochstil – alle diese Aspekte beeinflussen meinen Geschmack. Dazu gibt die Natur jedem Jahrgang einen besonderen Charakter mit. Wenn die Trauben ab August oder September Aroma und Zucker bekommen, entsteht bei mir eine Art „Geschmacksbild“ im Kopf. Dann gilt es, im richtigen Augenblick zu lesen, die Lese richtig zu verarbeiten und immer zu schauen, wie sich das werdende Produkt entwickelt. Wir arbeiten darüber hinaus auch mit Mondständen sowie nach ökologischen und veganen Aspekten.

Rudolf Steiner ist der Begründer der Anthroposophie wie auch des biolo- gisch-dynamischen Weinbaus. Spielt seine Lehre für dich eine Rolle?

Noch nicht! Wir haben im vergangenen Jahr damit begonnen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sind aber noch weit davon entfernt, den gesamten Betrieb darauf umzustellen. Die Lehre ist komplex und basiert auf einer Konstellations-Theorie. Die Bedeutung von „Konstellationen“ haben wir schon lange erkannt und respektiert. Seit vier Jahren arbeiten wir nach bestimmten Rhythmen und merken: Der Wein wird lebendiger! Bereits vor dem Ausbau kommt viel mehr eigener Ausdruck aus der Traube. Und ich bin mir sicher, dass die Menschen, die unsere Weine kennen, schätzen und trinken, das auch wahrnehmen.

Wie lange betreibst du schon dein eigenes Weingut?

Seit elf Jahren. Ich habe es damals mit weniger als tausend Quadratmetern Anbaufläche neu gegründet. Ein kleines Weingut im hessischen Kiedrich mit gerade einmal 600 Litern Ertrag, das ich zunächst nebenbei betrieben habe. Die Flaschen habe ich mit Kronkorken verschlossen, Etiketten gab es nicht. Mein großes Glück war, dass ein Einkäufer vom Adlon Hotel auf den Wein aufmerksam geworden ist. Er war mein erster Kunde und der Antrieb, mich zu professionalisieren.

Eine tolle Geschichte!

Und die Wahrheit! Nach den ersten ein, zwei Jahren hatte ich bereits internationale Kunden. Die Platzierung meines Weins in Berlin durch das Adlon und positive Rezensionen von Stuart Pigott (britischer Weinkritiker, der als einer der besten Kenner des deutschen Weins gilt; Anm. d. Red.) haben für weitere Käufer gesorgt, unter anderem aus London und New York. Die ersten fünf Händler haben fünf Jahre lang meine gesamte Produktion abgenommen – und das, obwohl ich damals in Vollzeit als Betriebsleiterin gearbeitet habe und eigentlich keine Zeit hatte. Deshalb war der klassische Weg mit Hofverkauf und Gutsausschank für mich gar keine Option.

Es steckte also kein Kalkül hinter dem Durchbruch?

Im Rückblick wirken der Erfolg und die Nachfrage aus dem Ausland vermutlich wie strategisch geplant, aber es hat sich alles durch Zufall ergeben. 2015 haben wir das Weingut nach Eltville verlegt. Dort bewirtschaften wir heute elf Hektar, produzieren 68.000 Flaschen und exportieren 80 Prozent unseres Weines in 20 Länder weltweit. Überall haben wir einen Händler, der das jeweilige Land versorgt. Unsere Struktur, auch die Vertriebsstruktur, ist also schon deutlich anders als die anderer Weingüter.

Seit wann widmest du dich ausschließlich der Weinproduktion?

Bis 2011 habe ich drei Hektar bewirtschaftet und parallel als Betriebswirtschaftlerin gearbeitet. Dann habe ich gemerkt: Ich kann nicht mehr. Und eine Entscheidung getroffen – gegen meinen damaligen Arbeitgeber und für den Weg, mich beruflich nur noch mit Weinbau zu beschäftigen.

Welchem Wein gilt deine Hingebung?

Riesling und Chardonnay beim Weißwein und Pinot Noir beim Rotwein, alle aus dem Burgund. Auch spanische Weine liebe ich sehr. Eine Zeit lang waren australische Weine ganz oben auf meiner Liste. Aber wir sprachen ja vorhin darüber, wie Geschmack sich verändert, und was ich früher an australischen Weinen mochte, gefällt mir heute nicht mehr. Gerade die Rotweine sind oft so „marmeladig“. Inzwischen mag ich Rotweine lieber, die feiner, leiser, naturbelassener sind.

Wie wird auf deinem Weingut gelesen?

Eher früher, dadurch haben wir zwar weniger Süße und weniger Alkohol, dafür aber die ganze gesunde Frucht. Wir können dann ganz anders mit dem Fruchtfleisch und mit der Säure arbeiten, dem Wein einen ganz anderen Ausdruck verleihen.

Ein Blick auf deine Hände verrät, dass du auch selbst viel mit anpackst. Gleichzeitig wirkst du eher jugendlich.

Ich ernähre mich bewusst, esse selten Fleisch und wenig Zucker, und mache auch immer schon Yoga. Als ich aus dem Arbeitsverhältnis ausschied, hatte ich auf einmal viel mehr Zeit als früher und habe eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht. Die Beschäftigung mit dem Körper, dem Geist, der hinter dem Yoga stehenden Philosophie – ich bin mir sicher, dass auch das einen dauerhaften Beitrag zu meinem Erscheinungsbild leistet und mich jünger aussehen lässt als ich bin.

Die Weine, die du machst, sind auch die Weine, die du heute magst?

Nein, wir bauen in unseren Weingärten ausschließlich Riesling an. Der Nervenkitzel in der Herstellung liegt darin, jedem Wein im Ausbau das Bodentypische jedes Hektars zu entlocken.

Wohnst Du auf deinem Gut?

Neuerdings ja. Wir wachsen weiterhin stark und mussten die Kellerei neu bauen. Sie liegt jetzt in einem Industriegebiet in Eltville. Ganz chic, modern, clean – sozusagen „heutig“. Ich fand das alte Gut, diesen wunderschönen majestätischen Bau, traumhaft. So sahen für mich Weingüter aus! Sobald wir aber den reduzierten, eher kühlen Neubau bezogen hatten, merkte ich: Das ist es! Ich bin ja ursprünglich nicht von hier, sondern aus Hude zugezogen und habe bei Null angefangen – da entspricht mir der Neubau viel mehr als das Haus, das die Historie Anderer zitiert. Jetzt macht alles Sinn, jetzt ist alles authentisch.

Von Hude nach Eltville: Haben die Menschen dort auf dich gewartet?

In den letzten drei Jahren wurde mir viel Anerkennung entgegengebracht. Auch von den großen Weinmachern, die ich immer bewundert habe und heute noch bewundere. Aber wie das so ist: Mit den vielen Auszeichnungen und dem Erfolg schlagen mir auch Neid und Missgunst entgegen. In Eltville machen viele Winzer schon seit bis zu sieben Generationen Wein und sind nicht da, wo ich nach elf Jahren stehe. Robert Parker, Janice Robinson, Falstaff, Der Feinschmecker – all diese Weinexperten und -magazine loben unser Produkt; und das vieler anderer, auch aus Eltville, eben nicht. Das macht nicht jeden glücklich. Aber wie sagt man so schön: Neid muss man sich verdienen, Mitleid bekommt man umsonst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kategorie: Lebensart
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