The Summit Bergisch-Gladbach

Klaus muss raus…

Für findige Gourmets und genussfreudige Lebenskünstler sind die jährlichen „Wine Awards“ im Frühjahr ein fester Termin. Auch CHAPEAU-Reporter Klaus ließ sich jetzt vom Glücksversprechen auf hochklassige Speisen und erlesene Weine anlocken – und berichtet von einem zweitägigen Fest vielfältigster Gaumenfreuden.

Ja: die alte Leier. Klaus muss raus... Man kann’s allein tun, aber auch zu zweit. Sogar zu dritt – und das haben wir diesmal getestet. Mein Herausgeber begleitet mich, dazu ein lieber Freund und Lieblings-Gastronom. Wir fahren nach Bergisch-Gladbach zu den „Wine Awards 2018“ im Althoff Grandhotel Schloss Bensberg – eine 48-stündige exorbitante Schlemmerreise.
Während dieser zwei Tage, in denen ich zwischen Auto und Hotel, Salons und Festsälen, Hotelbett und wieder Auto pendele, verfasse ich ein kulinarisches Tagebuch. Ein Führer für die kommenden Jahre: „The Summit“, geschrieben für abertausende Leser, die ganz sicher Lemmingen gleich meinen Empfehlungen folgen werden. Oder zumindest ein Führer für Leute, die wenigs- tens dann und wann auf Oldenburger Mockturtle verzichten wollen. Ein Führer durch ein herrliches Hotel und zahlreiche Kochstationen, Weinbars, Kaviar-, Austern- und Champagnerausgabestellen. Ein Führer durch die „Wine Awards 2018“ .
Zuerst ein Blick auf die Waage: Ich, der CHAPEAU-Korrespondent in Bergisch- Gladbach, wiege vor dem Gourmet-Gelage 72 Kilogramm. Dann starten wir bei herrlichstem Sonnenschein die Reise. Gern würde ich von einem lauen Nachmittag in einem offenen Sportwagen schreiben, al- lein: Es gibt keinen wilden Ritt entlang der A31, keine klaffenden Oberhemden, kein wehendes Haar. Stattdessen eine sichere und angenehme Fahrt im Familienwagen des Lieblings-Gastronomen und dann die pünktliche Ankunft im etwas verschlafen wirkenden Bergisch-Gladbach. Aber was für ein Empfang auf Schloss Bensberg! Livrierte Doormen am Ende der bekiesten Schlossauffahrt, eine Lobby, die nichts hat von einer gewöhnlichen Hilton-Hotel-Atmosphäre. Keine lauten Amerikaner oder aufdringliche Schweden, keine Horden organisierter chinesischer Touristen und keine herumkommandierenden Deutschen oder impertinente Empfangsdamen. Hier erwartet uns gelassene Ruhe, Herzlichkeit und ein erstes Glas Champagner, während ein zuvorkommender Helfer das übersichtliche Gepäck bereits auf die Zimmer im ersten Stock schafft. Apropos die Zimmer: ein geschmackssicherer Mix aus Antiquitäten und Stilmobiliar, schweren Vorhängen, wertvollem Teppich, reichlich Gold und Marmor im Bad. Das schreit geradezu nach einem Nickerchen mit anschließendem lauen Wannensitzbad. Da wir drei bereits rasiert sind (merke: Je schöner die Rasur, desto besser die Laune), brauchen wir uns später nur noch in unsere Smokings zu werfen und können sogar noch ein weiteres Gläschen Schaumein genießen, bevor es langsam aber sicher ernst wird. Um 18 Uhr heißt es: „Antreten im Foyer. Empfang!“ Schade, den Zimmer-Luxus hätte ich gern noch länger genossen.
800 (!) Gäste tröpfeln aus teuren Sportwagen, Limousinen und Taxen. Die Damen überwiegend in Lang, mehrheitlich juwelenbehangen, die Herren im Smoking (wobei ich hier und dort auch den selten gewor- denen Frack ausmachen kann). Man reicht Champagner aus Doppel-Magnum-Flaschen (Moët et Chandon Brut Impérial), Austern und ein Fingerfood, das einfach Staunen macht: auf der Haut gebratener Saibling mit Lakritz und Apfelgel, gebeiztes Kalbsfilet mit Avocado, Tomate und Focaccia, Tarteletts mit Pecorino und Steinpilz-Espuma, „Glücksrollen“ aus Jacobsmuschel-Tatar mit Koriander und Ingwer. Das alles so flott und reichlich serviert, dass wir glauben, wir seien doch nur zu dritt. CHAPEAU!
Exakt eine Stunde später, um 19 Uhr, präsentiert TV-Moderatorin Barbara Schöneberger im Gala-Zelt die Gewinner der „Wine Awards 2018“ und stellt die uns bekochenden Spitzenköche vor. Ohne jetzt in ermüdendes Name-Dropping verfallen zu wollen: Joachim Wissler, Harald Wohlfahrt, Christian Jürgens und Nils Henkel stehen allein für zwölf Sterne – jeder einzelne von ihnen hat sich bereits derer drei erkocht. Johann Lafer, Holger Lutz und Denis Feix bringen es zusammen noch einmal auf drei Sterne; Marcus Graun, Henry Burghardt und Thomas Schanz stehen in „Der Feinschmecker“ und im „Gault Millau“ an vorderster Front. Als dann auch noch Ernst Loosen vom Weingut Dr. Loosen seinen „Erdener Prälat“, Dirk van Niepoort seine legendären Portweine und Manfred Tement seine Spitzenweine aus Österreich ankündigen, wird nicht nur mein Lieblings-Gastronom spürbar unruhig. Harold Faltermeyer steht noch auf der Bühne, Barbara Schöneberger singt, souverän begleitet von Helmut Zerlett und Band, einen alten Faltermeyer-Top-Hit, da geht es schon Richtung Festsaal.
Wir sind ja clever: Mein Herausgeber macht einen Tisch für Drei klar, mein Lieblings-Gastronom den ersten Gang, während ich sechs Dosen Kaviar heranschaffe: Imperial Caviar malossol - zwei für jeden sollen es schon sein. Christian Jürgens reicht seine überragende „Kartoffelkiste“: mit lauem Eigelb gefüllter Kartoffelwürfel, Périgord-Trüffel-Espuma und Trüffelsalat. Schloss Reinhartshausen serviert dazu den Hattenheimer Wisselbrunnen Riesling Kabinett „Große Lage“. Das ist SO gut, dass der Herausgeber gleich noch einmal Nachschlag organisiert. Fast möchte man sagen: unnötigerweise, denn der nächste Gang von Nils Henkel schreit ebenfalls nach mehr: Hirasama Kingfishmit Vadouvan, Kichererbsen, Minze und Sesam. Dahinter fällt, bei allem Respekt, Johann Lafers Ochsenschwanzpraline mit Ochsenbäckchen, Holunderzwiebeln und Brunnenkressepüree etwas zurück. Dann markieren Dennis Feix mit Gänseleber, Feige, Vogelbeere – ein einziger, wenn auch rasch endender Traum – und Holger Lutz mit Short Rib, Zitronenconfit, Topinambur und eingelegten Rübchen die Halbzeit im Ballsaal.
Liebt man gutes Essen, guten Wein: Im Ballsaal findet man seinen Weihnachtsbaum - und kann gar nicht aufhören, mit der Trommel darum herum zu laufen. Strahlende Augen, selig lächelnde Gesichter und ein Lieblings-Gastronom, den ich mit „Endstand!“ korrekt zitiere. Trotzdem zieht es uns weiter in den angrenzenden Salon Goethe. Und dort steht er dann: Harald Wohlfahrt. Möglicherweise erlebe ich hier das letzte Mal ein Essen von dieser lebenden Legende, die in Baiersbronn „zurückgetreten“ ist - und künftig wohl nicht mehr kochen wird. Trüffel-Käse-Ravioli mit Artischocken, rotem Paprika-Kompott und Pistou-Marmelade lesen sich bescheiden, sehen auch nicht großspurig aus, sind aber wahrscheinlich der komplexeste, phantastischste Gang des Abends. Ich fasse nicht, dass Menschen so kochen können. Begeisterung löst auch Wohlfahrts Weinempfehlung aus: Clüsseraths Apotheke Riesling feinherb. Sein Nachbar Thomas Schanz hält das hohe Niveau mit einem Tatar von der Königskrabbe mit Krustentiergelee und Apfel-Sud.
Den Weg in den zweiten Flügel versüße ich mir mit einer Zigarette. Eine laue Nacht, ein kurzer Gang von 50 Metern über den schönen Hof und dazu der Gedanke, dass dies einer der schönsten Abende ist, die sich ein Mann wie ich, jenseits seiner Lebensmitte, nur wünschen kann. Doch, doch - gelegentlich begreife ich die Vorteile meiner Lage schon. Selbst unter den widrigen Umständen meines Wirtshauslebens, wie manche etwas abschätzig mein Ringen um das tägliche Brot nennen, ist es mir doch möglich, das Gefühl eines alleinigen Genussrechts an Wundern wie diesen beizubehalten. Mein eitler Gedanke vom „alleinigen Genussrecht“ zerstiebt, als ich mit dem Entern der Chambre die Hundertschaften bildschöner Gäste erblicke. Dennoch fühle ich mich vom Glück begünstigt und beklage mich nicht allzu sehr. Genauso wenig wie der Herausgeber und der Lieblings-Gastronom, denn: Jetzt erwartet uns Joachim Wissler! Seine Lechtal-Seeforelle, Miso gebeizt, gepickelte Bete, schwarze Sesamvinaigrette und Mecklenburger Wildkräutersalat verdienen erneut drei Sterne. Weidelammrücken und kleine Alblinsen, Spitzmorcheln, grüner Spargel und Vadouvan-Gewürzjus zerschmelzen am Gaumen. Marchese Fumanelli höchstselbst bietet 2014-er Squarano Valpolicella Classico Superiore an, und wir drei lassen jeder noch eine zweite Portion Lamm schmelzen. Tief stapeln Marcus Graun und Henry Burghardt: Thunfischtatar, Avocado, Zitronentatar mit Fenchelvinaigrette und Fenchelpollenöl klingen so vertraut wie Fagotelli Brokkoli mit gehacktem Eiweiss und Butterbröseln, sind dann aber geschmacklich so überraschend und klar, dass zumindest der Lieblings-Gastronom noch einmal seine innere Rangliste überarbeitet.
Finale? Finale. Salon Medici, von Dominik Eick und seinem Team thematisch in Richtung „Fluch der Karibik“ gerückt (wenigstens sind selbst Spuren der Medicis komplett ausgelöscht), liefert ein Nachspeisen-Feuerwerk ab: Zwanzig Desserts stehen zur Auswahl. Sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Aber der Rum-Punch aus dem Stickstoffbad, das Palmenherz mit Melasse, Limette und Mojo verde , auch die Earl-Grey-Tea-Canache mit Ofen-Papaya KANN ich nicht unerwähnt lassen. Während mein Herausgeber verträumt an etwas Cajusorbet und Kokoseis nascht, der Lieblings-Gastronom einem Grog-Slush und Pink-Guave Daiquiri zuspricht, setzt draußen ein Feuerwerk ein, das der benachbarten Grande Nation am 14. Juli zur Ehre gereichen würde.
Die Bel Etage ist gut gefüllt mit den Preisträgern der „WineAwards 2018“. Die Damen und Herren Preisträger zeigen sich sehr entspannt – und ÄUSSERST großzügig. Niemand von uns hat etwas gegen Niepoort Vintage 1983, niemand lehnt ein zweites oder ein drittes Glas dieser Kostbarkeit ab. Loosens Riesling Auslesen aus der Großen Lage Erdener Prälat? Immer gern. Die Goldkapsel 2012 – ein Jahrhundertwein. Die Réserve aus dem selben Jahr – noch ein Jahrhundertwein. Nach reichlich Jahrhundertweinen und weiteren Dosen Kaviar – eine ausgezeichnete Grundlage – weiß ich: mein Jahrhundert!
Der Festball im Ballsaal offenbart meine Begleiter als gefragte, geschmeidige und geschickte Tänzer. Leichtfüßig und wendig führen sie die eine wie die andere Schöne der Nacht über das glänzende Parkett. Der Morgen graut bereits, als wir uns auf die Zimmer zurückziehen. Wie auf Kanarienfedern schlafe ich die Nacht. Als der Tag ruft, erwarten mich im Frühstücksraum der gewohnte Liter Kefir, die große Kanne Kaffee und die Frankfurter Sonntagszeitung. Dem Grandhotel sieht man die Versehrungen der Nacht nicht mehr an, alles ist „wie immer“. Nur die freundlichen Mitarbeiter schauen aus kleineren Augen auf das Ende ihrer 48-Stunden-Schicht.

Das Fazit?

Ich darf den Lieblings-Gastronomen zitieren: „Das beste Event meines Lebens!“ Und in Zeitaufwand und Kosten billiger als Ski fahren. Der Abend kostet 280 Euro pro Person. Absolut betrachtet, ein Haufen Geld. Relativ betrachtet: ein Schnäppchen. Denn jeder einzelne Besuch bei einem dieser Köche kostet bedeutend mehr. Und dann muss auch nicht jeder Menü-Gang eines Meisterkoches gleich stark sein. Hier aber konzentriert sich ein jeder Koch auf EINEN Gang; am Ende summiert sich das auf elf makellose Gänge (ja: auch der Lafer-Gang war makellos). Gut: eine Übernachtung kommt auch noch auf die Rechnung, gleich wo (idealerweise im Hause). Dann die Fahrtkosten, ich weiß. Aber tun Sie’s. Sie werden es nicht bereuen. Versprochen. Übrigens bin ich selbst der Beweis dafür, dass elf Gänge Walking-Dinner, Kaviar und Austern nicht dick machen: Nach wie vor bringe ich 72 Kilogramm auf die Waage. Der „Wine Awards 2019“ kann kommen. Ich freue mich darauf, Sie im nächsten Jahr dort zu sehen!
Kategorie: Genuss
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