Frau Lönne meint: Kindheit.

Ich habe einige seltsame Eigenschaften. Für das größte Er- staunen allerdings sorgt immer das Geständnis, dass ich es als Kind geliebt habe, meine Nase an neue brandneue Luftmatratzen und Barbies (oder auch Kens) zu halten. Der Geruch von frischem Plastik (nein, Tupper funktioniert nicht) weckt einfach Kind- heitserinnerungen. Eine Nase und mich umgibt der Duft eines unendlichen Kinder-Sommers, delial Sonnencreme, warmer Wind, ich rieche das Chlor der Schwimmbecken und den Muff von feuchten Handtüchern in den Umkleiden, Kiosk-Brause- pulver und -Pommes aus der Tüte (bei denen der magere Stritz Plastikquetschflaschen-Mayo immer irgendwie unten im Papier- tütenzipfel verschwand). Warum roch damals gefühlt eigentlich alles intensiver?

Es gab in fast jeder Kneipe kleine Automaten, aus denen man sich knusprig ummantelte, unnatürlich orangefarbene Nüsschen ziehen konnte. 30 Pfennig in die Kinderhand gedrückt, und der Abend war gerettet. Sie rochen und schmeckten nach dem, was sie waren: Künstlich. Süß. Lecker. An den Tankstellen roch es nach Benzin und Reparaturwerkstatt (der Tankstellenbesitzer in seinem grauen Mechaniker-Overall selbst übrigens auch), und das samstägliche Eis auf der Rückbank nach dem Autowaschen mit dem Vater war ein Hochgenuss (und dass es Eis gab, war schon ein Fortschritt, denn damals tankte man an Tankstellen. Nicht mehr.). Ein weiterer Ort, um sich auf eine Nasen-Nostalgie- reise zu begeben, sind Zeitungsläden: Tabak, frisch bedrucktes Papier – arghhhh. So manches Mal stand man da als Kind und holte für den Besuch der Eltern eine Schachtel Kim oder HB. Ohne Ausweis oder Anruf der Erziehungsberechtigten. Noch heute liebe ich den Geruch von Schreibwarenläden und könnte in den Papierstapeln, Bleistifthaltern und Radiergummi-Displays versinken. Wo seid ihr, ihr parfümierten Mädchen-Buntstifte und Glitzer-Radiergummis (die klassischen rot-blauen übrigens stehen ganz hinten auf der Rangliste. Hat jemals jemand heraus- gefunden, wofür die blaue Seite gut war?)? Nehmen Sie mal eine Nase, wenn Sie sich ein neues Buch gekauft haben. Was einem da entgegenweht, wenn man die Blätter das erste Mal wie ein Daumenkino durch die Finger rasseln lässt – herrlich.

Bei meiner Lieblingstante wiederum lag stets der leichte Duft von Zigarren in der Luft. Opas Zigarren. Geborgenheitsgefühl. Rauchen? Im Haus? In der Gegenwart von Kindern? Ja. War so. Beim Her- renfriseur (fester Monatstermin nach dem Autowaschen) roch es nach Plaste-Kleiderschützern, Hals-Papiermanschetten, Rasier- schaum, Rasierwasser und höfli- chen Gesprächen. Zu genießen vom Warteplatz aus. Ohne Handy oder Kinderbelustigung. Man saß da und wartete, bis der Vater fertig war. Einfach so. Nicht zu vergessen: die Schule. Muffige Tafelschwämme, Kreide, Bohnerwachs, Geräteraum mit Mattenwagen und: Tintenkiller. Hammer. Gefolgt von den schlechten Fotokopien mit ihrem ganz eigenen Geruch nach irgendwas Gesundheitsschädlichem. Später dann eroberten die ersten Selbstversuche der pubertie- renden Jungs mit Irish Moos oder Old Spice (aus dem Alibert vom Vater stiebitzt) die Klassenzimmer. Die „Killefitzerias“ (so nennen wir noch heute die Läden im Urlaub, in denen es von Postkarten, Portemonnaies bis hin zum Kaffeefilter alles gab) aber waren das Nonplusultra der Sinnenreise. Dort roch es nach Lederwaren, Plastikartikeln und der kindlichen Erkenntnis, dass man mit 20.000 italienischen Lira fast reich ist. Da hingen sie dann. Ordentlich aufgereiht. Die knallbunten Luftmatratzen, die immer nur eine Saison hielten (nachdem man beim Aufpusten dreimal mit Kreislaufversagen zu kämpfen hatte). Meine Götter für die Nase. Sie riechen heute noch genauso. Die Wasserbälle auch. Ich muss das wissen, ich hab im letzten Urlaub wieder eine Nase genommen. Heimlich, damit es nicht ganz so peinlich für meine Familie ist. Zu den anderen seltsamen Eigenschaften vielleicht ein anderes Mal mehr.
Kategorie: Kolumne
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