Veröffentlich am 7. März 2017 von Contentley

Interview mit Alexander Friedmann-Hahn
04.01. Kunst (Design)


Interview mit Alexander Friedmann-Hahn
Interview: Lars Görg | Fotos: Arash Farahani (aus dem Interview)

Lars Görg & Alexander Friedmann-Hahn

Wenn es aber irgendwann nur noch die Namen sind, mit denen man sich schmückt, gar nicht mehr das Werk, dann bin ich raus aus dem Spiel.“

Zum dritten Mal in Folge ein Stand auf der CONTEXT Art Miami, eine DER Kunstmessen für zeitgenössische Kunst der Welt: Viel mehr geht eigentlich nicht. Wie und wann sind Sie Galerist geworden? Und warum? Sie haben Ihre Familie und sich 20 Jahre lang als bildender Künstler ernährt.

Genau. Aber um genau zu sein, habe ich nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung als Werbekaufmann gemacht. Obwohl alle sagten, das sei nichts für mich, habe ich diese nach kurzer Zeit abgeschlossen und war nach anderthalb Jahren Hamburgs jüngster Werbekaufmann!

Sie kommen aus Hamburg?

Ja, ich bin gebürtiger Hamburger. Mein Vater hatte eine Galerie in Pöseldorf, die er von Gunter Sachs nach dieser interessanten Andy-Warhol-Ausstellung übernommen hat, der ersten in Deutschland überhaupt. Das Thema war mir also vertraut.

Ach, die Ausstellung, nach der Gunter Sachs sämtliche Exponate aus Scham darüber gekauft hatte, weil niemand sonst auch nur ein Stück wollte?

Eine legendäre Geschichte, aber wirklich wahr. Es war die beste Investition seines Lebens. Kein Werk war teurer als $ 10.000 und jedes Einzelne ist heute Millionen wert. Aber so sind die Hamburger. Hamburg ist sehr viel kaufkräftiger als Berlin, aber auch komplizierter. Man braucht Generationen, um das Vertrauen zu bekommen, welches man braucht, damit das Portemonnaie für Kunst geöffnet wird. Das ist in Berlin einfacher. Ich bin froh, in Berlin zu sein, auch wenn in dieser Stadt nicht so viel Geld vorhanden ist – was es wiederum schwieriger macht. Doch in zwölf Jahren habe ich so viele verschiedene passionierte Sammler kennengelernt, die in diese, sehr andere Galerie kommen. Und hier auch kaufen.

Ich bin ein leidenschaftlicher Galerist. So wie ich ein leidenschaftlicher Künstler war.“

Ich bin ein leidenschaftlicher Galerist. So wie ich ein leidenschaftlicher Künstler war, der, das kann ich so sagen, jedes seiner Bilder verkauft hat. Eines musste ich kürzlich zurückkaufen, weil ich meinen Kindern mal zeigen will, was der Papa zu einer anderen Zeit seines Lebens so gemacht hat.

Womöglich provokativ, aber nicht verletzend gemeint: Hörten Sie als Maler auf, weil Talent, Qualität, Botschaft oder Ausdruck niemanden mehr interessierten?

Überhaupt nicht, schauen Sie: Diese 300 m2 in bester Charlottenburger Lage konnte ich als bildender Künstler, als Maler, mieten. Die heutige Galerie war mein damaliges Atelier. Darüber hinaus konnte ich schon damals das Haus mieten, in dem ich mit meiner Familie lebe. Ich war zu scheu, in andere Galerien zu gehen, um meine Bilder, oder, wenn Sie so wollen, mich anzupreisen. Ich habe ganz klein angefangen. In Südfrankreich mit 21 Jahren und meinen Gouachen unterm Arm, vor dem Hafen oder was weiß ich. Ich bin in die Restaurants gegangen und habe für 150 Franc, also knapp € 50,00, angeboten, was ich hatte. Aber damit habe ich damals weit mehr verdient als in meinem eigentlichen Ferienjob bei McDonald´s.

Das war das Einzige, was mir als Deutscher übrig blieb. Man war ja damals nicht gerade beliebt. Dann kam ein kurzer Ausflug in die Immobilienbranche, der mir allerdings keine Freude gemacht hat. Aber einer meiner damals größten Sammler, Christian Völkers von Engel& Völkers, eröffnete ein Büro in Berlin – und hat mich dorthin gelockt. Währenddessen hatte ich mir jedoch schon mein Atelier gemietet. Zum Glück war mein Chef mehr an meiner künstlerischen Arbeit als an der als Immobilienverkäufer interessiert. Also habe ich irgendwann den Absprung gewagt und mich ab 1994 nur noch der Malerei gewidmet: immer auch auf andere Künstler schauend, oft bewundernd, ja ehrfürchtig. Und gleichzeitig traurig, dass die zum Teil so erfolglos waren. War ich ja nicht. Ich war scheu, aber gut vernetzt. Was schon damals ganz wichtig war. Ich machte ein Essen zu Hause und danach waren alle Bilder verkauft. Ich konnte wirklich gut davon leben.

Aber der Galerist, des Vaters Sohn, lauerte stets um die Ecke?

Wenn Sie so wollen. Hier, im Atelier, hatte ich immer auch schon Bilder von Malern, die mir gefielen. Und die verkaufte ich auch. Da waren immer schon Sensibilität und Leidenschaft in mir. Sensibilität auch für soziale Aspekte, Nöte von Künstlern, die ich grenzenlos bewunderte, die aber einfach nicht von ihrer Kunst leben konnten. Und Leidenschaft, daran etwas zu ändern.

Dieser Spagat, hier im Atelier etwas zu malen, beim Klingeln der Türe Pinsel und Kittel abzulegen, zu verkaufen, der ging irgendwann nicht mehr.“

Ich entschied mich, auch für andere Maler das zu tun, was mir bei mir gut gelang: das Werk zu einem guten Preis zu verkaufen. Manchmal fühlte ich mich doch wieder wie ein Makler, aber es war diesmal ein gutes Gefühl ...

Ich habe wenig Ahnung von der Arbeit eines Immobilienmaklers, ärgere mich aber, Courtage zahlen zu müssen! Für was? Einen Galeristen habe ich jedoch – bei ähnlicher Ahnungslosigkeit – nie in diesem makelnden Lichte betrachtet. Sind Galeristen wie Dirigenten? Die durch das Zusammenspiel der vielen Musizierenden etwas schaffen, Werke nach ihrem Geschmack formen und ja dann auch vermarkten?

Nun, zunächst einmal musste ich viel lernen. Über den Markt, das Inszenierte, das Gemachte – und habe, glaube ich, einen ganz eigenen Weg entwickelt, Künstler zu betreuen. Im besten Falle sehe ich mich als Agent, der versucht, die Künstler durch schwierige und dann hoffentlich auch irgendwann einmal gute Zeiten zu begleiten. Es ist eine sehr intensive Zusammenarbeit, die wir dann haben. Es ist auch nicht so leicht, 25 Maler, einen Street Artist, zwei Bildhauer und einen Fotografen sowie eine performative Künstlerin im Galerieprogramm zu haben beziehungsweise zu betreuen. Alle möchte ausstellen, an einer Messe beteiligt sein und an andere Galerien vermittelt werden, einen Katalog haben, Künstlergespräche führen und so weiter. Es ist intensiv – und wird immer intensiver. Es ist einerseits schön, wenn man sieht, dass Künstler Erfolg haben. Andererseits ist es manchmal auch enttäuschend. Denn erfolgreich sind sie nur nach gemeinsam durchgestandenen schweren Zeiten, um dann zu, von mir aus, einer Galerie wie Gagosian in New York zu gehen. Exklusiv. Das ist schon ein Schlag ins Gesicht, nicht mehr von der künftigen Entwicklung profitieren zu können. Allerdings ist es schon ganz oft passiert, dass Künstler, die mich erst verlassen haben, nach zwei Jahren zurückkommen. Kleinlaut.

Und?

Nichts „und“. Die nehme ich nicht wieder ins Programm auf. Diese für mich persönliche Enttäuschung kann ich nicht überwinden. Den Weg verstehen, ja, aber nicht verzeihen. Natürlich soll Gagosian sie ausstellen, aber ich will dann nicht beiseitegeschoben werden. Das ist, denke ich, einfach menschlich, darum kann ich dazu stehen.

Als ich ein Junge war und Kunst erstmalig als einen Wert, als etwas sozusagen „Absolutes“ wahrnahm, kannte ich auch gleich erste Sammler: Heini von Thyssen, Ludwig, die Queen, Aaron Spelling, Gunter Sachs, Roy Halston. Heute scheint jeder Hans und Franz Sammler zu sein, so als wäre das ein schicker Beruf wie seinerzeit Kieferorthopäde oder Werber. Die waren ja nicht nur berufstätig, sondern hatten auch Pferdelederschuhe an, trugen bestimmte Uhren und fuhren Porsche. Eine postmoderne Villa machte das Bild rund. Heute bin ich Sammler, wohne im Bunker oder Loft, habe geerbt und mache auf scheu. Ist das so? Oder bin ich oberflächlich bis dümmlich mit dieser Feststellung?

Na ja, die Vernissagen sind schon mehr zu Lifestyle-Veranstaltungen geworden und nicht mehr nur da zur Eröffnung einer Ausstellung. Ja, es geht um Eitelkeit, um das „Sich-Dekorieren“ mit Kunst. Was aber durchaus legitim ist: das Jagdfieber, das Schöne. Mir geht es um die Kunst. Auch darum, dass ein Name sich entwickelt, klar. Aber mir geht es um Kunst und um den angemessenen Preis, der sich entwickelt. Sie haben nicht ganz unrecht mit Ihrer Feststellung und doch nehme ich entstehende kleine Sammlungen mit Respekt wahr. Da kann ich nur „Chapeau“ sagen (lacht)!

Welcher Kategorie würden Sie die von mir beispielhaft genannten Sammler zuordnen?

Herzsammler, mit Gespür, mit Leidenschaft. Oft sehr selektiv. Aber beispielhafte, von mir wenigstens bewunderte Sammler. Gehe ich auf die großen Messen, wie die Art Cologne oder die Art Basel zum Beispiel, ist doch alles schon gemacht. Große Namen, große Kunst, für großes Geld. Aber der Reiz liegt für mich in der Emerging Art, Kunst, wie wir sie hier auch zeigen. Ich bin überzeugt vom großen Potenzial einzelner Künstler hier und „meine Sammler“ ja auch. Was auch an dem erkennbaren handwerklichen Können liegt. Der Fotograf ist eben auch gelernter Fotograf, die figurativ schaffenden Maler fähig, geradezu altmeisterlich detailliert zu malen. Das müssen Sie können!

Und Ihre Sammler können das erkennen? Die Kunst? Oder schließen Sie sich einem Zitat aus dem zaristischen Russland an, als ein Mäzen Manet, Monet und frühe Picasso kaufte als „Bilder von Wahnsinnigen für einen Wahnsinnigen“?

(lacht) Ja, einige schon. Schauen Sie, es gibt ja große Entwicklungen und Wandlungen in der Kunstgeschichte. Seit Duchamp ist doch alles gesagt und wiederholt sich seither. Da lässt sich dann beim Sammler und beim Betrachter eine gewisse Ermüdung erkennen. Und man findet wieder zu den Wurzeln. Man merkt ja, dass es zurück zum Figurativen geht. Wir waren das immer schon, anfangs von allen belächelt. Es hat sich aber ausgezahlt. Mehr und mehr sind die großen Ausstellungen wieder figurativ. Es bekommt Gewicht. Das Problem deutscher Universitäten war, dass sie in der Vergangenheit nicht mehr solche Künstler berufen hatten, die die erforderliche Art der Ausbildung leisten konnten. Im Prinzip liegt darin der Erfolg der Leipziger Schule. Bis zum Mauerfall und danach lehrten Professoren, figurativ, ja, altmeisterlich zu malen. An der Basis. Wurde ja jahrhundertelang gelehrt. Und dann war’s weg, wurde abgelehnt.

Neo Rauch, Rainer Fetting fallen mir ein, wobei Fetting ja nichts mit Leipzig zu tun hat.

Aber ja! Fetting ist zu Recht wieder in aller Munde.

Und nun geht es wieder nach Miami – als Idealist oder als Kaufmann?

Kaufmann. Die Kosten können Sie sich gar nicht vorstellen. Aber der Kaufmann ist zufrieden, wenn die Kosten wieder eingespielt werden. Das wurden sie bisher, ansonsten blieben wir nämlich hier. Nein, wir waren bisher weit darüber hinaus erfolgreich. Und wenn Sie das Preisgefüge unserer Künstler sehen, ist das eine echte Leistung. Unsere Leistung, aber auch und gerade die der Künstler, die eben nicht am Markt vorbei malen. Der Idealist schaut dann, welche anderen Galerien für meine Künstler infrage kommen. Sie haben in Miami ja schon alles da, was Rang und Namen hat und zieht. Das schätze ich sehr hoch ein. Aber: Das alles ist kein Hobby! Ich liebe, was ich tue, aber es ist ein wirtschaftendes Unternehmen. Und dank guter Umsätze ein wirtschaftliches.

In Oldenburg haben wir eine Sammlerin und Galeristin, die als Galeristin einen Pavillon auf der Biennale Venedig hatte. Darauf war und ist eine ganze Stadt stolz, also der Teil der Stadt, der weiß, worüber gesprochen wird. Und Berlin? Ist Berlin stolz auf Friedmann-Hahn?

Moloch Berlin. Also, viel, viel weniger als in Oldenburg, so wie Sie es beschreiben. Das geht hier einfach unter in der Fülle, der Vielfalt, dem Durcheinander. Es gibt hier ein Überangebot: 450 Galerien. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Für eine relativ arme Stadt, gemessen an der Kaufkraft, 50 Prozent mindestens zu viel. Ich glaube, dass wir zu den ganz, ganz wenigen gehören, die professionell im Sinne von rentabel arbeiten. Und darüber Anerkennung finden.

Wir leisten Aufbauarbeit, setzen unsere Künstler, nicht uns in Szene und kommen gemeinsam voran. In diesem wahnsinnigen Moloch Berlin.“

Wie bewirbt man sich bei Ihnen? Mit akademischen Graden, beeindruckender Vita, frischen Werken, Enthusiasmus, guten Beziehungen?

Ganz einfach: mit einem guten Werk. Mehr schaue ich mir gar nicht an, will ich gar nicht sehen. Am liebsten suche ich die Künstler aus, besuche sie, beschaffe Kataloge, höre mich gezielt um. Am besten funktioniert das, wenn ich meine Künstler frage. Wen bewundert ihr? Wen findet ihr spannend? Die sind dann eigentlich immer interessant. Ist aber jetzt kein neuer Trick, sondern in meinen Kreisen eine besonders bewährte Methode.
Im nächsten Schritt hole ich mir den Künstler über eine Gruppenausstellung in die Galerie. Wir machen zwei, drei Gruppenausstellungen im Jahr, mit den zurzeit interessantesten Werken der interessantesten Künstler. Maximal zehn Künstler, in von uns „Kunstessenzen“ genannten Ausstellungen. Diese werden vom Publikum sehr gut angenommen und sind eine sinnvolle Ergänzung der Einzelausstellungen.

Nähern Sie sich ähnlich intensiv auch anderen Lebensbereichen? Dem Essen, Trinken, Bekleiden, Einrichten? Ist Qualität für Sie immer das Maß der Dinge?

Ich bin ein absoluter Genussmensch, wie Sie ja sehen. Ich esse gern, trinke Wein. Kunst ist auch primär immer noch Genuss, Lebensqualität. Anzüge auch, ich kleide mich gerne gut. Aber ich investiere maßgeblich in Kunst.

Und zu Hause? Ehemann, Vater und Sammler? Oder genau das Letztere nicht, weil Sie es hier ausleben können?

Oh, ich bin Sammler, durchaus. Gerade habe ich jemanden beauftragt, meine eigene Sammlung zu katalogisieren und zu kuratieren; ein ziemlich großer Aufwand. Was daran liegt, dass ich kaufe, wann immer Geld übrig ist. Bei einer benachbarten Galerie habe ich tatsächlich die halbe Ausstellung aufgekauft, weil mich so begeistert hat, was der Künstler macht. Ich liebe das Sammeln, es ist mein Lebensthema. Und ich versuche, nicht am Thema „Familie“ zu scheitern. Mein ältester Sohn ist jetzt 13, der braucht seinen Vater. Das spüre ich. Und ich will da sein. Ich merke: Zeit ist das Wichtigste.

Keine ganz neue Erkenntnis ...

... aber meine.

Unlängst sprach ich mit einem Interview-Partner über das Glück der Besitzlosigkeit. Faszinierend, schon weil mir selbst so fremd. Eine Option für Sie? Besitzlosigkeit? Verzicht?

Für mich war Erwerb immer Belohnung. Ein bisschen auf jeden Fall. Wenn ich etwas leiste, bekomme ich Geld und damit kaufe ich mir, oder uns, der Familie, etwas. Aber ich merke schon, dass Besitz etwas unfrei macht. Die Dinge brauchen Betreuung, also Zeit, von Geld ganz zu schweigen. Und vielleicht ist es der Faktor Zeit, der mich wenigstens nachdenklich werden lässt. Brauche ich das jetzt noch? Oder wirklich? Genieße ich, was ich habe? Was ist mehr als genug? Vielleicht filtere ich bald heraus, was wirklich wichtig ist. Um mich von manchem zu trennen. Aber besitzlos? Nein, so könnte ich derzeit nicht existieren. Ich bewundere das. Und kann es auch verstehen. Aber mehr nicht.

Ich auch nicht. Gott sei´s geklagt.