„Talent hat man – oder eben nicht!“

Interview mit Emily Fröhling

Sängerin wollte Emily Fröhling immer schon werden. Bereits als Kind stand die Oldenburgerin auf der Bühne. Heute, als junge Frau, blickt sie durchaus kritisch auf die Musikbranche.

CHAPEAU ― Emily, du standst als Sängerin schon mit Roger Cicero auf der Bühne, dein Vater führt eine Musikschule und hat einst mit Ede Schicke und Gerd Führs Musik gemacht …

Emily Fröhling ― Genau: die Band „Schicke Führs Fröhling“. Ede Schicke kenne ich richtig gut, er ist ein Freund der Familie.

Und? Schon zusammen musiziert?

Nein, nein. Das ist schon das Ding meiner Eltern. Ich komme zwar aus einer Musikerfamilie, aber manches bleibt einfach getrennt.

Bist du mit musikalischer Früherziehung groß geworden? Oder hast du dir die Musik eher spielerisch erarbeitet?

Eher spielerisch. Meine Eltern haben nie gesagt, ich soll zur Musikschule gehen. Sie haben mir zu jeder Zeit musikalisch Freiraum gelassen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Hinzukommt, dass ich durch die Band meiner Eltern früh in engen Kontakt mit vielen großartigen Musikern gekommen bin: David Bowie, die Beatles, Janis Joplin. Deren Musik lief zur Inspiration. Anfangs habe ich versucht, sie zu imitieren, zum Teil stundenlang. Mein großes Vorbild war und ist Janis Joplin. Schon als Neunjährige faszinierte sie mich, ihre Art zu singen, ihre ganze Persönlichkeit.

Parallel dazu dann eine klassische Musikausbildung mit Notenlesen und -schreiben?

Das kam im Laufe der Zeit, ohne Druck, vielleicht auch ohne Plan. Aus heutiger Sicht aber mit Erfolg. Und immer spielerisch. Ich hatte jahrelang nicht mal Ge- sangsunterricht. Der kam erst in meinem späteren Studium dazu. Ich war auf einer Hochschule in Hamburg und studierte Komposition und Gesang. Dazu gehört natürlich auch Musiktheorie.

Mit welcher Stimme singst du eigentlich? Jetzt im Gespräch hat sie einen sehr hellen Klang …

... ich singe aber oft sehr rotzig, quasi wie Janis Joplin. Interessant ist für mich, mit diesem Gegensatz zu spielen. Gerade leise Töne gefallen mir sehr in meiner mädchenhaften, femininen Stimmlage. Aber ich bin auch gern die Rampensau und liebe es zu schreien. Manchmal denke ich an meine arme Familie, wenn ich früher sechs Stunden lang herumgeröhrt habe. Wie gesagt: Janis Joplin ...

Und welches Instrument wurde deins?

Das Klavier. Ich habe zwar nicht so die Hände dafür, spiele es aber heute noch gerne und begleite mich. Inzwischen unterrichte ich auch, wohne in Hamburg, arbeite drei Tage die Woche als Lehrerin für musikalische Früherziehung und Ge- sang. Ich gebe Workshops, auch für Firmen. Dafür ist es ganz gut, Klavier spielen zu können.

Du stehst seit Jahren auf der Bühne. Musstest du das lernen?

Bühnenpräsenz hatte ich schon früh. Ich war zwar ein schüchternes Kind und sollte verspätet eingeschult werden, weil ich so unselbstständig war. Aber wenn ich auf der Bühne stand – auch schon bei Kinderkrippenspielen oder so etwas –, kamen Präsenz und Selbstbewusstsein aus mir heraus als etwas ganz Natürliches. Das hatte ich nie erzwungen, es aber als genau mein Ding erlebt. Meine Lehrer bemerkten, dass das nicht zusammenpasste: hier das schüchterne Kind, da das Mädchen auf der Bühne. Das ist bis heute so. Und es ist bis heute getrennt: ich ganz privat und ich auf der Bühne.

Wenn du heute mit Kollegen auf der Bühne bist, fallen da qualitative Unterschiede auf? Ein Roger Cicero stammte auch aus einer großen Musikerfamilie; aber manches „Talent“ verdankt seine Aufmerksamkeit ja sogenannten „Formaten“. Was bemerkst du?

Schwer zu sagen. Talent hat man – oder eben nicht. Durch die Fernsehshows wird man natürlich in etwas hinein gedrückt. Das, was ich spielerisch entdeckt und ausgebildet habe, wird in solchen Shows verformt. Deswegen halte ich diesen Weg für schwieriger und habe mich dagegen entschieden, auch wenn die Gewinner und auch viele Teilnehmer natürlich Talent haben. Mir ist es wichtig, ich selbst zu bleiben, meinen Stil zu haben und aus mir heraus weiterzuentwickeln. Dass das bisher gelungen ist, macht mich auch sehr dankbar.

Was ist deine Erfahrung mit Casting-Shows?

Es ist ein Puppenspiel. Ich war als Sech- zehnjährige bei „X Factor“. Sehr unan- genehm! Eines muss man wissen: In diesen Shows geht es nicht darum, was und wie du singst, oder tanzt, sondern um die Show. Du bist Kulisse, oder bes- ser: eine Puppe. Aber diese Formate ver- lieren an Quote, weil immer mehr Leute erkennen, dass neue Talente zu finden nicht im Vordergrund steht. Ehrlich ge- sagt, ich hoffe, dass sich diese Shows bald erledigt haben.

Wenn du „spielerisch“ sagst, klingst du sehr authentisch. Machst du dich frei von Leistungs- oder Erfolgsdruck?

Leider nicht! Ich wünschte, das wäre so [lacht]. Aber ich bin sehr zielstrebig und ehrgeizig, will den großen Erfolg. Ich setze mich sehr unter Druck, schon immer. Ich hatte früh große Möglichkeiten wie die Auftritte mit Roger Cicero, eine Tournee mit 15 Jahren, überall Standing Ovations. Ich war Special Guest, Roger hat mich auf dem Klavier begleitet. Das war eine Wahnsinnserfahrung. Aber es ist als junges Mädchen schwer, damit richtig umzugehen. Du weißt, wie es sich anfühlt, von den Massen gefeiert zu werden. Das wieder und wieder zu erreichen ist wahnsinnig schwer. Jetzt geht es mir mehr darum, dass Künstlerdasein zu entwickeln. Ich schreibe und komponiere viel, für andere und für mich selbst. Ich hatte schon früh Produzenten, die mir Songs geschrieben haben, bei denen ich schnell merkte: Das ist es nicht, das fühlt sich falsch an. Was ich singe und spiele, muss von und aus mir kommen und natürlich sein.

Es gibt die Theorie: So lange große Musiker Leid empfinden und es nicht heilen können oder mit Drogen oder Alkohol zu lindern trachten, schaffen sie Großartiges wie Janis Joplin. Was ist deine Meinung?

Da ist etwas dran. Vielleicht nicht immer in so extremem Maße. Aber ich denke, dass die Voraussetzung, zu schreiben, mit Leidenschaft zu singen und die Leute zu erreichen, eine „Grundsensibilität“ sein muss. Mein Ziel ist es etwa, dass die Leute weinen. Ich beschäftige mich mit tiefgreifenden Themen wie Religion oder Philosophie. Da gibt es Bereiche, die mich sehr ergreifen und inspirieren für meine Musik. Es muss nicht immer der Weg der Drogen sein, aber Sensibilität, mit einer gewissen Durchlässigkeit, Melancholie. Und die habe ich auch.

Gab oder gibt es Momente, in denen du bei dir Defizite spürst? Zum Beispiel weil du noch sehr jung bist und bestimmte Lebenserfahrungen noch nicht machen konntest?

[überlegt] Ich glaube, ich habe gar nicht so wenig erlebt. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich sogar ziemlich viel erlebt. Dass ich noch sehr jung bin, ist immer wieder Thema, das bemerke ich schon. Es ist manchmal schwierig, Jugend und Lebenserfahrung in Balance zu bringen. Mit 13 habe ich beim Kinderkanal an einem Komponisten-Wettbewerb teilgenommen. Da wollte man aus mir einen Kinderstar machen. Aber ich war schon viel weiter, das hat nicht gepasst. Nun bin ich eine junge Frau, relativ zufrieden und bekomme langsam so etwas wie eine Vision. Ich will mich weiterentwickeln. Ich hoffe, dass das nie aufhört, und glaube auch, dass es das Schicksal von Künstlern ist, immer auf der Suche zu bleiben. Ich merke, dass das sehr anstrengend ist.

Mischst du dich ein, wenn es darum geht, deine Musik zu veröffentlichen? Bist du Teil der Produktion?

Ja, ich mache wirklich alles selbst. Eben weil ich bemerkt habe, dass der andere Weg für mich nicht funktioniert. Natürlich arbeite ich mit einem Team. So habe ich in Freiburg einen tollen Mit-Komponisten, mit dem ich nerdige Writing-Sessions mache. Ein ganzes Wochenende schreiben und probieren wir bis in die Nacht. Das tut mir sehr, sehr gut.

Kannst du schon, während du noch schreibst, „hören“, was da entsteht?

Ich habe ständig Melodien im Kopf. Bei mir geht alles über die Melodie. Ich bin dankbar, im Studium darüber so viel gelernt zu haben. So habe ich Methoden entwickelt, mich an Melodien heranzuwagen. Wenn man so viel in seinem Kopf hat, ist es mitunter schwierig, alles zu ordnen. Ich komponiere natürlich mit Hilfe des Klaviers, eines Beats und singe, gehe inzwischen aber fast wie ein Handwerker vor. Melodien sind immer da. Ich könnte auch jetzt spontan einfach etwas singen oder schreiben.

Merkst du beim Komponieren mitunter, dass eine Melodie gar nicht deine ist und du dabei bist zu kopieren, ohne es zu wollen?

Die Gefahr besteht immer. Manchmal bemerke ich es frühzeitig selbst, manchmal machen mich andere darauf aufmerksam. Ich kenne Leute, die arbeiten ganz bewusst am Rande der Kopie. Ich weiß, wer sich bestimmter Programme bedient, die aus bestehenden Songs oder Fragmenten Songs machen. Ich war in der Ausstellung über David Bowie, wo man mit so einem Programm herumspielen kann.

Was ist das Management für dich? Partner? Dienstleister?

In erster Linie Partner. Es muss menschlich und kreativ harmonieren, die Vision muss dieselbe sein. Das gilt genauso für Produzenten und das gesamte Team. Als ich als junges Mädchen ins Studio kam und die ganzen Knöpfe und goldenen Schallplatten sah, war ich tief beeindruckt und verunsichert. Auch heute noch, als junge Frau, denke ich oft, dass es für uns schwieriger ist, respektiert zu werden, als für junge Männer. Gerade von den Hit-Produzenten, die Hunderte von Schallplatten gemacht haben. Sobald aber der menschliche Draht da ist, wird es leichter und dann richtig gut.

Ältere Stars klagen, wegen YouTube, iTunes und Co. würden ihre Verkäufe einbrechen. Wie siehst du das als junge Künstlerin: Verweigern sie sich nur der neuen Zeit oder ist das wirklich ein Problem?

Vielleicht. Aber die Konkurrenz schläft ja nicht. Alle Newcomer stürzen sich auf und in die neuen Foren. Ich wünsche mir dann und wann schon, in einer anderen Zeit zu leben. Mit den neuen Medien geht auch eine neue Oberflächlichkeit einher. Damit tue ich mich schwer. Ich passe da nicht rein. Wenigstens nicht ganz.

Du gehst also den klassischen Weg, suchst dir ein Label …

... und drehe trotzdem ein Video. Ich bin einfach eine Macherin.

Das, was du machst, sucht dir aber dein Management aus?

Ja, wir sitzen zusammen und sprechen darüber, was anliegt und getan werden muss. Das sind keine Anweisungen, das sind Ideen. Und weil wir menschlich gut harmonieren, sind es gute Ideen. Am Ende laufe ich los und bin wieder die Rampensau. Good guy, bad guy. Natürlich bin ich der good guy!

Kannst du heute von deinem Beruf leben?

Ja, ich bin unabhängig, auch weil ich unterrichte und in Firmen Workshops gebe. Das bringt mich zugleich auf den Boden zurück. Viele drehen ja durch, weil tausende Menschen ihnen zujubeln. Das macht etwas mit dir. Ich habe es selbst gespürt nach der „White Christmas Show“. Gil Ofarim war da, Tom Beck und viele andere. Das Gefühl auf der Bühne: grandios. Das Gefühl im leeren Hotelzimmer: einfach doof. Meiner Mutter ist sie schon zu der Zeit mit Roger Cicero an mir aufgefallen, diese unbestimmte Traurigkeit. Mütter spüren so etwas. Darum ist mir der Ausgleich so wichtig, den das Unterrichten bietet.

Das heißt, du achtest bewusst darauf, sozusagen nicht abzuheben?

Ich brauche schon die Anerkennung und ich bin sicherlich auch ziemlich egozentrisch. Mich auf einer Bühne ausleben zu können, ist fantastisch. Aber ich arbeite ständig an mir. Roger Cicero war und bleibt mir in dieser Hinsicht ein Vorbild: Er hat vor und nach dem Auftritt Power-Yoga gemacht. Zuerst immer einen Kopfstand. Und er achtete auf seine Ernährung, hat Sport gemacht, gut und achtsam gelebt. Und das hat er mir vermittelt, wie vieles andere auch. Aber ich habe meine Familie, Beschäftigungen jenseits des Business – und werde sicherlich nicht zur Psychopathin.

Weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für das Interview!

Kategorie: Talente
Chapeau - Das Magazin für kultivierte Lebensart - Logo