Leidenschaft für altes Blech

Interview mit Patrick Gehrels

CHAPEAU: Oldtimer, Vintage Cars, sind längst kein Geheimtipp mehr. Gerade in den sogenannten Eliten sind Oldtimer längst anerkannt als Hobby, Sammler- und Investitionsobjekt, Objekt der Leidenschaft. Dich hingegen verbindet mit alten Autos auch etwas Berufliches …

Patrick Gehrels: Mich verbindet damit die Leidenschaft zur und die Begeisterung für die Technik, die manche Modelle schon früher hatten und die einem heute neu vorkommen. Ich begeistere mich dafür, dass man mit allen Sinnen die Technik eines Fahrzeugs erleben und erspüren kann und ganz im Sinne sagen kann: Ich weiß, warum der Wagen so riecht, und daher weiß ich auch, was getan werden muss. Ich komme aus einer Familie, die sehr durch ihre Verbindung zu Autos, speziell alte Autos, geprägt ist. Mein Vater hatte eine eigene Werkstatt, und ich als jüngstes Kind war immer bei ihm; wollte immer mit unter den Autos liegen und an ihnen arbeiten. Mit drei Jahren hat das natürlich noch keinen richtigen Sinn ergeben – das kam erst später. Für mich stand schon früh fest, dass ich Kfz-Mechaniker werden wollte. Ich habe meine Ausbildung glücklicherweise noch ohne den heutigen Schwerpunkt Elektronik machen können. Somit beherrsche ich noch diese alte Technik. Das ist auch ein Grund, warum mich Oldtimer bis heute so verfolgen – sogar bis in den tiefsten Schlaf –, weil das so gut für mich zu verstehen ist.

Ich erinnere mich noch an die 70er Jahre, wenn Kollegen meines Vaters mit einem TR6 oder Ähnlichem gefahren sind. Damals hat man nicht gesagt: „Boah, was ein geiler Typ“, sondern man hat sie fast bemitleidet. Für dich war ein Auto aber nie ein Statussymbol …

Das ist auch heute noch so. Natürlich fahre ich gerne auch ein neues und gut funktionierendes Auto, aber wann immer es geht, wähle ich ein altes. Der Preis und der Wert des Fahrzeugs ist dabei irrelevant; für mich steht der Spaßfaktor an erster Stelle. Das kann ein 54-PS Mercedes Diesel, aber auch ein 300-PS Porsche sein. Beide haben ihre Art und Weise, mich zu begeistern.

Das heißt, als Kunde, der sich für einen Käfer interessiert, bekomme ich von dir die gleiche Behandlung wie jemand, der einen Porsche mit Sonderausstattung sucht?

Durchaus. Wir legen mit Vintage Cars Oldenburg auch Wert darauf, z.B. mit technisch nicht so versierten Kunden die erste Inspektion ihres Wagens gemeinsam zu machen, damit man die Technik seines eigenen Fahrzeugs kennenlernt und zukünftig kleinere Reparaturen selbst vornehmen kann. Uns macht das wahnsinnig viel Spaß. Da wir das nicht als Hauptbeschäftigung machen müssen, können wir uns das aber auch erlauben. Wichtig ist für uns der Kontakt zum Kunden – völlig egal, ob das Auto 5.000 oder 100.000 Euro kostet.

Liegt der Schwerpunkt von Vintage Cars Oldenburg auf der Fachwerkstatt oder auf dem Handel mit den Autos? Oder ist es eine Mischung aus beidem?

Der Handel steht schon klar im Vordergrund. Im technischen Bereich arbeiten wir auch häufig mit befreundeten Werkstätten zusammen. Der Kunde hat dadurch keinen Mehraufwand, auch nicht preislich. Es ist letztlich immer noch Liebhaberei, weswegen wir das machen. Der Schwerpunkt liegt bei mir ganz klar auf europäischen Fahrzeugen, speziell Italiener und deutsche Autos. Weniger amerikanische, jedoch mit den typischen Ausnahmen wie Ford Mustang oder Chevrolet Corvette. Deren Technik äh- nelt sehr stark jener deutscher Fahrzeuge. Grundsätzlich kann man aber sagen: Wir machen nichts an Fahrzeugen, die wir nicht mögen. Wenn man nicht dafür brennt, hat es keinen Sinn. Manchmal gibt es auch Fälle, in denen wir an unsere fachlichen Grenzen kommen. Das kommunizieren wir dann aber auch ganz klar. Dafür haben wir ein sehr großes Netzwerk, auf das wir zurückgreifen, um die nötigen fachlichen Kompetenzen zur Verfügung stellen zu können.

Der hervorragende Ruf des italienischen Sportwagens hat ja lange vor Ferrari, Lamborghini und Maserati bestanden, das galt durchaus für Fiat, Lancia, Alfa. Macht sich das in der mechanischen Arbeit bemerkbar, oder ist das ein Mythos?

Alfa Romeo hat Maßstäbe im Motorenbau gesetzt – es gibt heute noch Fahrzeuge, die noch nicht über diese Technik verfügen, die bei Alfa schon serienmäßig verbaut wurde. Lancia stand schon immer für technische Innovation – ohne Rücksicht auf Kosten, was leider dann auch dazu geführt hat, dass die Marke verschwunden ist. Fiat hatte schon von Haus aus eine sehr einfache, aber sehr robuste Technik. Meine wohlhabenden Onkel und Tanten fuhren immer teure deutsche Autos, gerne Mercedes. Mercedes ist nach wie vor das Brot-und-Butter-Auto für soliden Fahrzeugbau, gar keine Frage, aber dazu zählt auch Porsche. Ich habe einen 50 Jahre alten Porsche, da kann man sehen, wie solide der verbaut ist. Lancia gehört auch zu diesen Marken, die ihrer Zeit weit voraus gewesen sind. Die reichsten Leute der Welt sind früher Lancia Aurelia gefahren. Und das eben nicht ohne Grund

Hast du selbst eine Sammlung, oder hast du Autos, um sie zu restaurieren und an Liebhaber weiterzuverkaufen?

Ich habe ein Fahrzeug, das mein Vater damals schon als ganz junger Mann gefahren ist. Meine Oma sagte immer, wenn der losgefahren ist, flogen die Steine durch die Scheibe. Das Fahrzeug haben wir wiedergefunden, als ich achtzehn war, und es dann zwei Jahre in einem aufwendigen Verfahren komplett restau- riert. Das Auto fährt heute noch. So etwas ist für mich natürlich absolut unverkäuflich. Ansonsten habe ich Fahrzeuge, die ich toll finde und natürlich auch gerne fahre, die aber hier und da auch mal den Besitzer wechseln.

Besteht deine Klientel hauptsächlich aus Sammlern oder aus Leuten, die das Auto auch täglich nutzen, also Fahrauto vs. Vitrinenkarre?

Ganz klar nicht die Vitrine. Grundsätzlich liebe ich jeden Käufer und jeden Interessenten, der sein Auto als Fahrzeug und nicht als Stehzeug betrachtet. Ein Fahrzeug muss bewegt werden. Es gibt bei Oldtimern eine Faustregel: Wenn ich das Auto im Jahr nicht mindestens 4.000-5.000 Kilometer fahre, gibt es Standschäden. Daher sollte man sich das gut überlegen, was für ein Auto man sucht. Der typische Oldtimer-Liebhaber steigt ein und fängt schon an zu grinsen, bevor er den Motor startet, und vergisst seine Umwelt um sich herum. Das macht Spaß, das begeistert.

Gibt es langfristig den Plan, sich beruflich für diese Seite zu entscheiden, oder ist es gut so, wie es ist?

Ich kann das eine mit Leidenschaft betreiben, und bei dem an- deren achte ich darauf, dass es wirtschaftlich funktioniert, wobei ich nicht sagen will, dass Vintage Cars nicht auch wirtschaftlich funktionieren muss. Aber mein Hauptaugenmerk wird wirtschaft- lich klar auf der Betreuung von Gewerbe- und Industriekunden und deren Versicherungen liegen. Nichtsdestotrotz kann ich mir vorstellen, das Projekt Vintage Cars nach Beendigung meiner hauptberuflichen Tätigkeit noch einmal verstärkt anzugehen und zu vergrößern. Aber es muss nicht der große Profit dabei herausspringen. Die Leidenschaft steht im Vordergrund.

Was würdest du Einsteigern empfehlen?

Kommt auf den Einsteiger an. Es gibt Modelle, die im Wert noch unter dem liegen, was sie eigentlich bringen müssten. Dazu zählt z.B. der Lancia Fulvia – die sind von der Technik her nahezu unzerstörbar. Der bewegt sich vom Preis her zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Dafür bekommt man ein absolut bezahlbares klassisches Fahrzeug. Natürlich gibt es hier wie bei jedem älteren Auto Sachen, die man beachten muss: das Kalt- und Warmfahren, die typische Kontrolle beim Öl. Ein 123er Mercedes Coupé wäre ebenfalls zu empfehlen; es kann auch ein alter Engländer sein, wobei diese eher nicht zum jeden Tag fahren taugen. Das sind Schönwetterfahrzeuge, wenn es trocken ist.

Wie sieht es in den höheren Preisklassen aus?

Da muss man unterscheiden zwischen denen, die damit Geld anlegen und aufgrund der Wertsteigerung auch Geld verdienen wollen, und denjenigen, die vor allem möchten, dass sie das Geld, was sie in ein Auto stecken, am Ende nicht verlieren. Alltagstaugliche Fahrzeuge mit großem Fahrspaß und einer bezahlbaren Unterhaltung bietet z.B. Porsche. Normale 911er und 944er, die einen relativ günstigen Einstiegspreis haben. Dieser liegt bei den Modellen zwischen 15.000 und 60.000 Euro. Diese Autos kann man wunderbar fahren und gleichzeitig auch als Anlageobjekt sehen. Die beliebten Sammlerfahrzeuge, die nicht gefahren werden, sondern in Vitrinen stehen, unterliegen heutzutage Spekulationen, analog zu den Zeiten des neuen Marktes, der viele Preise für die vormals teuren Wertobjekte hat zusammenfallen lassen.
Kategorie: Auto
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