Katz-und-Maus-Spiel

Weltweit lauern Paparazzi mit der Kamera im Anschlag. Sie wollen nur eins: das perfekte Foto. Wer es schießt, hat ausgesorgt. Nicht nur Schauspieler, Musikstars oder Politiker auf ihren (Ab-)Wegen verkaufen sich gut. Auch Erlkönige der Automobilindustrie sind gefragt.
Wer einen Paparazzo bei seiner Arbeit begleiten will, der muss früh aufstehen. Noch vor allen anderen und vor allem vor dem Objekt der Begierde da zu sein, das ist das oberste Gebot. Ob berühmte Personen in nicht alltäglichen Situationen oder Prototypen neuer Fahrzeuge, derartige Aufnahmen sind hoch begehrt. Wenn auch die märchenhaften Preise, die immer wieder überall zu hören sind, weit von der Realität entfernt sind. „Viel Geld für ein richtig gutes Foto ist durchaus einmal möglich, aber nicht der Alltag“, verrät einer, der es wissen muss: Erlkönig-Jäger Stefan Baldauf. Außerdem würden die modernen Möglichkeiten der Bildbearbeitung mehr und mehr zu einem Preisverfall beitragen. Umso wichtiger sei das perfekte Foto, gestochen scharf und eben kein Schnappschuss. Und dann noch exklusiv für eine Zeitung oder Agentur.

Alles ist geheim

Allzu viel aus dem Nähkästchen will er aber nicht verraten, denn die Konkurrenz ist groß. Stefan Baldauf hat sich seinen Namen hart erarbeitet, was er an Fotos anbietet, wird umgehend gedruckt – oder auch online gestellt. CHAPEAU nutzte die Chance, den Erlkönig-Jäger zu begleiten. Wo? Das ist und bleibt ein Geheimnis; sogar die Frau an seiner Seite weiß nicht immer, wo er gerade ist. Ob mitten in Lappland am Polarkreis oder in Finnland, an den höchsten Alpenpässen im Herzen Europas oder in Australien, ob in der Sahara oder im Death Valley der amerikanischen Mojave-Wüste – die besten Jagdreviere des Erlkönig-Fotografen liegen immer in klimatischen Extremregionen. Dass er viele seiner Kollegen von Oktober bis März im Norden Skandinaviens trifft, liegt an den tief verschneiten Straßen und zugefrorenen Seen und den damit idealen Bedingungen für die Tests der Autoindustrie.

Rasante Jagd

„Da kommt er“, sagt der Erlkönig-Jäger leise, aber bestimmt. Wer jetzt nicht sieht, was Stefan Baldauf im Visier hat, der hat schon verloren. Binnen weniger Sekunden ist ein schwarzer Pkw auf der verschneiten Straße vorbeigefahren, im aufgewirbelten Schnee trotz des Kontrastes fast nicht mehr zu erkennen. Das, was da noch kurz im Rückspiegel zu sehen ist, ist bzw. war ein Erlkönig. Ein Auto, das es offiziell noch gar nicht gibt. Unter strengster Geheimhaltung vom Hersteller auf Testfahrt unterwegs, Jahre vor der Markteinführung. „Achtung, festhalten!“, ruft der Erlkönig-Jäger, bevor er wendet und die Verfolgung aufnimmt. Noch während des Überholens erkennt man das seltsame Aussehen und die merkwürdige, schwarzweiße Lackierung des Autos. Dann geht es schon mit Höchstgeschwindigkeit am Erlkönig vorbei. Ein ganz normales Überholmanöver? Nein, das war die Chance, Fotos zu machen. „Alles im Kasten?“, fragt der Profi mit einem Schmunzeln.

Die entscheidende Sekunde

Wer nicht in der entscheidenden Sekunde abdrückt, der hat verloren. Aber auch der Profi gesteht die eine oder andere Panne ein: Einmal im falschen Moment Kaffee eingeschenkt und eine Woche umsonst gewartet – so sei das nun einmal. Neben einer Ausbildung zum Fotografen ist körperliche Fitness bei diesem Job eine wichtige Voraussetzung, denn der Erlkönig-Jäger muss in der Wüstenhitze ebenso wie in arktischer Kälte stundenlang auf seine Beute warten. Und das in glühend heißen oder arktisch kalten Autos, auf Bäumen oder in dornigem Gestrüpp. Selbst ein knurrender Magen oder die steigende Anzahl von Insektenstichen dürfen das wachsame Auge nicht ablenken. Grundvoraussetzung für das Geschäft ist neben Geduld und dem richtigen Gespür auch das Glück. Wer nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, der bekommt nichts vor die Kamera.
Das Fotografieren von Erlkönigen ist ein wahres Katz-und-Maus- Spiel. Die Hersteller setzen alles daran, das Aussehen der neuen Fahrzeuge möglichst lange geheim zu halten. Schließlich dauert es noch Jahre, bis die Erlkönige offiziell als neues Modell vorgestellt werden. Spezielle Designfolien, Schaumstoffpolster und Anbauteile helfen beim Tarnen und Täuschen. Exklusiv für CHAPEAU öffnet Stefan Baldauf sein digitales Fotoarchiv: Wow, das ist doch ...? Ja, genau! „Was Sie hier sehen, vergessen Sie am besten gleich wieder“, sagt er dann. Wobei, für die Leser von CHAPEAU gibt er ein Foto heraus, das ihm mehr oder weniger zuflog. Die nächste Generation der A-Klasse lüftete von selbst den Schleier: Die Fahrzeuge für den Crash-Test standen gut versteckt unter einer Plane, bis ein Windstoß diese davontrug. Im markanten Orange, der Farbe für Crash-Versuche, ist die kleine Stuttgarter Baureihe nun für alle Welt zu sehen.

Der Insider-Tipp

Stefan Baldauf als langjähriger Profi unter den Erlkönig-Jägern weiß, wann und wo gestestet wird: Rund um die Teststrecken der Hersteller und auf öffentlichen Straßen – weltweit. Die öffentlichen Teststrecken bieten alle Härte-Bedingungen, wie beispielsweise die extremen Steigungen und Kurven in den Alpen. Und Jahreszeiten geben für einige Testfahrten auch ein Zeitfenster vor. Oft gibt es aber auch einen konkreten Tipp von einem Freund. Ob man in diesem Geschäft Freunde hat? „Man hat Tankwarte, Hotel-Mitarbeiter, Zöllner und auch Mitarbeiter von den Herstellern als Freunde!“, lautet die Antwort. Wenn ein Anruf kommt, dann wird kurz recherchiert, bevor der Koffer gepackt wird. Anrufe können manchmal auch dazu dienen, den Profi auf eine falsche Fährte zu locken. „Aber wozu hat man Freunde? Ein Anruf vor Ort genügt ...“

Psychedelische Muster und Schaumstoffpolster

Während Erlkönige der neuen A-Klasse ihre Runden drehen, wird auch statisch auf Test- und Prüfstationen alles das auf Herz und Nieren untersucht, was demnächst auf die Straße kommt. Um Verformungen beim Crash besser analysieren zu können, gibt es das Orange – um Erlkönig-Jägern das Leben zu erschweren, die schwarzweißen Folien. In den Werkstätten mit angegliederter Versuchsabteilung der Hersteller stehen Fahrzeuge, die als solche zu erkennen sind – mehr oder weniger. Von den Abmessungen klar als Pkw zu erkennen, sind es die psychedelischen Muster, die als Folie auf das Blechkleid geklebt wurden und so die Geheimnisse der neuen Karosseriemerkmale wahren. Das Muster der Tarnfolie besteht aus unregelmäßigen, geometrischen schwarzen Formen auf weißem Grund. Dieses Muster hat sich als besonders gute Tarnung erwiesen, selbst moderne Bildbearbeitungsprogramme können keine Schatten und damit Konturen mehr errechnen, was früher bei einfarbig getarnten Fahrzeugen durchaus möglich war.
Neben der Folie verwenden die Experten bei Mercedes-Benz beispielsweise auch Anbauteile und Schaumstoffpolster, um wichtige Konturen zu kaschieren. Der Innenraum und die Armaturentafel werden zu guter Letzt mit Abdeckteilen aus Leder vor neugierigen Blicken geschützt. Bevor die Erlkönige diese Räume verlassen dürfen, werden in einem ersten Schritt alle nicht für die Funktion benötigten Anbauteile – genauso wie die Marken- und Typenbezeichnungen – wieder entfernt. Danach werden markante Charakterelemente durch bündiges Ausgleichen mit Kunststoffplatten verfremdet, Fensterlinien unkenntlich gemacht und Scheinwerfer überklebt. Ganz zum Schluss wird der Erlkönig großflächig mit besagter Folie zum Tarnen und Täuschen bezogen. Damit die Verkehrsicherheit gewahrt bleibt, werden vereinzelt zusätzliche Teile wie Heckleuchten oder Blinker, die zu viel vom Markenimage preisgeben, durch gängige Produkte aus dem Zubehörhandel ersetzt. Um ihre Arbeit sind die Mitarbeiter aus dem Fahrversuch nicht zu beneiden, auch wenn sie stets mit den neuesten Fahrzeugen unterwegs sind. Erst tüfteln sie tagelang an einer Tarnung, um dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu den Teststrecken zu fahren. Alles nur, um nicht von einem der Paparazzi gesehen und fotografiert zu werden.
Kategorie: Auto
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