Save the earth – aber richtig!

TEXT: Christoph Heinemann

Samstag, 20 Uhr. Ein netter Abend mit Freunden im Steakhouse. Neben uns am Tisch ein vollbärtiger, Nerdbrille-tragender Hipster, durchgestylt mit hochgekrempelter Skinny Jeans, Hemd, Hosenträgern und Fliege. Er diskutiert doch tatsächlich mit dem Wirt darüber, warum es nicht mehr vegane Gerichte auf der Karte gibt. Trends gehen nicht nur durch die Modewelt, sondern mittlerweile auch durch die Ernährung. Ernährung wird zum Statement.

Wer kennt sie nicht? Bei jedem Grillabend steht ein Veganer am Grill, der sein Tofu und Grillkäse mit drauflegen möchte – und vor allem darüber reden muss, warum er dies tut. Es scheint ansteckend zu sein wie eine Epidemie. Sein Missionierungseifer erinnert an die Zeugen Jehovas. Veganismus als Ersatzreligion. Die überzeugte Ideologie, den einzig richtigen Weg gefunden zu haben. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Grundgedanke, sich mit der Nahrungsaufnahme zu beschäftigen und weniger verarbeitete Produkte zu konsumieren, gefällt mir. Natürlich bin ich gegen Massentierhaltung (wobei ich bei Bienen eine Ausnahme mache), und ich kann es auch nachvollziehen, wenn man aus ethischen Gründen keine Tiere essen möchte, aber wir können doch nicht in dreihundert Jahren vergessen haben, was die Aufklärung uns gelehrt hat – den Verstand zu benutzen. Wir sind nicht mehr dazu verpflichtet, das nachzuplappern, was andere uns vorsagen oder vorleben.
Bei vielen Veganern habe ich das Gefühl, dass sie zu viele Märchen gelesen haben und dadurch in eine Traumwelt abgedriftet sind.
Fakt ist, ernährungsphysiologisch gehört Fleisch zu einer gesunden Ernährung. Jeder Arzt und gutstudierter Ökotrophologe wird Ihnen davon dringend abraten, sich während der Schwangerschaft oder nach der Geburt Ihr Kind vegan zu ernähren. Aber für uns ist es dann gesünder? Selbst medial präsente Vegan-Gurus leugnen nicht, dass eine vegane Mangelernährung durch Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden muss, und machen gleich für die passenden Produkte Werbung.
Und da kommen wir zum eigentlichen Punkt: Der Gewinner vom Veganismus ist weniger der Mensch oder die Umwelt, sondern vor allem die Industrie, die für Fleischersatz, Nahrungsergänzungsmittel und Fertigprodukte einen neuen riesigen Absatzmarkt hat. Es ist ihr herzlich egal, ob sie Fleisch aus Massentierhaltung oder Tofu verkauft, solange der Umsatz stimmt. So sind es gerade die großen Unternehmen, die nun beides produzieren, um den ganzen Markt abzudecken.

Sich bewusst zu ernähren, ist gar nicht so kompliziert, solange Sie nicht nur schwarzweiß denken. Die Menge macht das Gift. Und es schadet nicht, sich nicht gleich auf eine Ernährungsform einzuschießen, sondern neben dem Fleischkonsum auch Produkte wie Soja oder entzündungsfördernde Inhaltsstoffe wie Gluten zu hinterfragen und notfalls mal ein Wasser statt einer Cola zu trinken, damit das Gehirn durchgespült wird und, statt mit Zucker zu verkleben, Platz zum Denken bekommt. Darauf ein frisches Steak, von Rindern aus Weidehaltung.

Kategorie: Genuss
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