Klaus muss raus…

Klaus in Luxembourg

Luxemburg? Nein. Luxembourg! Genuss-­Experte Klaus von Due unternimmt eine Expedition ins kleine Nachbarland – und entdeckt wahrhaft Großes: die feine Lebensart mit vielfältigsten Gaumenfreuden.

Älter werdend und nicht erst seit Kurzem jenseits meiner Lebensmitte stehend, glaubte ich zunächst, mich verhört zu haben: Klaus soll nach Ludwigsburg? Immer häufiger immer gereizter reagierend, weist mein Herausgeber mich zurecht: „Luxembourg“. Falls ich ihn denn begleiten wolle. Und ob ich will! Luxemburg, das kleine Land im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Belgien, hat viel zu bieten. Die Luxemburger bezeichnen sich selbst als „überraschend anders“, und schriebe ich nicht für Chapeau, so könnte ich Luxemburg als „das Herzogtum mit Flair und Phantasie“ zusammenfassen.

Das „Le Royal“ empfängt uns mit Doormen im Livrée und eisgekühltem Schaumwein.

Überraschend anders – da ist zunächst einmal mein Hotelgeschmack vor. Gewohnter Fünf-Sterne-Luxus darf es schon sein. Preise jenseits der 500 Euro pro Nacht führen meinen Herausgeber zwar an den Rand des Verstummens (leider nur an den Rand), machen uns aber den Aufenthalt sehr komfortabel und auskömmlich. Das „Le Royal“ liegt so am Rande der Luxemburger Innenstadt wie das „Altera“ am Rande der Oldenburgischen. Älter als das heimische Kuschel-Haus, steht das „Le Royal“ für den französischen Baustil des Brutalismus der frühen 1970er Jahre.

Wie reich wurden unsere Städte in dieser Zeit beschenkt! Die heimeligen Banlieue der französischen Großstädte, die jüngeren Universitäten der Republik, das hübsche Ensemble gegenüber des Oldenburger Hauptbahnhofes. Nun: Das „Le Royal“ war immer ein Luxus-Hotel, außen einmal mit Travertin verkleidet, innen immer wieder dem sich ändernden Geschmack der Klientel angepasst. Uns empfängt es mit leidlich großzügiger Vorfahrt, Doormen in Livrée und eisgekühltem Schaumwein an der sehr zurückhaltend-kühl gestalteten Bar. Die Decken im Foyer sind vergoldet, in den Zimmer luxuriös mit Wäsche von Frette bezogen; das angeschlossene Restaurant „La Pomme Cannelle“ sehr teuer, aber seit über 30 Jahren der Rede nicht mehr wert. Erkenntnisse wie diese mit dem Sendungsbewusstsein Moses’ verkündend, kommen wir natürlich nicht wirklich weiter. Also verlassen wir das Haus und gehen schnurstracks zum Palast des Großherzogs. Dort werden wir nicht etwa erwartet, haben aber vor der beeindruckenden Front die Wahl: eine der besten heißen Schokoladen der Welt zu trinken – oder aber im vertrauten Habitat etwas zur inneren Aufrichtung zu erbitten. Ganz väterlich, dazu noch lebensklug, verfügt mein Herausgeber beides:

Süßes für das Kind im „Chocolate House“ (20 Rue du Marche-aux-Herbes), dann um die Ecke in der vielfach preisgekrönten Cocktail-Bar „Octans“ (15 Rue du Cure) einen Old Fashioned und eine leichte Kubanerin für mich. Letzteres ist natürlich eine Zigarre. Das sagt die Werbung: „Mit der Half Corona zeigt H. Upmann, dass auch sehr kurze Zigarren durchaus vollen und voluminösen Rauchgenuss bieten können. Gerade mal 90 Millimeter misst dieses neue Format, bei einem beachtlichen 44er Ringmaß (17,46 mm Durchmesser). Sie bietet somit die Vorzüge einer großvolumigen Zigarre, was Aromenvielfalt und Rauchvolumen betrifft, passt aber auch in eine von Rauchverboten geprägte Zeit, die nicht immer Gelegenheit zum ausgiebigen Genuss bietet. Die Half Corona überzeugt durch…“ Ich werde unterbrochen und scharf zur Ordnung gerufen. „Mach Dir lieber mal Gedanken, wo wir später zu Abend essen. Und rauch’ einfach – sonst sitzen wir um Mitternacht noch hier!“ Alles hat eben zwei Seiten: das Reisen, ganz allein und oftmals einsam, wie auch das „Gemeinsam-etwas-unternehmen“.

Rasch ist ein Tisch bei Léa Linster im nahegelegenen Frisange reserviert, und entspannt beobachten wir den Wachwechsel vor dem Palast. Drei Soldaten, ein Vorgesetzter: Ein Prozent der gesamten Streitkräfte! Vorbei an dem, was reiche Städte heute so bieten, also an GUCCI, Vuitton, Cartier, Hermès etc. schlendern wir Richtung Hotel, um auf eigener Achse zum „Le Restaurant“ zu fahren. Taxifahren ist in Luxembourg extrem teuer; 50 Euro sind buchstäblich nichts. Wenn aber der Respekt vor den religiösen Überzeugungen meines Verlegers eh keinen Alkoholgenuss zulässt? Dann kann er mich doch fahren, oder nicht? Und das tut er auch. Umsichtig und geschickt, das heiße Messer in kalter Butter. Und so sind wir schon mittendrin in der 110.000 Einwohner zählenden Hauptstadt, die den gleichen Namen wie das Land trägt. Die Silhouette der Stadt vor der markanten Brücke Pont Adolphe und vor dem Hintergrund des Kirchbergs ist schlicht beeindruckend: die markanten Türme, die Kathedrale du Notre-Dame, das Musée de la Banque auf der anderen Seite des Petrusse-Tals, die Institutionen der Europäischen Union – atemberaubend.

Überraschend anders:
Der Fünf-Sterne-Luxus macht den Aufenthalt komfortabel und auskömmlich.

Nach den fabelhaften Weinen
steht uns der Sinn nun nach
Champagner-Cocktail.

Entfernungen sind hier nicht groß. Alles liegt dicht beieinander, ohne gedrängt zu wirken. Botschaften aller Länder dieser Welt sind über die Innenstadt verteilt, Vertreter von 150 Nationen leben dauerhaft im kleinen Großherzogtum. Entsprechend multikulturell ist Luxemburg – die Stadt wie das Land. Eigentlich geht es gemütlich zu, allerdings stört ein lärmender Verkehr zu den Stoßzeiten den Eindruck, hier gäbe es keine Hetze. Die hohe Lebensqualität ist allgegenwärtig. Herausgeputzt ist das Straßenbild, gediegen die nicht sonderlich großen Häuser, edel die gewohnten Boutiquen der Cartier- & Vuitton-Fraktion, elegant das Kleidungsbild der Stadt. Was uns beide aber am meisten beeindruckt und fasziniert, ist die Symbiose aus alter Festungsanlage und moderner Architektur. Auch als weit gereister Auslands-Korrespondent des Oldenburger Leitmediums Chapeau habe ich dergleichen noch nie anderswo gesehen.

Im „Le Restaurant“ erwartet uns am sogenannten „Chef-Table“ La Linster selbst: strahlend, herzlich, großzügig. Zwei Gläser Champagner („Machen Sie drei. Madame trinkt mit“), eine kurze Führung durchs Haus, Kunst, die Sammlerherzen höher schlagen lässt und das meine fast zum Stillstand bringt, läuten einen Abend ein, den ich mit einem Wort so umfassend wie zutreffend beschreiben kann: Unvergesslich. Meine Vorurteile gegenüber „Fernsehköchen“ habe ich mir in Hamburg, Berlin, München und nahe Mainz teuer erworben – und verteidige sie entsprechend hartnäckig. Aber hier? Hartgesotten, trinkfest und boshaft, wie ich nun einmal bin, schmelze ich dahin. Während ich zur Geschwätzigkeit neige und meinen Lesern den Abend an dieser Stelle gern ausführlich beschreiben würde, ist mein Herausgeber mit einem Geschäftssinn gesegnet, den ich nur visionär nennen kann: „Den Restauranttest-Text, Klaus, hebst Du für eine andere Ausgabe auf.“ Der Weg zurück zum Hotel ist weniger von Eindrücken der illuminierten Stadtansicht geprägt als vielmehr von Begeisterung über das soeben Erlebte. Mehr darf ich an dieser Stelle nicht schreiben.

Mit dem Lift fahren wir Richtung Mittagstisch.
Kerzenlicht, behagliche Sessel und Sofas sowie eine Speisekarte, die Fleisch, Fleisch, Fleisch und Fleisch aufzählt.

Vis-à-vis an Ecke zum „Le Royal“ erwartet uns ein Schlummer-Schluck im „Interview“ (21 Rue Aldringen). Die American Bar serviert Cocktails – meinen geliebten Prince of Wales ebenso souverän wie einen elaborierten Gin & Tonic-Wunsch meines Herausgebers. Aber auch ein Mauna Ke Kiaha überzeugt: In einer Kokosnussschale von gut 7 Unzen serviert, schmecken hawaiianischer Kaffeelikör, hawaiianischer Rum, etwas Kokosnusssirup und Milch mit Minze und Ananas auf zerstoßenem Eis so sommerlich wie süffig. Nach den fabelhaften Weinen bei Léa Linster, den Cocktails und GTs im „Interview“ steht uns nun im Hotel der Sinn nach einem Drink, der uns wieder zu uns kommen lässt: nach einem Champagner-Cocktail, durch einen Strohhalm getrunken, einem Lebenswecker wie Fernet Branco oder einem anderen Bitter. Der denkwürdige Rat des weltläufigen Bartenders des „Le Royal“ lautet, wenig prosaisch und fast nicht zitierbar: „Einfach weitersaufen.“
Am Morgen lassen wir das formidable und mit knapp 50 Euro sensibel eingepreiste Frühstück aus und ziehen an den Place d’Armes. Dort an der 3 Avenue Montery hat die „Boulangerie Paul“, eine der besten Bäckereien der Welt, eine unprätentiöse Filiale eröffnet. Ein Tresen, an dem Brote feilgeboten werden, verströmt einen köstlichen Duft. Zupackende, nicht gänzlich uncharmante Damen versehen im hinteren Teil des Geschäftes fünf, sechs Tische für Frühstücksgäste. Wir investieren kaum 25 Euro in Kaffee, Eier Benedict und frischgepressten Orangensaft – und sind einfach nur begeistert. Könnte doch jeder Tag so beginnen! Würde doch eine „Chapeau Luxembourg“-Ausgabe Realität und mit mir als Editor at large…

Doch auch als Korrespondent will und kann ich auch gar nicht klagen. Geduldig und voller Vertrauen folgt mir mein Herausgeber zu Fuß in die Unterstadt. Vorbei an Bildern, Formationen, Konstruktionen, die weder er noch ich jemals zuvor gesehen haben. Sehr traditionell, aber nichtsdestoweniger erlebnisreich geht es rund um die Altstadt zu. Geprägt durch das Petrusse-Tal, gliedert sich die Luxemburg in Ober- und Unterstadt. Wollte früher niemand in der damals durchaus schäbigen Unterstadt wohnen, referiere ich meinem Brötchengeber, kann sich die Wohnungen heute kaum noch einer leisten. Kein Wunder, denn die Unterstadt hat sich zum Zentrum der Künstler und Neureichen gemausert. Die längsten Kasematten der Welt, die Petrusse-Kasematten und die Bock-Kasematten auf dem Bockfelsen, wurden 1994 zum UNESCO-Welterbe erklärt und bieten in ihren mystisch anmutenden Katakomben grandiose Ausblicke über die Stadt und das Land. Unterhalb der Kasematten am Ufer der Alzette pflegt die ehemalige Abtei Neumünster – zuletzt bis 1980 als Gefängnis genutzt und heute Kulturtreffpunkt – den einzigen, wenn auch sehr kleinen Weinberg der Stadt. Die erlesenen Weine der Traube Pino Gris sind allerdings nur besonderen Anlässen und Persönlichkeiten der Stadt vorbehalten.

Die Lebensqualität ist allgegenwärtig. Herausgeputzt das Straßenbild, elegant die Boutiquen der Cartier- und Vuitton-Fraktion.

Zahllose Lifte verbinden die Unterstadt mit der Oberstadt. Mit einem davon fahren wir Richtung Mittagstisch. Kerzenlicht, tiefe behagliche Sessel und Sofas sowie eine Speisenkarte, die Fleisch, Fleisch, Fleisch und Fleisch aufzählt, ziehen uns ins „Le Grand Café by RedBeef“ (11 Place d’Armes), wo wir vor blassgrauen Wänden und dem Lächeln der zahllosen Servicekräfte Schaumwein, Tatar und modische Burger genießen. Nach zwei „Roger“, einem Digestif aus Gin mit einer Mischung aus Pfirsich-, Zitronen- und Apfelsaft, bezahlen wir die Rechnung und gehen zum Hotel. Denn: Am Abend beginnen die Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag! Ein guter Freund hat uns Zutritt zu einer privaten Party verschafft. Wir machen uns also am späten Nachmittag nett zurecht, was uns ganz annehmbar gelingt. Gut – anders als der betagte, aber rüstige Gastgeber sehen wir nicht aus wie Charles Aznavour, aber respektabel genug, um dem russischen und dem österreichischen Botschafter vorgestellt zu werden.

Der Nationalfeiertag in Luxemburg wurde ursprünglich eingeführt, um den Geburtstag des jeweiligen Großherzogs zu feiern. Es begann mit der Großherzogin Charlotte, die am 23. Januar geboren wurde. Aber weil das Datum im Winter lag, wurden die Feierlichkeiten einfach auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, den 23. Juni. Dieses Datum wurde von den Nachfolgern beibehalten. Die Feierlichkeiten beginnen am Vorabend des Nationalfeiertages, also am 22. Juni, und erfassen das ganze Land. Wir beziehen eine Terrasse des fünfgeschossigen Anwesens, laben uns an lokalen Spezialitäten wie Würsten, Kartoffelpuffern, luxemburgischem Bier und Wein, sehen den Fackelzug durch die Straßen, Gassen und über die öffentlichen Plätze der Hauptstadt ziehen und werden Zeugen, wie sich später nach dem Feuerwerk von der Adolphe Brücke die Stadt in eine große Open-air Party mit kostenlosen Konzerten, DJ’s und Tanzflächen verwandelt. Das traditionelle Te Deum in der Kathedrale Notre-Dame lassen wir aus, stürzen uns ins Getümmel und stellen fest: Das Oldenburger Stadtfest, eines der beliebtesten Feste des Nordwestens, ist dagegen einfach Kindergeburtstag.

Das Fazit
Was spricht dagegen, diese Reise zu wiederholen? Nichts. Was spricht dagegen, dass Sie, unsere geschätzten Leser, diese Reise unternehmen? Noch viel weniger. Ich darf mich nicht wiederholen, aber Sie können machen, was Sie wollen. Tun Sie’s! In Luxembourg.

1. Hôtel Le Royal
12 Boulevard Royal, 2449 Luxembourg
+352 24 16 16 1
leroyal.com

2. Chocolate House
20 Rue du Marché-aux-Herbes, 1728 Luxembourg
+352 26 26 20 06
chocolate-house-bonn.lu

3. Octans
15 Rue du Cure, 1368 Luxembourg
+352 28 77 47 88
octans.business.site

4. Restaurant Lea Linster
17 Letzebuergerstrooss, 5752 Fréiseng
089 224412
lealinster.lu

5. Café Interview
21 Rue Aldringen, 1118 Luxembourg
+352 26 20 09 12
@Interview

6. Boulangerie Paul
3 Avenue Monterey, 2163 Luxembourg
+352 26 20 05 96
boulangerie-paul.lu

7. Grand Café by RedBeef
11 Place d'Armes, 1136 Luxembourg
+352 26 27 02 92
grandcafe-redbeef.lu

Kategorie: Reisen
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