Veröffentlich am 6. März 2017 von Contentley

Klaus muss raus: Klaus von Due auf (Schlemmer-)Tour in Berlin
04.02. Reisen


Klaus muss raus: Klaus von Due auf (Schlemmer-)Tour in Berlin
Fotos: Contentley

Manchmal muss Klaus raus. Nein, nicht, dass ich Urlaub bräuchte. Aber ich will weg. Einfach so. Also: Ab nach Berlin! Hybris und Wahn erlauben mir nichts anderes, als im „The Regent“ am Gendarmenmarkt abzusteigen. Ja, man kann in Berlin bedeutend günstiger, aber nicht unbedingt besser wohnen. Naturstein und Edelholz, mächtige frische Blumengebinde, Antiquitäten, Stilmöbel: Ich habe es schon in den späteren 90er Jahren noch als „Four Seasons“ geliebt – wegen seines so typisch amerikanischen Luxus, der mich immer an den Denver-Clan erinnert hat. Alle Damen und Herren Mitarbeiter wirken wie gute Freunde. Die Zimmer sind groß und behaglich, nicht mehr neu, dafür tipptopp gepflegt, was deren Klasse und „Altes-Geld-Hautgout“ ausmacht. Farbig-marmorne Bäder, nicht unbedingt barrierefrei, dafür groß, massiv und edel. Schon schön! Bevor es nun zum Mittagessen geht, rasch noch ein Glas Champagner im „Wintergarten“, dem Kaminzimmer des Hauses. Ein Feuer brennt, der makellos gekühlte Schaumwein ist in Windeseile da, besser geht es nicht.
Jetzt zieht es mich direkt zur „Markthalle Neun“ in Berlin-Kreuzberg: Ähnlich aufgebaut wie die Shoppingmall „Bikini Berlin“, also mit viel Platz und vielen fest verbauten Ständen, geht es hier ausschließlich um Essen und Trinken. Der erfahrene Kenner sieht hier sofort eine Hipster-Mutterzelle. Während der Nicht-Berliner staunt: mittendrin ALDI. Aber so ist Berlin... Und was immer der Hipster im Bereich Essen und Trinken auch tut, es nennt sich gerne Street Food, Orange Wine, Cold Brew – hochinteressant, wie ich jetzt weiß. Der Kaffee im Café (es gibt nur dort Kaffee und nur das eine Café. Und das heißt auch genau so, nämlich Café) ist sensationell. Cold Brew, im Laden selbst geröstet, gar nicht so teuer und schnell getrunken. Die Austern bei „Monsieur Collard“ sind exzellent. Knackfrisch, von Monsieur Stéphane selbst fachmännisch geöffnet und mit einem Fläschchen Chablis rasch heruntergespült (wir teilen uns die Flasche). Weil ich noch weiterwollte, bleiben Würste, Käse und Pasteten allerdings leider unberührt.
Nach einem Abstecher bei Johanna und ihrem „Soul & Spice“, einer Stulle und zwei rauchfrischen Landjägern im „Schaufenster Uckermark“ sowie einem Bier nebst Burger am Haupteingang geht es wieder raus in die Kälte. Also, eher ins Taxi, in die Reichenberger Straße zum „Five Elephant“. Dort gibt es dem Vernehmen nach den besten Cheesecake der Stadt und einen fabelhaften vor Ort gerösteten Kaffee. Und beides wirklich top! Nicht ganz billig, aber jeden Cent wert. Nun geht es aber zurück ins Hotel, zu meiner Insel der Glückseligkeit, einem Glas Weißwein und einem heißen Bad.
Aus Liebe zur und tiefem Respekt vor der uralten persischen Kultur entscheide ich mich für ein Abendessen bei den Jungs von „Chicago Williams BBQ“. Warum? Nun, weil der Eigentümer Perser ist. Bestellung an der Theke, zum Zeichen des Friedens und der Versöhnung ein Becherchen Kohl-Mais-Suppe für den Weg an den Tisch und die erstaunlich kurze Wartezeit. Dann kamen eine Flasche Bier und die „Platte für zwei“ mit Chicken (Keulen), Spareribs und Pulled Pork, begleitet von Apfelmus (anscheinend auch eine uralte persische Tradition?) und Coleslaw. Preiswert, lecker, reichlich. Gut, die Meinungen zu dem Laden gehen auseinander. Hymnisch verehrt von den einen, rundweg abgelehnt von den anderen, bietet er Street Food in reduziert-rustikalem Ambiente. Das weiß man. Sagt man allerdings freundlich „Guten Abend“, „Bitte“, „Danke“ und lächelt dabei, sind die Jungs hier sehr, sehr nett und erklären engagiert das schmale Angebot. Ansonsten registrieren sie sehr aufmerksam leere Flaschen, Gläser und Teller, reagieren merklich stolz und erfreut auf Lob und machen einfach einen sehr guten Job. Mit dieser guten Grundlage geht es nun ansatzlos über zur „Kür“: zum Bar-Hopping!
Chicago Williams BBQ
Chicago Williams BBQ
Chicago Williams BBQ
Die Mutterzelle der Hipster, die Markthalle, raunt mir schon mittags wieder und wieder „Stagger Lee“ zu – deshalb setze ich guten Gewissens einen Haken hinter die „Paris Bar“ (toll), dem „Rum Trader“ (gewöhnungsbedürftig) sowie dem „Savoy“ (ein Traum) und ziehe gen „Stagger Lee“. Die verschlossene Tür öffnet sich kurz nach dem Schellen. Das muss in Berlin wohl so sein – ich habe mich nie einer Kontrolle unterzogen gefühlt oder bin etwa lange befragt worden. Aber man schellt, wartet und tritt dann ein. Und warum auch nicht? Meine Gäste müssen das an meiner Wohnungstür ja auch. Reduziert, klein, schlicht, aber aromenreich und alkoholschwanger: Sympathische, nette und höchst kompetente junge Damen zaubern hier erstaunliche Cocktails – in einem Umfeld, das die Kneipen der berühmten Kreuzberger Nächte mit dem Saloon-Charme aus Filmen wie „Destry Rides Again“ paart. Interessant sind die ausgeschenkten Mengen. In kleinen Likörschalen wie „von Oma“, mit geschätzten 0,1 Liter Inhalt, zu ganz normalen Cocktail-Preisen. Die eine oder andere Bar in Oldenburg würde von den Gästen angezündet, hier allerdings nur Begeisterung und pure Freude. Auch bei mir. Als ich nach zwei Schälchen zahle, empfiehlt man mir die „Green Door“ um die Ecke und gibt mir sogar das Passwort mit auf den Weg. Ich werde wohl doch noch Berliner.
Stagger Lee Berlin
Die grüne Tür ist, sucht man sie, nicht zu übersehen. Jetzt wieder das Schellen-Warten-Öffnen-Spiel, allerdings kein Passwort (ich bin etwas enttäuscht), dafür aber ein sehr herzlicher Empfang und ein toller Platz am raumlangen sauberen Tresen. Neben der mich einlassenden Dame hier nun ein echter Bartender, eher wortkarg, dafür freundlich und fix. Wieder Cocktails aus den „Berliner Schalen“, wieder 15 € das Glas, und wieder nur Begeisterung. Nachdem meine Vorlieben abgefragt worden sind, bekomme ich eine namenlose Kreation auf Gin-Basis, mit Rosmarin, Zitronensaft und etwas Zucker, geschüttelt. Perfekt. Die „Newton Bar“ ums Eck vom Hotel ist ebenfalls ein Klassiker. Und ein Glas Champagner geht immer, insbesondere dort. Ich höre und lese wieder und wieder von Unfreundlichkeit und Ignoranz, davon, dass ein „Fensterplatz nur bei Verzehr einer Flasche Champagner“ zu ergattern ist – und kann es nicht nachvollziehen. Alle sind nett, alle sind fix, der Champagner frisch und auf den Punkt, die Preise normal. Das Publikum mal so, mal so, aber die fantastischen Fotos sind eben Werke Helmut Newtons. Und der Mann ist tot, seine Kunst unbezahlbar. Also ist das eigentlich ein Geschenk. Und der Laden hat so eine schwer zu beschreibende Coolness, etwas Großstädtisches, Anonymes – das könnte man in Oldenburg gar nicht replizieren. Einfach, weil jeder jeden kennt.
Green Door Berlin
Green Door Berlin
Green Door Berlin
Noch in der Wanne liegend denke ich mir am nächsten Morgen, dass wir den Tag nicht nur klassisch mit dem wunderbar opulenten Frühstück im Hotel beginnen, sondern ihn auch so weiterlaufen lassen. Im „alten Westen“, für teuer Geld an den Wasserlöchern des Berlins Harald Juhnkes, Günter Pfitzmanns, Hildegard Knefs und Evelyn Künnekes. Großartig! Im „Bristol“ zum Beispiel, bekannter als das „Kempinski“ am Ku’damm. Publikum, Interieur – die Zeit scheint stehengeblieben. Aber alles tadellos, rasch, zuvorkommend. Ein Campari-Orange (ein wunderbares „Guten-Morgen-Getränk“, dann der Plan, das „Grosz“ aufzusuchen. Im Haus Cumberland, weitläufig gegenüber. Großstadtfein geht’s dann früh (mein Zug startet um 18.00 Uhr!) ins „Heising“, direkt gegenüber der Gedächtniskirche. Ein französisches Restaurant, das schon optisch große Küche verspricht: holzgetäfelt mit offenem Kamin, Tafelsilber, feiner Tischwäsche. Und dann für sage und schreibe 56 € die volle Packung. Froschschenkel in Champagnersauce, Weinbergschnecken aus dem Burgund, Kalbsfilet in Cognacsauce, Ingwer-Crème-brûlée. An so einem kalten Wintertag – und als Kirsche auf der Sahnehaube der Reise – geht mir nichts über ein Essen im „Heising“.

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