Mit dem Auto zur Weinprobe ist Geschmackskastration

Interview mit Hendrik Thoma

CHAPEAU: Die Welt geht rasendenSchrittes auf das Weinfest des Jahres zu – Weihnachten. Gibt es Trends und Tipps jenseits von Winzer-Glühwein und Champagner?

Hendrik Thoma: Man muss ja mit Trends generell ein wenig vorsichtig sein. Trends werden in der Regel von anderen gemacht, denen man dann schnell hinterherläuft. Mein Trend lautet daher: sich auf das zu konzentrieren, was man selbst gerne
mag, und in sich hineinzuhorchen, was einem am Herzen liegt. Es müssen nicht unbedingt teure Weine, Markenweine sein. Man kann heutzutage viele tolle Weine außerhalb der Norm entdecken. Durch das Internet beispielsweise, da findet man
auch alle notwendigen Informationen. Mein Tipp ist daher: Weg von dem Gehypten und hin zu dem, was interessant ist.

Sie sind einer von drei Master-Sommeliers in Deutschland. Was darf man sich darunter vorstellen?

Der Master-Sommelier ist genau genommen eine Prüfung, die in den USA und in England abgenommen wird. Die Prüfung gibt es seit 1969, und von den Zigtausenden, die diese absolviert haben, haben rund 250 bestanden. Der Master-Sommelier ist die internationalste und damit sicherlich die wertvollste Prüfung, gerade weil sie nicht viele Leute bestehen. Das Level ist natürlich ein anderes. Kleiner Tipp zu Weihnachten: Auf Netflix gibt es den Film „Somm“; da ist ganz anschaulich zu sehen, wie die Vorbereitungen dafür sind. Sommeliers gibt es heute viele, weil es dafür keinen richtigen Schutzbegriff gibt. Eigentlich ist der Name Sommelier sehr stark verwandt mit einem Kellner mit besonderen Weinkenntnissen, der im Restaurant Menschen bedient und Weine fachgerecht serviert.

Jemand wie Sie steht nicht mehr im Restaurant. Warum nicht? Wo stehen Sie stattdessen?

Ich habe 20 Jahre als Sommelier gearbeitet. Ich würde das unter Umständen immer noch tun, aber dann kommt man an die magische Grenze der 40 (als Mann und als Frau), und da kommen noch mal neue Ideen. Ich hatte noch einige Dinge vor, die ich gerne umsetzen wollte. Heute bin ich Betreiber einer Video-Blog-Plattform und gleichzeitig eines Weinhandels – ich bin ganz happy damit, weil ich viele jüngere Sommeliers inspirieren kann und Lieferant für etliche Restaurants bin. Ich bin also nach wie vor Sommelier, aber mein Betätigungsfeld hat sich gewandelt, ebenso wie meine Kundschaft eine andere ist. Ich werde immer noch für Veranstaltungen gebucht und bin in den sozialen Netzwerken aktiv, weil ich finde, dass das ein guter Weg ist, um das Thema Wein liberaler, lockerer, zeitnaher und direkter zu kommunizieren.

Braucht Wein die Erklärung durch Menschen wie Sie? Oder anders gefragt: Braucht der Mensch das betreute Trinken?

Ich glaube, dass viele Menschen dankbar dafür sind, wenn ihnen etwas gezeigt wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie damit einverstanden sind, was ich ihnen präsentiere. Der entscheidende Punkt ist, dass viele sich bevormundet fühlen, wenn ein Sommelier ihnen etwas empfiehlt. Aber eigentlich sind das mehr oder weniger Tipps von einem Ratgeber. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Geschmacksprofil und unterschiedliche Anforderungen daran. Ein Sommelier sollte neben seinem Fachwissen auch ein Gespür dafür haben, was sein Gegenüber kann und will. Und hier kommt das betreute Trinken dann zum Tragen. Es ist immer schwierig, über Wein zu sprechen – „Ist ja schön, was es zu riechen oder zu schmecken gibt. Das rieche oder schmecke ich nicht“, „Was kostet das denn? Das möchte ich gar nicht bezahlen“ – dafür braucht man ein breites Kreuz. Aber am Ende läuft es darauf hinaus: Ich kann Weine ganz gut auseinanderhalten.
Und das ist mein Job. Das ist meine Profession. Ein guter Sommelier hat ein Gespür dafür, was seine Gäste glücklich macht. Und darum geht es: Menschen glücklich zu machen.

Wein im Discounter zu kaufen, ist ein weiterer Schritt zur Anonymisierung der Lebenskultur.

Heißt das, dass jemand mit Ihren Kenntnissen, Fähigkeiten und Wissen auch richtigen Wein machen kann?

Ich habe auf zwei Weingütern gearbeitet – ich glaube, ich selbst wäre ein schlechter Weinmacher. Das ist ein Handwerk, vor dem ich viel Respekt habe. Heutzutage kann ja jeder alles werden, aber die Feinheiten, die Details, auf die kommt es letztendlich an. Das ist es dann, was die Spreu vom Weizen trennt. Oder: groß, größer – genial. Wenn ich ein Weinmacher werden wollte, würde ich gerne ein genialer werden, und dafür fehlt mir das Know-how und der Werdegang.

Der Master-Sommelier ist aberwitzig teuer. Hatten Sie Sponsoren? Sind Sie ein fleischgewordenes Start-up?

(Lacht.) Das stimmt, je häufiger man die Prüfung machen muss, ist das sehr viel Geld, was in die Hand genommen wird. Das ist nicht nur ein großer finanzieller, sondern auch ein zeitlicher Aufwand, aber für mich hat sich das schon längst bezahlt
gemacht. Ich habe das während meiner Berufszeit gemacht, habe immer einen Teil angespart und dann den nächsten Schritt gemacht. Zum fleischgewordenen Start-up: Ich glaube, dass wir uns mit „Wein am Limit“ ganz klar von dem klassischen Weinhandel unterscheiden, weil wir eine andere Ansprache wählen. Ich will damit nicht sagen, dass man alles demokratisieren muss, um jedem alles nahezubringen, das ist gar nicht unsere Art. Unser Sortiment ist aber wesentlich internationaler als von vielen, die nur Weine einkaufen und diese durchhandeln. Wir sehen uns als Händler – aber als Händler mit Passion. Das ist im Weingeschäft eher die Seltenheit. Wir sind nicht die Einzigen, gehören aber mit Sicherheit zu den Ausnahmen. Viele Weine, mit denen wir handeln, sind an so wichtigen Plätzen wie New York oder London eher Zuteilungsweine. Der deutsche Markt ist, was unsere Weine angeht, teilweise noch gar nicht so weit. Kommt aber.

Die deutschen Weine sind aber doch schon alle gut platziert.

Ich finde, dass Deutschland sich enorm gemacht hat. Mein Kritikpunkt am deutschen Wein wäre: Es gibt sehr viele Marketingkonzepte. Und viele deutsche Weine schmecken mir zu gleich. Es gibt zu wenig Varianz. Das hat aber einen Grund: das Erfolgskonzept, das sich bei Kunden etabliert hat. Viele springen auf diesen Trend auf, feiern sich und finden sich gut – bis es weitergeht. Ich denke, dass der deutsche Wein an dieser Stelle die Aufgabe hat, sich weiter zu erfinden. Da kann man mal einen Blick zu unseren österreichischen Nachbarn werfen oder auch nach Frankreich, wo auf einmal ganz viele neue Ansätze kommen, z.B. die klassische Unterscheidung zwischen den Industrieweinen à la Freixenet, Schwarze Katz oder wie sie alle heißen, oder auch edlere Labelweine, und auf der anderen Seite die Handwerksgeschichten, wo die Individualität, der Mensch ein wichtiger Teil ist, wo Vertriebsstrukturen eher auf einer persönlichen Basis fundieren. Wir bei „Wein am Limit“ nutzen die modernen Bedingungen z.B. über Facebook, YouTube, um die Kunden zu erreichen – aber die Aussage, die wir bei unseren Weinen treffen, ist super oldschool. Wir wollen unsere Kunden kennen, auch mit ihnen sprechen, die Kommunikation muss stimmen. Nur dadurch kann man als kleiner Händler am Markt überleben.

Parker ist im Ruhestand – versetzt Sie das in einen Unruhezustand? Dürfen wir bald mit Thoma-Punkten rechnen?

(Lacht.) Dazu muss man sagen, dass ein deutscher Autor international niemals dieselbe Anerkennung erhalten wird wie ein angelsächsischer. Das hat etwas mit der Sprache zu tun, mit dem Verbreitungsgrad und vielleicht auch mit der Weinkultur in Deutschland, die eine sehr traditionelle ist. Parker ist seiner Zeit schon voraus gewesen. Er kam ja eigentlich aus der Produktbewertung mit Anlagen aus dem angelsächsischen Schulsystem und hat dies auf den Wein übertragen. Ich lese Parker weiterhin gerne, der später durch ein ganzes Team von Autoren ersetzt wurde. Die sind auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet besser als er und schreiben auch besser. Viele in Deutschland können nach wie vor nicht viel mit ihm anfangen, weil sie sich schnell gegängelt fühlen. Ich finde, es ist ein guter Ratgeber und würde weiterhin empfehlen, Parker zu lesen. Thoma-Punkte gibt es wenn überhaupt nur im Kontext meiner kleinen Sendung. Der Wein und dessen Größe hängt bei uns mehr davon ab, mit wem man ihn trinkt.

Wenn ich ein Weinmacher werden wollte, würde ich gerne ein genialer werden, und dafür fehlt mir das Know-how und der Werdegang.

Thema Auto: Welches Auto fahren Sie? Oder schließen sich professioneller Weingenuss und Führerschein aus?

Das ist schon ein Thema. Alkohol kann ja ganz unangenehmeEffekte haben. In Hamburg fahre ich viel Taxi, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad (wobei man auch hierbei aufpassen muss). Das größte No-Go für den Besucher einer Weinprobe ist mit dem Auto zu kommen. Doch das erlebe ich immer wieder. Und dann dürfen sie bei der Weinprobe nicht so viel trinken. Das ist Geschmackskastration. Man trifft sich zu solchen Anlässen ja, um zu entspannen, ein wenig die Zeit zu vergessen.

Wo kann Deutschland in punkto Wein noch zulegen, und woher weiß der normale Konsument, was gut ist?

Ich glaube, dass viele Leute gar nicht wissen, was Qualität ist, wie sie sich definiert. Bei Lebensmitteln trauen sie sich das eher zu. Bei Wein wird es aber schon schwierig, weil das Thema so stark durchzogen ist von Marketing. Das finde ich schade, dass man sich hier lieber auf etwas verlässt, was andere Leute einem sagen. Deswegen ist es wichtig, dass die Leute in Deutschland sich mehr damit beschäftigen – wie es andere Länder auch tun. Wir lachen gerne über die USA oder über Frankreich, aber die sind kulinarisch viel weiter, weil man dort weiß, dass jede Qualität auch einen gewissen Preis hat. Die Frage ist: Will und kann man das bezahlen? Eine weitere wichtige Frage: Muss es immer teuer sein? Man muss sich vor allem eines nehmen: Zeit. Kochen z.B. erfordert Zeit, aber man kann sich dadurch auch vernünftiger ernähren. Und das muss nicht zwangsläufig viel kosten. Generell kann man in den Supermärkten (bis auf Ausnahmen wie z.B. Edeka) nur Standardware erwarten. Und es mag für viele Menschen in Ordnung sein, ihren Wein im Discounter zu kaufen. Aber ich gehe dafür zum Fachhandel. Der ist nicht immer unbedingt teurer. Einen guten Wein für 7-10 Euro bekommt man auch dort, und das ist dann doch ein anderes Produkt – und auch sexier. Da kann man ausprobieren, sich beraten lassen, mit anderen ins Gespräch kommen. Das findet im Discounter ja gar nicht statt. Ein weiterer Schritt zur Anonymisierung der Lebenskultur. Womit wir wieder bei Weihnachten wären – das ist ein Konsumfest. Aber seinen Konsum sollte man vernünftig lenken.

Kategorie: Genuss
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