Schöne Gedanken verbreiten sich, weil sie schön sind.

Interview mit Julia Engelmann

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein.“ Mit dieser Paraphrase auf den Song „One Day“ ist die Poetry-Slammerin Julia Engelmann zum Medienstar avanciert. Ihre Bücher sind Bestseller, und auch ihre CD mit gesungenen Texten wurde zum Hit. Chapeau-Reporter Lars Görg traf die Poetin, Sängerin und Schauspielerin während einer Tourneepause zum Gespräch.

CHAPEAU ― Wie zufrieden bist du gerade mit dir, Julia?

Julia ― [lacht] Sehr zufrieden.

Vor fünf Jahren hat deine erstaunliche Karriere bei einem Poetry-Slam in Bielefeld begonnen. Der Weg, den du bis heute gegangen bist: War der geplant?

Nein, war er nicht. Zurückblickend bin ich immer noch überrascht, was da alles passiert ist. Wäre das alles nicht geschehen, schriebe ich zwar sicherlich noch, wäre jetzt aber in einer Therapeuten-Ausbildung. Nichts von alldem war geplant, und ich hätte es auch gar nicht planen können. Ich habe die Dinge so von Jahr zu Jahr genommen.

Info ― Julia Engelmann ist 1992 in Bremen geboren. Nach dem Abitur mit 16 begann sie ein Psychologie-Studium und betätigte sich nebenbei als Poetry-Slammerin, gewann zweimal in Folge das Bremer „Slamer Filet“. Deutschlandweit bekannt wurde sie nach einem Auftritt beim Bielefelder „Hörsaalslam“ 2013. Das Video, in dem sie den Songtext zu „One Day“ von Asaf Avidan variiert und zum bewussten Umgang mit Zeit aufruft, wurde bei YouTube über zehn Millionen Mal geklickt. Seitdem veröffentlichte sie Texte in bislang vier Büchern und 2017 die Musik-CD „Poesiealbum“. Auch als Schauspielerin ist Julia Engelmann schon länger aktiv. So spielte sie von 2010 bis 2012 in der RTL-Soap „Alles was zählt“ die Rolle der Eishockeyspielerin Franziska.

Verletzt dich die zum Teil beißende Kritik des Feuilletons?

Ich glaube, dass ich einen ganz gesunden Blick darauf habe, wer und was ich bin. Was wichtig ist, was meine Stärken und Schwächen sind. Auch darauf, wer mich kritisiert. Ich mag Kritik, wenn sie konstruktiv und wohlwollend ist. Mehr möchte ich dazu eigentlich gar nicht sagen…

Lyrik gilt auf der einen Seite als die Königsdisziplin der Schriftstellerkunst, auf der anderen Seite als nahezu unverkäuflich. Dann kamst du – und deine Bücher lagen alle weit vorne in der Spiegel-Bestsellerliste. War wenigstens dieser Erfolg irgendwie absehbar?

Auch hier wieder: nein. Ich habe ja noch nicht einmal daran gedacht, dass aus meinen Gedichten jemals ein Buch werden könnte. Nicht einmal eines! Irgendwann hatte ich einmal ein kleines Heftchen im Copy-Shop um die Ecke drucken lassen. Für Freunde. Die sagten dann: Du, ich hätte ganz gern mal ein paar deiner Texte zum Nachlesen. Das war bis dahin schon das Aufregendste, der Höhepunkt meiner Schreibkarriere. Dann aber ein Buch zu veröffentlichen, war für mich eine riesige Aufregung und Ehre! Dass dann weitere Bücher folgen würden, die es auf die Spiegel-Bestsellerliste bringen, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können. Als ich den Anruf meiner Lektorin bekam, dachte ich, das sei ein Scherz. Treffe ich heute Menschen, die sich ein Buch von mir gekauft, es verschenkt, auf Reisen gelesen oder sich eine Zeile daraus in die Haut tätowiert haben, freue ich mich darüber, dass wirklich etwas hinter meinen Texten steckt. Dass sie Menschen berühren und beeinflussen. Das bewegt mich wirklich – und immer noch.

Auf deiner CD „Poesiealbum“ singst du dazu. Und das Album hat sich im letzten Jahr sieben Wochen lang in den deutschen Charts gehalten. Welche Erwartungen hattest du an dieses Projekt, und wurden die erfüllt oder gar übertroffen?

Seit fünf Jahren werden meine Erwartungen übertroffen! Ich hatte gedacht, ein Album zu veröffentlichen – so etwas machen andere Leute. Da wird man irgendwie reingeboren oder so… Es war auf jeden Fall nichts, von dem ich dachte: Das kann ich auch mal machen. Es ist unglaublich schön, dass ich das überhaupt angehen konnte, dass es fertig geworden ist, so viel Spaß gemacht hat und dass ich damit auf Tournee sein kann. Und dazu noch eine Chart-Platzierung, ein Einstieg in die Top-Ten: Das ist ein unglaubliches Geschenk.

Das meine Texte Menschen bewegen können, rührt mich immer noch.

Ich bin immer noch nicht so ordentlich, wie ich es gern wäre.

Was bewegt dich dazu, deine Texte auch zu singen? Glaubst Du, dass die Texte so noch besser verstanden werden oder möchtest du auf diesem Weg noch mehr Menschen erreichen?

Weder noch. Wenn Gedanken bewegend oder bedeutend sind, können sie in jeder Form Menschen erreichen. Da reicht dann schon ein Zitat, eine Zeile, die jemand in der Straßenbahn neben den Sitz gekritzelt hat. Schöne Gedanken verbreiten sich, weil sie schön sind. Und Musik war schon immer Teil meines Lebens. Ich höre Musik beim Schreiben, mache selber Musik. In meiner Jugend habe ich eine Ewigkeit damit verbracht, zu Hause eine Cover-Version des Oasis-Hits „Wonderwall“ einzustudieren [lacht]. Irgendwann lag die Idee, ein Album zu machen, einfach auf der Hand. Damit haben meine Texte noch einmal eine weitere Dimension bekommen. Ich illustriere meine Texte ja auch. Bilder oder jetzt Klänge stellen auch den Versuch dar, meine Innenwelt nach außen abzubilden.

Warum befasst du dich auch noch mit Schauspielerei? Da geht es doch um Worte, die andere geschrieben haben…

Am Schauspiel reizt mich schon seit frühester Jugend das „Spiel“. Die Freude, die dabei aufkommt – und die man vielleicht als Erwachsener verliert. Die einfach nicht mehr den gleichen Platz einnehmen kann wie bei einem Zehnjährigen. Ich halte mich für einen empathischen Menschen – und Schauspiel ist für mich gelebte Empathie.

Ich habe mir vorhin noch einmal das YouTube-Video deiner Bielefelder Premiere angesehen. Du eröffnest mit der Entschuldigung, keine Tänzerin zu sein. Aus heutiger Sicht klingt das fast erstaunlich, denn Tanz ist eine weitere komplexe Ausdrucksform. Willst du die auch noch ausprobieren?

Schöne Frage [lacht]! Ich habe das damals gesagt, weil vor mir jemand in seinem Text die ganze Zeit über eine Tänzerin gesprochen hatte. Was ich da gesagt habe, bezog sich also auf den Auftritt vor mir. Tatsächlich mag ich Tanz unglaublich gern, aber er ist nicht meine erste Ausdrucksform. Oder besser: nicht die Ausdrucksform, die mir ganz nahe liegt. Aber mal sehen…

Hat der große Erfolg deinen Alltag verändert? Wirst du von Fremden angesprochen, fotografiert?

Mein Alltag hat sich schon insofern verändert, als dass ich meinen Beruf gewechselt habe. Früher habe ich nur nachts geschrieben, weil ich tagsüber zur Uni gegangen bin. Jetzt habe ich die Zeit, auch tagsüber zu schreiben. Vieles Andere ist aber auch gleich geblieben: Was ich frühstücke, mit welchen Freunden ich gerne telefoniere. Dass ich immer noch nicht so ordentlich bin, wie ich es gerne wäre. Also ganz alltägliche Dinge. Natürlich bekomme ich jetzt eine Menge Emails, und ich bin mehr unterwegs. Manchmal werde ich erkannt – meistens aber nicht. Und wenn, ist es immer unglaublich nett.

Erhoffst du dir noch mehr? Mehr Erfolg oder weitere Erfolge?

Die Frage ist doch, was „mehr“ heißt. Wenn „mehr“ nur Quantität bedeutet – also, ich weiß nicht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ein „Mehr“ jetzt wäre. Meinetwegen kann man daraus ablesen, dass ich mehr nicht brauche. Ich fühle mich schon jetzt sehr beschenkt. Mit allem, was ich habe, was ich machen darf. Ich finde, das alles fühlt sich qualitativ richtig schön an. Eine Frage nach Quantität stellt sich für mich gar nicht.

Hast du im Showgeschäft Freunde finden können?

[lacht] Freunde zu finden – für mich hat das nichts mit Showgeschäft zu tun. Oder noch nicht. Wenn ich Menschen treffe und kennenlerne, dann mag ich diese Menschen entweder gerne, oder eben nicht. Wie ich Freunde finde und dann die Freundschaften pflege, gehört auch zu den Dingen, die sich nicht verändert haben.

Wie erlebst du deine Tour bisher? Und wann setzt du sie fort?

Meine Tour ist schon wieder losgegangen, auf dem Tollwood-Festival in München. Und im Herbst geht es wieder richtig los. Darauf freue ich mich sehr! Inzwischen habe ich ja eine Band mit zwei sehr, sehr netten Musikern dabei. Außerdem habe ich auch wieder ein Buch geschrieben, das „Neue Gedichte im Gepäck“ heißt. Also ich erlebe die Tour sehr intensiv, als sehr schön – und das färbt auf alle Bereiche ab.

Bis zu deinem Durchbruch hattest du ein normales Leben, und das spiegelt sich in deiner Lyrik wider. Seither machst du Erfahrungen, die ich außergewöhnlich nennen möchte. Liefert dir das Showgeschäft Stoff für weitere Texte?

Ich sehe einfach das Leben. Nicht „Showgeschäft“ und „Normal“. Gefühle und Fragen tauchen doch wirklich überall auf. Als Reaktion auf Dinge, die ich erlebe. Auf alle möglichen Dinge und Menschen. Egal in welchem Kosmos ich mich gerade bewege: Die Dinge bleiben die gleichen. Das heißt, alles taugt als Stoff. Poesie ist doch Reaktion auf alles: ein liebevoller Blick auf Dinge, die passieren. Auf etwas, das ständig stattfindet.

Danke für das Gespräch! Und weiterhin so viel Erfolg, Julia.

Poesie ist ein liebevoller Blick auf Dinge, die geschehen.

Kategorie: Lebensart
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