„Nichts ist schlimmer als ein angepasstes No-Image“

Interview mit Ralf Richter

Lars Görg: Für mich ist „Das Boot“ ein Meilenstein des deutschen Films. Und für dich persönlich?

Ralf Richter: „Das Boot“ war mein erster großer Film, in dem alles sehr hochprofessionell ablief und bei dem der Regisseur alles mitgemacht hat. Wolfgang Petersen hat hinter der Kamera geschwitzt und geweint – und wir davor. Er hat mir etwas beigebracht, das ich immer berücksichtigt habe: dass man auf den 70 Quadratmetern Kinoleinwand jede Pore sieht. Aus diesem Grund lass ich mich nie schminken, weil man es in der Nahaufnahme sieht. „Das Boot“ war sehr erfolgreich, und ich habe dabei viel gelernt.

Hast du Petersen um seinen Hollywood- Erfolg beneidet oder eher bewundert?

Ich habe es ihm ehrlich gegönnt. Auch den anderen wie Prochnow, Wennemann oder Grönemeyer, die danach eine ganze Menge Angebote bekommen haben – allerdings häufig die Nazi-Rollen. Grönemeyer war intelligent genug, um seine Musik nach vorne zu bringen. Und das hat er richtig gut gemacht, finde ich. Doch so richtig durchgestartet ist in Amerika keiner. Oft durften die Deutschen nur die Sachen drehen, die die Ami-Stars abgelehnt haben. Na ja, und dann sind eben viele amerikanische Produktionen in Deutschland gar nicht gelaufen ... So war’s bei Jürgen Prochnow zum Beispiel.

Bestehen noch Kontakte zu den Kollegen von damals, also zu Petersen, Grönemeyer etwa?

Nein, viel Kontakt habe ich nicht mehr. Wolfgang Petersen ist ja inzwischen auch „unser Mann in Hollywood“ ... Aber vor ein paar Tagen habe ich Claude (Claude-Oliver Rudolph, Anm. d. Red.) getroffen, mit dem ich einen Film machen will, der im Ruhrgebiet spielt. Da hat er eine sehr interessante Rolle. Ansonsten habe ich hin und wieder Kontakt mit Martin Semmelrogge. Da der in Spanien wohnt, trifft man sich leider nicht so häufig.

Du bist irgendwann in die Gastronomie-Szene eingestiegen. War das Investition oder Leidenschaft?

Ein Bekannter von mir, der zwei Restaurants in Köln hat, hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm ein Restaurant aufzumachen. Ich dachte mir dann so: Klar, warum nicht? Ich muss da ja wahrscheinlich nicht viel machen. Aber dann nicht in Köln, sondern in Bochum. Am Ende ist nichts daraus geworden. Jetzt sind wir wiederum an so einer neuen Sache dran. Wir wollen Grabowski-Pommesbuden aufmachen, und zwar in ein paar Städten im Ruhrgebiet. Schön im „Bang Boom Bang“-Style. Das sieht ganz lustig aus, und das wird auch funktionieren.

Das Ruhrgebiet ist ein großes Dorf. Wie sonst hat es dich nach Witten zu CultCars verschlagen?

Das ganze Ruhrgebiet ist ein Dorf, das stimmt. So war das auch früher schon. Meine Familie war mit acht Kindern in Bochum bekannt wie bunte Hunde. Hier kennt mehr oder weniger jeder jeden. Der Besitzer von CultCars und ich haben uns in irgend so einem Puff kennengelernt – oder bei der Jagd, das weiß ich nicht mehr so genau. Wir haben festgestellt, dass wir in der gleichen Welt leben, und haben uns dann einfach verabredet. Der hat hier einfach das, was ich an Autos liebe: die Youngtimer, die noch nach etwas riechen und nicht mit irgendwelchen Computerprogrammen einzustellen sind. Und ich habe die Erlaubnis, mir durchaus mal das eine oder andere Fahrzeug auszugucken, um damit ein bisschen rumzufahren. Im Moment interessiert mich der blaue da unten (zeigt auf den Wagen), weil er so eine geile Farbe hat. Dieses Blau war auch bei meinen Spielzeugautos schon meine Lieblingsfarbe.

Bist du „autoverrückt“, sammelst du Autos?

Verrückt nicht, jedenfalls nicht so wie früher, aber ich mag Autos gerne. Ich würde jetzt nicht mit einem Auto wohnen wollen, wie so ein Porsche-Händler, den ich kenne. Der hat die Garage an seinem Haus ausgeräumt und die Zwischenwand weggehauen, nur damit er eine größere Küche hat, in der ein Porsche steht, den man sehen kann. Ich sammle auch keine Autos. Eigentlich brauche ich auch keins. Ich wohne in der Kölner Innenstadt. Wenn man da auf Parkplatzsuche geht ... Außerdem erreiche ich zu Fuß alles in fünf Minuten.

Und du magst Opel nicht, heißt es …

Opel hatte früher mal sehr, sehr schöne Autos. Der Diplomat, der Rekord oder die alten Kadetts. Später wurden das dann echte Plastikschleudern. Opel – als es die noch in Bochum gab – hat mich mal wegen eines Deals angesprochen, weil ich ja auch aus Bochum komme. Ist dumm gelaufen. Na, das Ende vom Opel-Lied kennt man ja. Für meine Stadt war das echt übel, die hat dadurch ne viel höhere Arbeitslosenquote. Fast jeder Dritte oder Vierte fuhr früher Opel ...

Wenigstens im Film stand der Opel für Proll. Bis dein 560 SC neue Maßstäbe setzte. Ist dieses Prollige echt oder Attitüde?

Nö, das ist schon echt. Ich weiß inzwischen, wie man sich eine Krawatte bindet, und dass man Messer und Gabel benutzen kann, auch wenn es überflüssig wäre wie beim Hähnchen. Ich weiß mich durchaus zu benehmen, trotzdem bin ich halt auf der Straße aufgewachsen. Mein Vater war Architekt. Ich war aber immer extra mit den Leuten zusammen, von denen mein Vater nicht wollte, dass ich mich mit ihnen rumtreibe. Und siehe da, ich hab mich sehr wohl dabei gefühlt, weil das Spaß gemacht hat und abenteuerlich war. So bin ich dann halt auf der Straße aufgewachsen und neige dazu, mich eher mit Charakteren von der Straße abzugeben.

Wie sieht es mit deinem Fahrstil aus?

Die meisten Deutschen behaupten ja von sich, sie wären sehr gute Autofahrer. Ich hab in den ersten Jahren ein paar Unfälle gebaut, danach nie wieder. Mein Motto ist „Wer mich überholt, ist ein Arschloch, und wer sich von mir überholen lässt, ist bekloppt“.

Echte Freunde – hast du die im Beruf oder in der Schauspielerei gefunden?

Freunde? In so einer schnelllebigen Branche wirst du kaum Freunde finden. Man trifft sich nur ganz kurz, und dann gibt es tierische Eifersüchteleien. Keiner gönnt dem anderen den Erfolg. Diejenigen, die meine Freunde sind, wie zum Beispiel Claude, kannte ich vorher schon. Es sind wirklich wenige, von denen ich sagen würde, sie sind Freunde. Martin Semmelrogge, mit dem bin ich befreundet. Mit dem Regisseur Peter Thorwarth auch, weil wir sehr viel zusammen gemacht haben und uns inzwischen gut kennen.

Stichwort Peter Zadek. Vermisst du das Theater?

Mit Peter Zadek war ich mal im Hamburger Schauspielhaus, das war so eine ziemlich große Rock-Review ... Das war schon fett, 1.500 Leute waren da, der Laden war brechend voll. Die Leute sind auch richtig mitgegangen, und dann 52-mal hintereinander. Natürlich gibt es Sachen, die viel länger, viel häufiger laufen, aber das war schon viel. Da hast du auch irgendwann mal die Schnauze voll. Auf der Bühne zu stehen, macht Spaß, aber jedes Mal zu wissen: morgen wieder und dann wieder und wieder; das wird irgendwann anstrengend.

Wo siehst du deutsche Filme generell in Zukunft, in 5 oder 10 Jahren? Wohin geht die Entwicklung?

Früher, als ich noch Darsteller war, gab es um die 100 deutsche Serien, die parallel produziert wurden.
Heute sind es noch etwa 30, und davon sind über die Hälfte nicht zu gebrauchen, Serien wie „Berlin - Tag & Nacht" oder Daily Soaps, die ja eigentlich auch nicht so richtig für Darsteller sind. Aber da geht die Tendenz hin: möglichst wenig Geld ausgeben. Und dann gibt es eben nur noch drei Leute, die Mainstream-Kino machen und eine Förderung kriegen, weil sie angepasst genug sind. Das sind Til Schweiger, Bully Herbig und Matthias Schweighöfer. Schweighöfer macht quasi Til Schweiger-Filme ohne Til Schweiger. Die machen alle das Gleiche, man weiß vorher genau, was passiert. Diese Filme gefallen ihrem Publikum, zum Beispiel jungen Mädchen. Meine Tochter war auch mal in dem Alter, in dem man gerne kreischt – das gehört zur Entwicklung dazu, klar.

Aber ich würde jetzt nicht meine Filmkarriere darauf aufbauen wollen, das fände ich ein bisschen armselig. In Deutschland ist es so, dass die Schauspielerei überhaupt kein geschützter Beruf ist. Das heißt, jeder der Zwerge, der mal bei „GZSZ“ oder „Berlin - Tag & Nacht" mitgemacht hat, kann sich Schauspieler nennen. Zum Beispiel wurden die Kommissare bei K11 mit echten Bullen besetzt. Mit schweinedoofen auch noch. Der mit der Glatze bezeichnet sich selbst als Schauspieler, denn wenn du einmal irgendwo mitgespielt hast, darfst du dich Schauspieler nennen. Und laut Gesetz darfst du dann sogar eine Schauspielschule aufmachen!

Das ist so, als würde ich jetzt ein Brot backen und dadurch automatisch ein Bäcker sein.

Ja! Es gibt nur einen Unterschied: Du darfst dann nicht einfach so eine Bäckerei aufmachen und ein Bäckermeister-Zertifikat hinhängen. Da bekommst du sofort Ärger, das Ding wird zugemacht, und du musst noch eine Strafe zahlen. Aber die Darstellerei ist nicht geschützt.

Es heißt ja auch heute, jeder kann alles. Bei "Big Brother“ mitmachen zum Beispiel. Und das endet dann mit dem Dschungelcamp. Bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ hat sich ziemlich schnell gezeigt, dass man richtige Stars nicht dafür kriegen wird. Denn nach der Teilnahme geht nichts mehr, über dich wird nur hergezogen, dein Ruf ist ruiniert. Sie machen dich fertig. Also holen sie sich andere Leute wie die Ex-Frau von irgendeinem Ex-Darsteller, der heute nur noch im Boulevard Theater seinen Namen verbrät, den heute also niemand mehr kennt. Und seine Ex- Frau ist jetzt plötzlich ein „Star“, obwohl kein Mensch weiß, wer das ist.
Ich lache darüber, weil das einfach peinlich ist, aber so werden Promis produziert, die dann eben einfach nur Promis sind und nichts anderes. Haben die sich einmal einen No-Name-Promistatus erarbeitet, kriegst du sie nicht mehr weg aus der Glotze. In diese Richtung wird auch das Kino gehen.
Mir haben sie zum Beispiel eine Rolle für eine Kinderkomödie angeboten. Da spielen zwei Internetstars, die Lochi-Brüder, die Hauptrollen. Dabei ist das Internet ein ganz anderes Medium als das Kino. Im Internet musst du vor allem authentisch sein – je authentischer du bist, desto mehr Likes kriegst du. Dafür kannst du auch einfach in die Kamera furzen oder Grimassen schneiden. Als Darsteller musst du aber authentisch das verkörpern, was im Drehbuch steht. Du musst dich also irgendwo reindenken.
In einer Serie fürs Internet, die auch mit drei solchen Videostars gedreht wird, die zusammen 1,3 Millionen Follower haben, habe ich als Gast kurz mitgemacht. Neben den drei Leuten wird das Ganze dann aufgepeppt mit Stars aus Filmen und Musik – die stecken da richtig Geld rein.
So sieht es inzwischen auch im Kino aus, es werden Filme mit Internetstars gemacht. Deshalb glaube ich schon, dass wir mit unserer Produktion ein bisschen was anderes machen. Da geht es wirklich um die Typen – und da bin ich auch schon mal von ein paar verschiedenen Seiten gewarnt worden, dass die Leute, die wir da besetzen, nicht gerade das beste Image hätten. Aber darauf kommt es gar nicht an. Die müssen einfach das, was im Drehbuch steht, genau so machen. Das ist eben etwas, wo es um Menschen geht, ohne großartige Tricks, ohne Eyecatcher wie in Actionfilmen.
Selbst wenn im Film eine Bude abbrennt, will ich das echt machen und nicht digital. Man sieht Autos, man sieht Typen mit Vokuhila, die im Puff an der Theke in Würde ergraut sind – irgendwie ein bisschen oldschool.

Geht in den neuen Kino- und TV-Produktionen also irgendwie die Seele verloren, eine gewisse Charakteristik?

Es geht letztendlich alles Mögliche verloren dabei. Es ist nicht mehr so interessant und zu einfach gestrickt. Jeder andere Film ist immer irgendwie ein Einzelkämpfer, so wie letztendlich „Bang Boom Bang“ einer war. Und obwohl es ein Kultfilm geworden ist, hat er offiziell nie sein Geld eingespielt.

Der läuft ja eigentlich immer noch in Bochum, seit 1999. Ist doch irgendwie auch ein Rekord.

Nee, es gab davor schon andere Filme, zum Beispiel läuft „The Rocky Horror Picture Show“ schon lange im Museum Lichtspiele in München. Und irgendwo läuft auch „Blues Brothers“ in Endlosschleife, und die sind ja nun älter als „Bang Boom Bang“.

Deine Meinung über die Öffentlich-Rechtlichen und die GEZ-Gebühren.

Ich glaube nicht, dass man jetzt einfach so darauf verzichten könnte – deswegen habe ich nichts dagegen, außerdem bringt es dich ja auch nicht um. Zu den Öffentlich-Rechtlichen ein Beispiel: Ich wohne ja in Köln, da haben wir tatsächlich jeden Tag viel gedreht. Wenn man für die Produktionen nach Drehorten fragt, in Firmen, Häusern oder Wohnungen, kommt immer als Erstes die Frage, für welchen Sender es sei. Und wenn es dann heißt RTL, dann wollen sie schon vor einer Stunde nicht zu Hause gewesen sein. Beim WDR macht man dir aber gerne auf, einfach weil man weiß, dass du deinen Dreck wegmachst, dass du nichts kaputtmachst und so weiter. Das Ganze ist seriös. Das wünschen wir uns für Kinoproduktionen. Da hat man ja auch immer eine Fernsehbeteiligung, das heißt, dass der Sender, der den Film als Erstes im Fernsehen ausstrahlen will, einen Teil zu den Produktionskosten dazugibt. Da wünschen wir uns diesen seriösen Anstrich vom WDR, allein deshalb, weil ich vielleicht nicht das allerseriöseste Image habe. Ich lebe gut damit, und es freut mich auch, denn nichts ist schlimmer als so ein angepasstes No-Image – aber es ist ganz gut, dass unser Produktionsleiter deutlich anders aussieht. Und wenn man dann noch so einen WDR mit drin hätte, wäre das schon eine coole Nummer.

Deine eigene Produktion ist schon spruchreif. Wovon wird sie handeln?

Wir hatten ein Buch, das sehr lange gedauert hat zu schreiben. Ich kann nicht weiterempfehlen, zu dritt ein Buch zu schreiben. Zu zweit ist das okay, aber zu dritt ist es problematisch, sich zu einigen. Dann dauert es nicht doppelt, sondern achtmal so lange. Wir haben also endlos dafür gebraucht, und jetzt musste noch ein ganzes Stück gekürzt werden. Ich möchte gerne, dass wir im Winter drehen können. Da es im Ruhrgebiet spielt, sind die Farben zu der Zeit am deutlichsten zu sehen. Ruhrgebiet steht ja mehr so für Braun, Grau. Ansonsten drehen wir das meiste drinnen. Es wäre echt schön, wenn wir das jetzt im Winter machen könnten. Viele, viele Menschen warten schon darauf.

Es geht ja bald auf Weihnachten zu – was bedeuten dir die Festtage?

Weihnachten bedeutet für mich, immer möglichst viel von meiner Familie zu haben. Wir sind ja eine große Familie – ich habe sieben Geschwister –, und mit den Partnern und Kindern kommen da sehr viele Leute zusammen. Das ist immer schön. Es klappt nicht immer, dass sich alle treffen können, aber wir versuchen es jedes Jahr.

Gibt es da keinen Geschenkestress?

Nein, gar nicht. Im Alter schenkt man sich ja höchstens selbst etwas oder aber den Kindern. Für die ist das natürlich wichtig und auch schön, daher machen wir es vor allem den Kindern zuliebe. Mir persönlich ist das nicht so wichtig. Hauptsache, möglichst viele von der Familie sind da, und wir können die Feiertage gemeinsam verbringen. Wir haben auch keine eingespielten Weihnachtsrituale – es ändert sich immer etwas in einer so großen Familie.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Kategorie: Menschen
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