Veröffentlich am 28. September 2017 von Contentley

Wir haben die Wahl
02.01. Menschen


Wir haben die Wahl
TEXT: Klaus von Due

Die haben wir ja alle paar Jahre mal. Und die Wahlbeteiligung ist mal so, mal so. Womit ich sagen will: sinkend.

Meine Gedanken dazu drehen sich weder um Partei- noch Gesellschaftspolitik, weder Politikbegeisterung noch -verdrossenheit. Weder um Öffnung noch um Schließung unserer Grenzen. Es geht mir um ganze drei Worte:

Uns, die Wähler.

Mit beinahe 50 blicke ich sooft zurück wie (bedeutend unsicherer) voraus. Ich bedaure manches, machte vieles genauso wieder und wieder, aber: in die Politik wollte und will ich nicht. Nicht als ich jung war, nicht jetzt, da ich älter werde. Das brauchte ich aus meinem Demokratieverständnis heraus auch nicht, denn: ich bin Wähler.

Mein Demokratieverständnis ist im Grunde so alt wie ich selbst (gut, es ist jünger: ich bin als Mensch und nicht als Demokrat geboren worden). Und unsere Demokratie, hier in der Bundesrepublik, ist aus heutiger Sicht nicht viel älter. Ohne eine erregte Diskussion anstoßen zu wollen, verorte ich ihre Geburt einmal im Jahre 1949, knappe 20 Jahre vor meiner eigenen.

Seit ich im Jahr 1986 18 Jahre alt wurde, wähle ich mit dem Gefühl, dass ich, der Wähler, der Regierung vorgebe, was sie zu tun hat. Ich, der Wähler, bin der Segler. Die Regierung ist das Boot. Ich, der Wähler, bestimme nicht nur das Ziel, sondern auch den Kurs und die Geschwindigkeit. Ich, der Wähler, verbiete der Regierung nichts – aber ich erlaube. Ich, der Wähler, bin frei.

Natürlich hatte ich seither oft den Eindruck, die Dinge liefen genau anders herum. Ich ärgere mich über die Einschränkung meiner Freiheit als Raucher, über Tempolimits und über bestimmte Dinge, deren Benennung eine noch größere Kontroverse hervorriefe, als Sie Nichtraucher (genau Sie!) es sich vorstellen können. Aber darum geht es nicht. Es geht mir um mein individuelles Erleben von Unzufriedenheit, klar benennbar hier und dort, und meinen Wunsch zu sagen: Stopp!

Vom Rauchverbot einmal abgesehen, was haben wir, die Wähler, nicht alles erreicht? Was nicht alles verhindert? Die Wiedervereinigung, die Abschaffung des §175, das Ende der Atomkraft, den Beitritt zu den Vereinten Nationen, zur EU und vieles, vieles mehr.

Aber fällt Ihnen etwas auf? Das alles sind unbestritten großartige, aber ziemlich alte Hüte. Wir, die Wähler, waren 1972 zu über 90 Prozent angetreten, 2013 zu gerade einmal 71,5 Prozent. Und es ist ein regelrecht physikalisches Gesetz: je schwächer der Wähler, desto stärker die Regierung. Je stärker die Regierung, desto geringer unsere, der Wähler, persönliche Freiheit. Ja, ja, schauen Sie sich um. In Europa. In der Welt. Das ist das schöne an physikalischen, an Naturgesetzen: Sie sind evident.

Uns, die Wähler, beschäftigt heute auch das Gefühl, Deutsche zu sein. Mehr oder weniger patriotisch. Und gegen Patriotismus an sich ist gar nichts einzuwenden, solange wir und, wichtiger noch, unsere Kinder wissen, was es denn nun ausmacht, Deutsche zu sein. Deutscher zu sein, ist zunächst einmal so gut oder schlecht wie Russe, Amerikaner, Syrer oder Nigerianer zu sein. Aber auch gar nichts wert, wenn das Bewusstsein, Deutscher zu sein, auf Gedankenlosigkeit und Unwissen fußt.

Diejenigen unter uns, die demnächst zum ersten Mal an die Urnen treten dürfen, sind 30 Jahre jünger als ich – und in einem ganz anderen Deutschland groß geworden, in einer ganz anderen Welt. Lassen wir Erziehung durch das Elternhaus, die Nachbarschaft, die Schulen, den Arbeitsplatz außen vor, bleibt immer noch die Pop-Kultur, die überwiegend demokratische Werte als Grundvoraussetzung hat und einen Einfluss ausübt, dem man sich kaum (ich sage: gar nicht) entziehen kann.

Doch im nahenden dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends fühlen wir, die Wähler, uns unfreier denn je, lassen „die anderen“ wählen (Wähler, wie wir sie einmal waren), koppeln uns ab, sind „dagegen“ – und müssten nicht einmal „dafür“ sein. Wir müssten uns einfach bewusst machen, wer wir sind. Demokraten. Wähler. Der Segler, nicht das Boot.

Vergessen wir, was wir erreicht haben, vergessen wir, wer wir sind. Verkümmert die Erinnerung, verkümmert der Geist. Verkümmert der Geist, verkümmert die Freiheit. Unsere, wobei ich Mensch genug bin, um zu sagen: meine.


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