Über Verweigerung als Kunst

Interview mit Mia Florentine Weiss

CHAPEAU traf die performative Konzeptkünstlerin in ihrem Berliner Atelier und sprach mit ihr über prägende Erfahrungen, die Dualität im Leben wie in ihrer Kunst und über Verweigerung als Rebellion.

CHAPEAU ― Vor ziemlich genau einem Jahr hörte ich zum ersten Mal von dir; als der Galerist Alexander Friedmann-Hahn auf deine außergewöhnliche Arbeit und deine ganz und gar erstaunliche Karriere hinwies. Würdest du deine Karriere, deinen Weg selbst auch als außergewöhnlich bezeichnen?

Mia Florentine Weiss ― Eher als organisch. Ich glaube, dass alles vorherbestimmt war. Erstens gibt es keine Zufälle. Zweitens hat sich alles sehr schnell ergeben, als eine Verkettung, bei der ein Faktor stets zum anderen geführt hat. Alles musste so sein, denn ohne das, was vorher war, hätte das, was jetzt ist, nicht so werden können.

Du hast 1999, unmittelbar nach dem Abitur, das zehnjährige Projekt „What is your Place of Protection?“ begonnen. Stammt daher der Plan, dich künstlerisch auszudrücken, also bereits aus Schulzeiten?

Ja. Meine Mutter war an der Folkwang-Schule in Essen. Damit war für mich klar, ich muss meinen eigenen künstlerischen Weg finden. Ich hatte keinen Kunst-Leistungskurs, habe weder Mappen-Vorbereitung gemacht, noch mich nach dem Abi an einer Kunsthochschule beworben, sondern war erst einmal im Ausland. Im Anschluss kam das Studium, die Schauspielschule – wo ich versucht habe, einen Weg zwischen darstellender und bildender Kunst zu finden. Als ich einmal in Namibia war – meine Urgroßmutter ist in Afrika geboren –, hatte ich eine Performance mit dem Stamm der Himba. Eine prägende Erfahrung. Das Bauen, das performative Arbeiten, „Objets trouvés“, Heimat, Erde, das Zusammenführen von Dingen – das ist ein integraler Bestandteil meiner Arbeit, der sich herauskristallisiert hat. Um es kurz zu machen: Familiär bin ich akademisch geprägt; meine Mutter hat Kunst und Design studiert. Ich musste rebellieren und alles auf eigene Art durchleben. Das hat mich zur Installations- bzw. Konzeptkunst geführt. 1999 war der Beginn eines ganzen Lebens- abschnitts, der mich auf jeden Kontinent reisen und die Frage stellen ließ: „What is your Place of Protection?“. Daraus habe ich 54 Videos gemacht, die ein großes Ganzes ergeben: Die Apokalypse unserer Welt. Es ist nämlich völlig egal, welcher Religion du angehörst, ob Du Mann, Frau oder intersexuell bist, ob schwul oder lesbisch, wen du liebst, was du machst ... Die Sehnsucht nach Geborgenheit verbindet uns alle! Und das ist der rote Faden, der sich durch meine Werke zieht.

Wenn du auf allen Kontinenten warst, gab es einen – oder mehrere –, der besonders apokalyptisch war? Erinnerst du besonders bedrohliche Situationen?

Ja und nein. In Indien hatte ich eine Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, zwischen „alles haben“ und „nichts besitzen“. Diese spirituellen Erfahrungen waren und sind mir eine große Stütze. Aber ich fand dort alles weniger bedrohlich als z.B. in Moskau zur Zeit des Tschetschenien-Krieges, wo ich mit Bombenalarm und explodierenden Hochhäusern konfrontiert war. Ich habe Leichenteile nach Anschlägen gesehen ... Das hat mich sehr stark geprägt. Dieses Bedroht sein inmitten einer Metropole im Alter von 19 war mit Sicherheit ein Auslöser für meine Auseinandersetzung mit dem Faustschen Dialog, mit Leben, Tod, Schönheit, Krankheit, Hoffnung Niederlage – diesen „gegenteiligen-Paaren“.

Ist Anerkennung von außen sehr wichtig für dich, oder stehst du in einem inneren Einklang mit dir und sagst: So sollte es sein, so ist es gut?

Ich mache, was ich tue, weil ich nicht anders kann. Ich habe keinen „Plan B“. Ich sag’s mal mit den Worten von Marina Abramovic. Sie wurde anlässlich ihrer Ausstellung im MoMA gefragt, wie die Leute mit ihrer Arbeit umgehen. Und da sagte sie, mit ihrem schweren serbischen Akzent: „You know what? I did it when I was young and people thought I’m crazy. Now I have MoMA-Show and everybody loves me. But I do the same things I did 40 years ago.“ Und ein bisschen fühle ich mich auch so. Ich habe das schon immer gemacht und kann auch gar nicht mehr differenzieren, was ist jetzt erfolgreich, besser ... Ich bin dankbar für die Anerkennung, die mich bestärkt, in dem, was ich tue. Mir ist bewusst, dass immer mehr Leute, Institutionen, Sammler auf mich zukommen, ich mehr verkaufe, mehr Messebeteiligungen bekomme. Der Weg, den ich vorhin als organisch beschrieb, erfüllt sich wie eine Expotential-Funktion von selbst. Jeder Baustein, der dazukommt, baut diese Kunst-Idee, der ich mich verbunden fühle, weiter aus.

Brauchst du inzwischen Manager, Agenten – oder bist du autark?

Mittlerweile arbeite ich mit unglaublich vielen wunderbaren Menschen in diesem wachsenden Apparat. Ich komme mir manchmal vor wie das Alien: Es will immer mehr, es wird immer größer, verschlingt immer mehr Sachen. Ich habe eine Art-Factory laufen, von der ich vor zehn Jahren nicht gedacht hätte, dass so viele Menschen involviert sein könnten. Also: wenn irgendjemand Interesse hat, kann er sich gerne über CHAPEAU bei mir melden: Bedarf habe ich immer [lacht]. Ich kann keine üppige Bezahlung bieten, aber viel Spaß ... Harte Arbeit, we- nig Schlaf. Das Motto lautet „hush, hush“, denn „hush“ ist das neue Schlafen. Ich habe sehr viel zu tun, lebe das aber auch – weil es keinen anderen Weg gibt

Stichwort: München, Siegestor … Was hat sich denn da finden lassen – oder was hast du denn da gefunden?

Nun, viele Prozesse, Anfragen, Genehmigungen etc. haben dazu geführt, dass 2018 zum „Faust-Jahr München“ eine riesengroße Doppelinstallation von mir – also zwei „LOVE/HATE“-Skulpturen als Dualismus – am Siegestor in München steht. Das ist schon ein Kraftakt. Und der kommt einzig und allein durch mich.

Und den damit verbundenen Zirkus aus Bauamt, Statik, Fluchtwegeplan etc., das machst auch alles du, oder hast du das wenigstens an einen Architekten abtreten können?

Es gibt da eine nette Galerie in Berlin, die wir ja beide kennen [lacht]: Friedmann-Hahn, die nehmen mir unglaublich viel ab. Aber der Nucleus, das ist immer der Künstler. Ich bin da extrem perfektionistisch. Es kommt nichts raus, was nicht einmal durch mich hindurchging und bekreuzigt wurde.

Ist meine Vorstellung, das Künstler- leben, der Kunstbetrieb, sei eine heile gute Welt, eine reichlich naive?

Jaaa. Ich glaube, der Kunstbetrieb ist genauso schwierig wie jeder andere Betrieb. Ich habe gerade mit dem Emotion-Magazin, der Frauenzeitschrift, ein Projekt gemacht, und zwar die Neon-Skulptur „NOW WON“. Sie stand als temporäre Installation vor dem Berliner Reichstag und steht jetzt im URBAN NATIAN MUSEUM FOR CONTEMPO- RARY ART BERLIN. Ich war gebeten worden, zum Thema Gleichberechti- gung/Gender ein Statement abzugeben, nicht nur zum Thema Frauen, sondern Minderheiten generell. Dazu ist mir das Schlagwort „NOW“, also „Jetzt“ eingefallen, das, von der Rückseite gelesen, das Wort „WON“, also „gewonnen“, ergibt. „Jetzt gewonnen!“ Die Utopie, der wir noch nicht nahe sind. Wir haben ja noch nicht einmal eine Regierung ... Also war die Idee, mit dieser Neon-Installation eine Art Mahnmal zu schaffen: Was kann ich/können wir jetzt tun? Wenn wir das Interview vor zwei Jahren geführt hätten, dann wäre ich nie auf die Idee gekommen, Brexit, Exit, Frexit(?), Trump, Nord-Korea oder Erdogan als Nachbar könnten für mich eine ernsthafte Bedrohung darstellen oder überhaupt in Europa spürbar werden!

Zurück zum Kunstbetrieb? Wie ist er nun?

„LOVE HATE“ zeigt es doch: einer liebt es, einer hasst es. Das sind die beiden Pole. Und es ist gut so! Wenn irgendwann mal jemand sagen würde, ach, die Weiss, ja, ganz interessant ..., dann müsste ich etwas Neues machen! Die Menschen sollen begeistert sein oder es ganz schrecklich finden und nicht damit zurechtkommen. Es ist immer gut, wenn Kunst mit demjenigen, der sie betrachtet, etwas tut. Alles, was belanglos ist, zum Sofa passt – das bin ich nicht. Ich werde immer beurteilt, geliebt oder gehasst. Kunst ist eines: Verweigerung. Wir brauchen mehr Verweigerung. Jeder redet jedem nach dem Mund, du kannst deine eigene Meinung kaum noch ausdrücken. Nein, nein: die Kunst der Verweigerung ist Kunst.

Hast du das Bedürfnis, Leuten, die deine Kunst ablehnen, deine Arbeit zu erklären?

Es kommt darauf an, wer derjenige ist. Prinzipiell lasse ich aber die Arbeit so stehen. Ich lasse eher „Two-Word-Poems“ leuchten und sprechen. Man versteht es – oder auch nicht.

Wir sprachen über Marina Abramovic, die als Serbin möglicherweise im Krieg Traumatisches erlebt hat. Du erzähltest von Grenzerfahrungen. Gehört erlebtes, gelebtes Leid für dich zu den Grundlagen künstlerischer Arbeit?

(etwas zögerlich) Es gibt einen Satz: „Pain is the patrol of creativity.“ Und in meinem Falle ist er leider wahr. Ich brauche die Notwendigkeit von Bedürfnissen, die nicht erfüllt sind. Als Motor für grenzenlose Kreativität. Wenn du überleben musst, wenn du etwas realisieren willst. Und am Ende bist du weiter, als du kommen wolltest. Ich habe mich in Grenzerfahrungen begeben, die auch gefährlich waren – und es war mir egal. Hauptsache, ich kann meine Idee umsetzen und andere mobilisieren. Wenn es dir zu gut geht, setzt eine Form von Bequemlichkeit ein ... Ich will nicht sagen, dass Jeff Koons weniger kreativ geworden ist, weil er den Riesen-Erfolg hat, aber ich glaube, Kunst muss etwas am Limit sein. Das erleben andere Künstler vielleicht in anderer Form; da bin ich clean. Ich schlafe schon wenig, bin immer auf der Suche, Geld ist nur dazu da, neue Sachen zu machen. Ich trage zum Beispiel meine Schuhe (zeigt ein Paar bestickter Biker-Boots), seitdem ich damit auf dem Hollywood-Sign war, also seit 2011.

Ja – die sind hin…

Lustigerweise gibt es Freunde und Sammler(innen), die zu mir sagen, „Komm, wir kaufen dir mal Schuhe“... Aber Schuhe kaufen ist für mich Zeitverschwendung, solange mir die hier nicht von den Füßen fallen. Ich habe also nur den Focus auf das, was ich erreichen, was ich umsetzen will.

Es gab in der Zeit um den 1. Weltkrieg den Dichter Gustav Falke. Und der schrieb die Zeilen „Herr, lass mich hungern, dann und wann/ Satt sein macht stumpf und träge./ Und schick mir Feinde, Mann um Mann,/ Kampf hält die Kräfte rege.“ Das habe ich mir mal von meinem Bruder kalligraphieren lassen – und ist mein Wahlspruch …

... und steht auf deinem Rücken ...

Und hängt hinter meinem Schreibtisch.

Deswegen siehst du so gut aus und bist so gut in Schuss!

Das glaube ich nicht. Ernsthaft: Ich glaube an die Entbehrung. Den Kampf; also den täglichen. Und bin kein Künstler … Als du mit deinem Pegasus-Projekt die Kontinente bereist hast, werden die einen gedacht haben: Oh, Kunst, und die anderen: Eine Irre! Glaubst du, der Mensch erkennt Kunst, wenn er vor ihr steht?

Entweder erkennt er, das ist Kunst, oder er erkennt, dass du verrückt bist. Das ist das Gleiche. Das ist ein bisschen das Ge- heimnis: für verrückt gehalten zu werden. Erinnerst du Holly Golightly, die in sich „Breakfast at Tiffany’s“ eine Maske im Laden aufsetzt und einfach hinausläuft? Du musst so offensichtlich etwas machen, so wahnwitzig, dass es niemand aufhalten kann. Too big to fail. Sonst wäre ich nie auf dem Hollywood-Sign gewesen oder im Grenzgebiet in Indien mit Schwert und Schild oder hätte nicht vor dem Reichstag gestanden. Wie sonst kann man im Museum eine Live-Still-Performance organisieren? In einer Apotheke der Anomalien? Und: NIE Angst haben. Was soll schon passieren?

Ich erinnere das Bild der US-Polizisten („Police Angel“), die mit dir als Engel und auch mit Blut konfrontiert werden. Das wirkte so echt, so uninszeniert.

War es auch! Die waren vollkommen fassungslos, sind nicht ausgestiegen und haben mich einfach machen lassen. So muss es aber sein, davon lebt performative Kunst. Vollkommen egal, ob das aufgenommen wird oder jemand dabei ist. Die ersten Perfomativen, Klauke zum Beispiel, haben das einfach gemacht, weil sie es wollten, wichtig fanden. Was ich damit sagen will? Ich will einfach nur zeigen, was eigentlich ein Gefühl ist – und davon ein Extrakt übermitteln. Weil ich mir vielleicht vorstelle: Das kann der Welt nicht schaden. Außerdem kann ich nichts anderes.

Deine Sammler: Kennst du die? Musst du die kennen? Willst du die kennen?

Da so viel Herzblut in meinen Arbeiten steckt, habe ich den Tick, meine Arbeiten wie Wesen, WesenWerke, WortKinder in die Welt zu entlassen. Deshalb ist es mir nicht egal, wo sie landen. Ich habe schon Sachen nicht verkauft, weil mir die Situation nicht stimmig schien. Auf der anderen Seite habe ich mal einen Bluttank gebaut, und der sollte vergraben werden, weil ich die Vorstellung nicht ertragen konnte, dass sich daran jemand ergötzt oder ihn zur Schau stellt. Ich musste die coole Person finden, die das kauft und vergräbt. Genau so kam es ...

Ohne jeden Gedenkstein oder ein Signatur-Äquivalent? Einfach „weg“?

Doch, doch, mit Gedenkstein. Also, wenn es geht, kenne ich den Sammler gerne persönlich, wenn nicht – auf Messen wie Miami geht das gar nicht – dann leider nicht. Aber in Deutschland kenne ich durch die hervorragende Galerie-Arbeit die meisten.

Kannst du in deinem Leben eigentlich unbeschwert Momente genießen, ohne dass da gleich ein Prozess künstlerischer Auseinandersetzung stattfindet?

Das geht nicht mehr. Mit 19, als ich mein Abi gemacht habe, habe ich geschrieben: „I’m art/ says my heart/ I’m a born idea/ that’s why I’m here“. Und das wurde immer schlimmer ...

Ist #metoo im Kunstbetrieb bzw. für dich als Frau ein Thema?

Auf jeden Fall! Und gut, dass du es ansprichst. Dann kann ich nämlich was loswerden: #metoo halte ich für den völlig verkehrten Projekt-Namen. Denn ich will ja nicht, dass eine Opferrolle in den Vordergrund gestellt wird. Deswegen ist mein favorisiertes Hashtag: #fuckback. Fände ich besser ... Aufstehen! Wehren! Wenn mich einer doof anquatscht, gehe ich da sofort hin: „Was willst du? Verpiss dich!“ Mir ist noch nie etwas Schlimmes passiert, vielleicht kann ich deshalb damit so unbefangen umgehen. Aber ich bin mir sicher, dass jede Frau schon mal so etwas runterschlucken und sich mit solchen Dingen befassen musste, die wir nicht brauchen und die aufhören müssen. Mit Yoga und esoterischer Energie werden wir aber nichts ändern. Und #metoo hat einfach keine Haltung; also, der Begriff selbst nicht. Und Haltung, Haltung fehlt. Meinung. Offen, klar.

Ängstlich wirkst du nicht, dafür etwas heimatlos. Ateliers hier, in Berlin, in Frankfurt, L. A. Schlimm?

Nein. Meine größte Stabilität ist die Instabilität. Meine Heimat ist die Heimatlosigkeit, meine Sicherheit die Unsicherheit, meine Schwäche meine Stärke.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Kategorie: Menschen
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